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Giovanni Guidetti (l.) ist seit 2006 Trainer der Damen-Nationalmannschaft © getty

Im Sport1.de-Interview erläutert Damen-Bundestrainer Giovanni Guidetti, was sein Team so stark macht und blickt in die Zukunft.

Von Matthias Fiedler

München ? Für die deutschen "Schmetterlinge" war die EM ein Wechselbad der Gefühle ? Platz vier jedoch auch ein Ausrufezeichen in Richtung Konkurrenz.

Bundestrainer Giovanni Guidetti hat noch viel vor und schaut bereits auf die WM in Japan, wo er mit den Volleyball-Damen des DVV noch höher hinaus will.

Im Interview der Woche erklärt der 37-Jährige bei Sport1.de, was sein Team so stark macht und warum ihn die Geldnöte des Verbandes wenig beunruhigen.

Außerdem erläutert er, warum nackte Haut dem Volleyball keineswegs schadet und wie die Bundesliga für junge Spielerinnen ihre Attraktivität behält.

Sport1.de: Herr Guidetti, Ihre Mannschaft hat nach mäßigem EM-Start ein furioses Comeback hingelegt, ist dann aber doch knapp an einer Medaille vorbeigeschrammt. Welches Gefühl überwiegt nun bei Ihnen?

Giovanni Guidetti: Ich bin sehr zufrieden. Wir haben eine super EM gespielt, obwohl wir mit Italien, der Türkei und Frankreich schwere Gruppengegner hatten. Der Halbfinaleinzug war wichtig, denn so konnten wir uns für die EM 2011 in Italien und Serbien qualifizieren.

Sport1.de: Was aber hat für den entscheidenden Wurf noch gefehlt?

Guidetti: Das Halbfinale gegen Italien hat uns viel Energie gekostet. Man hat gesehen, dass wir auf diesem Niveau noch nicht mithalten können. Gegen Gastgeber Polen haben wir uns selbst zu viel Druck gemacht, wollten unbedingt eine Medaille holen. Die Polinnen waren clever, haben einfach frecher gespielt und hatten den längeren Atem. Außerdem stand die ganze Halle hinter ihnen. Das beflügelt natürlich.

Sport1.de: Was hat Sie an Ihrer Mannschaft am meisten überrascht?

Guidetti: Der Teamspirit. Außerdem hat mich unsere Entwicklung beeindruckt. Wir haben guten und schnellen Volleyball geboten, obwohl wir ohne große Namen und mit vielen jungen Spielerinnen angetreten sind.

Sport1.de: Den Italienerinnen konnten Sie im Halbfinale zumindest einen Satz abnehmen. Sehen Sie Ihr Team hier irgendwann auf Augenhöhe?

Guidetti: Italien und Brasilien spielen im Moment auf einem anderen Level. Deshalb müssen wir dran bleiben und versuchen, immer besser zu werden. Wir wollen auf jeden Fall zu den besten sechs Teams der Welt gehören und uns für Olympia 2012 qualifizieren. Das ist der große Traum.

Sport1.de: Hat es Ihnen eigentlich besonders wehgetan, ausgerechnet gegen Ihre Landsleute den Kürzeren zu ziehen? Schließlich waren Sie vier Jahre Co-Trainer der italienischen Nationalmannschaft.

Guidetti: Nein, eigentlich nicht. Ich kenne die Italienerinnen zwar sehr gut und habe großen Respekt vor ihnen. Aber meine Volleyball-Liebe ist total deutsch, da kümmern mich andere Teams weniger.

Sport1.de: Glauben Sie, dass der EM-Erfolg Volleyball in Deutschland weiter nach vorn bringt?

Guidetti: Ich hoffe, dass der Sport dadurch einen weiteren Popularitätsschub erfährt. Den können wir gut gebrauchen, denn im Moment fehlt ein großer Sponsor, was die Sache nicht einfacher macht. Die Saison war für den Verband insgesamt sehr erfolgreich. Aus diesem Grund hoffe ich, dass wir bald einen Geldgeber finden.

Sport1.de: Müssen sich Ihre Mädels, wie im Falle Kathy Radzuweit, eigentlich immer erst ausziehen, damit man über sie spricht?

Guidetti: Ach, wissen Sie, so lang die Leute über Volleyball sprechen, ist das auch gut. Ich bin über jede positive Publicity dankbar. Das ist für unseren Sport letztlich nur förderlich.

Sport1.de: Verbandspräsident Werner von Moltke hat schon wieder Großes vor, spricht davon, die Beach-EM 2010 in Berlin und das Weltliga-Finale der Männer 2011 auszurichten. Wie soll das bei leeren Kassen denn aber finanziert werden?

Guidetti: Diese Vorhaben sind natürlich noch Zukunftsmusik. Klar, der Verband kann mit der derzeitigen Situation nicht zufrieden sein - und zu tun gibt es noch genug. Aber die Verantwortlichen versuchen alles und haben bisher nie davor zurückgescheut, den Nationalmannschaften alle möglichen Mittel zur Verfügung zu stellen.

Sport1.de: Naja, aber Ihr Team hat nun gerade auch wegen fehlender Mittel den Rückweg von der EM mit dem Bus angetreten statt mit dem Flugzeug.

Guidetti: Meine Spielerinnen geben sich mit wenig zufrieden, denn sie laufen aus Leidenschaft für die Nationalmannschaft auf und nicht des Geldes wegen. Darüber kann der Verband sehr froh sein. Das Einzige, was uns wirklich wichtig ist, sind gute Trainingsbedingungen. Und die wurden bisher immer gestellt. Wenn wir in Zukunft noch einen Sponsor finden, um weiter erfolgreich arbeiten zu können, dann wäre alles perfekt.

Sport1.de: 2010 steht die WM in Japan an. Was haben Sie sich bis dahin vorgenommen?

Guidetti: Wichtig wird sein, dass wir in der jetzigen Form zusammenbleiben. Für neue Talente steht die Tür natürlich trotzdem offen. Brasilien und Italien werden schwer zu knacken sein. Aber wenn wir kämpfen, dann sind die Plätze drei bis acht realistisch.

Sport1.de: Was stimmt Sie derart zuversichtlich?

Guidetti: Die Mädels halten unheimlichen zusammen, was ich so noch bei keinem anderen Team gesehen habe. Dazu kommen die Freude am Spiel, der unbändige Wille zu gewinnen und ihre eiserne Disziplin. Und seitdem unsere Mittelblockerin Christiane Fürst das Mentaltraining übernommen hat, sind wir noch stärker.

Sport1.de: Das klingt so, als gäbe es fast gar nichts mehr zu verbessern.

Guidetti: So ist es natürlich nicht. Unser Spiel ist qualitativ zwar sehr gut. Allerdings müssen wir noch die Schusselfehler abstellen und in unserer Leistung konstanter werden. Im Block sind wir ja bereits hervorragend besetzt, aber auch dort sehe ich noch Luft nach oben.

Sport1.de: Apropos Luft nach oben. Ist Ihnen das spielerische Niveau in der Bundesliga nicht zu niedrig?

Guidetti: Nein. Die Liga hat in der letzten Zeit einen großen Schritt nach vorn gemacht. Wir haben eine Menge junge Talente, die es gilt einzusetzen und zu fördern. Wenn das jeder Verein beherzigt, ihnen noch mehr Verantwortung gibt, dann sehe ich Deutschland zukünftig sehr gut aufgestellt.

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