Angelina Hübner spricht in ihrer SPORT1-Kolumne zur EM über den Kontakt mit den Gegnern und den Umbruch im deutschen Team.

Hallo Volleyballfreunde,

Jetzt geht das Kribbeln endgültig los.

Während die deutschen Mädels seit Sonntag noch das Hotel in Halle für sich hatten, reisen nun auch die gegnerischen Mannschaften an.

Einige kennen sich gut, spielen in ihren Vereinen zusammen, doch das alles wird nun auf ein Minimum an Höflichkeit reduziert.

Man beäugt einander, schaut, welche Spielerinnen dabei sind und welche es nicht geschafft haben, und man versucht mit dem einen oder anderen Blick im Training oder Abendessen zu erahnen, wie die Stimmung der Anderen ist.

Ohne es zu wollen, steigt dabei die Anspannung und es wird zur Kunst, sich selbst und das eigene Team im Fokus zu behalten.

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Aber die letzten Tage vor so einem Turnier sind anders. Das Balltraining wird kürzer und das Krafttraining explosiver. Man arbeitet nur noch an Feinheiten und versucht, in allen Elementen, ein gutes Gefühl zu bekommen.

Viel ändern kann man nicht mehr, man ist, wer man ist...

In dem Jahr nach Olympia, sortieren sich viele Nationalteams neu. Ältere Spielerinnen machen eine Pause oder beenden ihre Karriere. Der Trainer zieht Bilanz der letzten Jahre und beginnt einen neuen Zyklus.

So auch bei den deutschen Frauen. Während einige Spielerinnen der letzten Jahre (Kerstin Tzscherlich, Mareen Apitz und ich) freiwillig für diesen Sommer absagten, entschied Giovanni bei anderen, erfahrenen Spielerinnen so wie Anne Matthes, Regina Burchardt, Nadja Schaus, Kathy Radzuweit schon relativ früh im Sommer, dass er sie nicht mitnehmen, sondern auf junge Talente wie Jennifer Geerties, Anja Brandt oder Lisa Izquierdo setzen wollte.

Das hatte mich überrascht, denn gerade diese "älteren" Hasen, waren die letzten Jahre ein wichtiger Bestandteil der Truppe.

Auch wenn sie seltener auf dem Spielfeld standen, so waren sie weder im Training noch im Spiel müde, mit Anfeuerungen und Ermunterungen der Mannschaft zu helfen.

Dieser Teamgeist ist der Motor der deutschen Mannschaft. Das gute Klima im gesamten Team sorgt dafür, dass jeder versucht, das Beste aus seiner Rolle zu machen und sich dabei dem Wohle der Mannschaft auch mal unterordnet.

Doch diese Einstellung muss erst mal verinnerlicht werden, und zu Beginn dieser Saison war es nicht leicht, denn jeder musste erst seinen neuen Platz finden.

Aber zum Glück war die Vorbereitung lang. Die European League war das erste Highlight diesen Sommer.

Giovanni probierte viele unterschiedliche Aufstellungen und testete seine neuen Spielerinnen.

Obwohl in der European League nicht die stärksten Teams Europas antraten, hatten die deutschen Mädels mit den vielen Umstellungen zu kämpfen.

Erst in der Finalrunde kehrte ein wenig Ruhe ein und es gelang tatsächlich der Titelgewinn.

Motiviert und mit einem festen Kader ging es dann zum Grand Prix.

Bei diesem Turnier sorgt allerdings der Spielmodus mit den damit verbundenen Ortswechseln jede Woche für jede Menge Unruhe.

Dementsprechend waren auch dort die Leistungen der Mannschaft zwar voller Lichtblicke, aber generell noch zu instabil für die Qualifikation zur Endrunde.

Eine Finalteilnahme in Japan so kurz vor dem EM-Start, wäre meiner Meinung eh nicht optimal gewesen.

So blieb nun genügend Zeit, um noch einmal durchzuatmen und in Halle am letzten Feinschliff zu arbeiten.

Ich bin gespannt darauf, wie dieser aussehen wird...

Bis dahin,

Eure Angelina

Angelina Hübner (geb. Grün), die bekannteste deutsche Spielerin der vergangenen Jahre, begleitet zusammen mit Kommentator Dirk Berscheidt als SPORT1-Expertin die Spiele der Volleyball-EM. Die Außenangreiferin bestritt 297 Länderspiele für Deutschland und war als Spielführerin Dreh- und Angelpunkt der Nationalmannschaft. Zuletzt führte Hübner die DVV-Frauen 2011 in Italien und Serbien zu EM-Silber. Mit Foppapedretti Bergamo holte die 33-Jährige zwei Mal die italienische Meisterschaft und zwei Mal die Champions League. Die Wahl zur Volleyballerin des Jahres gewann Hübner von 2000 bis 2008 ? neun Mal in Folge.

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