Bundestrainer Vital Heynen erklärt vor der EM SPORT1, was ihn ausmacht - und welche Qualitäten er an den Deutschen schätzt.

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Von Martina Farmbauer

München - Die deutschen Volleyballerinnen haben vorgelegt, nun liegt es an Bundestrainer Vital Heynen und seinem Team nachzuziehen.

Eine Woche nach dem so erfolgreichen Abschneiden der Guidetti-Girls startet an diesem Freitag (ab 16.55 Uhr LIVE im TV auf SPORT1) die Europameisterschaft der Männer in Polen.

Der Belgier, der bevor er im Februar 2012 zum Bundestrainer ernannt wurde nur seinen Heimatverein trainiert hatte, sieht den Titelkämpfen allerdings mit Sorge entgegen.

Im SPORT1-Interview der Woche spricht Vital Heynen über verletzte Schlüsselspieler, wohlerzogene Deutsche und ewige Schützlinge.

SPORT1: Herr Heynen, die Schmetterlinge haben bei der Heim-EM viel Aufsehen erregt und Silber geholt. Was können sich Ihre Jungs von den Mädels abgucken?

Vital Heynen: Unser Ziel war, dass die Frauen alle Aufmerksamkeit bekommen, damit danach Ruhe herrscht im deutsche Volleyball (lacht). Wir haben das schön mit ihnen aufgeteilt: Im vergangenen Jahr haben die Männer das Weltliga-Finale und die Olympischen Spiele bekommen, nun ist das Jahr der Frauen, die bei der EM gezeigt haben, wie gut sie sind. Bei uns ist es kein kompletter Umbruch, aber wir haben in diesem Sommer bis zu acht neue Spieler eingebaut.

SPORT1: Was können Sie dennoch lernen von den erfolgreichen Frauen?

Heynen: Wie man ohne Starspielerin zusammen spielen muss. Ich erkläre meinen Männern immer wieder, dass das die Stärke jeder deutscher Mannschaft sein sollte: Deutsche sind so gut im Zusammenarbeiten und Organisieren, das muss auch im Sport zu sehen sein.

SPORT1: Sagen Sie das, weil die Deutschen diesen Ruf haben?

Heynen: Das ist nicht nur der Ruf, das ist so. Das ist das erste, was mir auffällt, wenn ich aus dem Ausland nach Deutschland komme. Und das zweite ist, wie gut erzogen die jungen Leute sind. Ich habe Spieler, die bekannt sind, aber keinen, der denkt, er könne alles. Sie sind ruhig, tragen ihre Taschen, sie sind - gut erzogen. Wenn man das beides hat - Organisation und Charakter -, muss man im Volleyball sehr gut zusammenspielen können. Und daher ist unser Ziel: die beste Blockverteidigung der Welt zu haben.

SPORT1: Giovanni Guidetti ist zu einem richtigen TV-Star geworden und hat sich nicht nur durch eine Wutrede den Titel Volleyball-Trapattoni verdient? Welchem Fußballtrainer ähneln Sie am ehesten?

Heynen: Der Trainer, den ich am meisten bewundere, ist Jose Mourinho. Manchmal übertreibt er gegenüber der Presse. Aber jeder Spieler, mit dem er gearbeitet hat, spricht positiv über ihn. Er hat eine gute Beziehung zu seinen Spielern, und das finde ich sehr wichtig, sogar wichtiger als Ergebnisse.

SPORT1: Der in Deutschland bekannteste belgische Trainer ist Marc Wilmots, Publikumsliebling auf Schalke, der auch den Beinamen...

Heynen: ? das "Kampfschwein" hatte. Ich kenne ihn natürlich.

SPORT1: Wie viel "Kampfschwein" steckt in Ihnen?

Heynen: Oh. Als ich Volleyballspieler war, haben Sie mich oft mit ihm verglichen, weil ich auch nicht verlieren kann. Marc hat das gut gemacht: Er hat immer weiter gekämpft. Und er vermittelt ein Bild von einem Belgier, mit dem wir in Belgien völlig einverstanden sind: Leute, die hart arbeiten, bis zum Ende.

SPORT1: Wie Guidetti trainierten Sie zuletzt ein Vereinsteam in der Türkei, Ziraat Bankasi Ankara. Soweit wir wissen, hat der Klub kein Frauenteam, also muss sich ihre Ehefrau keine Sorgen machen, dass Sie sich wie Guidetti in der Türkei verlieben?

Heynen: Nein, da hört die Parallele auf. Und der Unterschied in der Türkei lag auch darin, dass Giovanni den Ersten in der Tabelle trainiert hat und ich den Letzten.

SPORT1: Nebenbei arbeiten sie als Sportlicher Berater bei ihrem Heimatklub Noliko Maaseik. Welcher Viertelfinal-Gegner wäre denn für Sie unangenehmer: Belgien oder die Türkei?

Heynen: Nicht unangenehmer, aber ich bin Belgier. Und von den zwölf Spielern der belgischen Nationalmannschaft habe ich sieben Spieler trainiert, jahrelang. Ich wüsste nicht, wie ich damit umgehen sollte, gegen sie zu spielen. Denn ich habe die Idee: Wenn ich einmal von jemandem Trainer bin, dann bin ich Trainer für das ganze Leben. Es macht nichts, wenn ein Spieler weggeht, wenn er mich zwei Jahre später anruft, und mich fragt, ob ich ihm helfen kann. Er bleibt mein Spieler. Also sind die Belgier meine Spieler. Und ich will nicht gegen sie spielen. Hoffentlich ist Belgien draußen, bevor wir es sind.

SPORT1: Ihr Team hat sich mit den Siegen gegen Vize-Europameister Italien in starker Verfassung präsentiert. Ist da nicht eine Medaille das Ziel?

Heynen: Nein, absolut nicht. Das Ziel ist gut zu spielen und eine Runde weiterzukommen. Dann haben wir schon viel erreicht. Wir haben gesagt, bei der WM-Qualifikation in diesem Winter wollen wir uns weiterentwickeln, und nächstes Jahr bei der WM, da wollen wir etwas reißen. Bei der EM sind wir in einer sehr schwierigen Gruppe. Wer aus unserer Gruppe ins Halbfinale kommt, ist so gut wie Europameister. Für uns ist das quasi unmöglich.

SPORT1: Wie sehr schmerzt Sie der Ausfall von Kapitän Jochen Schöps zum Start gegen Russland?

Heynen: Das ist ein Problem. Georg Grozer hat nach vier Monaten Pause und einer Verletzung an der Schulter erst wieder einen Monat trainiert. Eigentlich kann er nicht drei Tage hintereinander spielen, und dafür habe ich noch keine Lösung. Denn es ist auch schwierig für Grozer, nicht voll zu spielen.

SPORT1: Ihr Vorgänger Raul Lozano wurde unter anderem wegen Kommunikationsproblemen entlassen. Sie haben angeblich vor allem durch Fernsehen Deutsch gelernt. Reicht das, um nicht dasselbe Schicksal wie Lozano zu erleiden?

Heynen: Das Wichtige ist, dass man die Sprache der Spieler spricht. Die Begriffe, die für Volleyball nötig sind, kann man schnell lernen. Ich habe das auch in der Türkei gemacht, und Türkisch ist noch schwieriger als Deutsch.

SPORT1: Aus welchem Grund haben Sie sich damals für die deutsche Nationalmannschaft entschieden und nicht für den belgischen Verband, der Sie auch verpflichten wollte?

Heynen: Kennen Sie den Film "Das Beste kommt zum Schluss"? Darin machen zwei Krebskranke eine Liste mit den Dingen, was sie in der Zeit, die ihnen bleibt, noch alles machen wollen. Ich habe auch eine solche Liste gemachte. Darin kommt vor, dass ich einmal im Olympischen Dorf sein möchte. Als ich dann die Aussicht hatte, mit Deutschland in ein paar Monaten bei den Spielen in London zu sein, habe ich nur gefragt: "Wann kann ich anfangen?"

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