Ben Ibata ist in seiner SPORT1-Kolumne von deutschen Männern begeistert und kürt sie vor dem Viertelfinale zum Topfavoriten.

Hallo Volleyballfreunde,

es war ein unglaubliches Volleyball-Wochenende. Am Freitag hatte ich noch geschrieben, dass Deutschland der Geheimfavorit auf den EM-Sieg (LIVE im TV auf SPORT1) ist.

Nach nur einem Wochenende und drei herausragenden Leistungen können wir das Wort "Geheim" durch "Top" ersetzen. Das Volleyballwunder nach dem Erfolg der Frauen lebt weiter!

Gleich im ersten Spiel gegen den Olympiasieger Russland schaffte unsere stark verjüngte Mannschaft die Sensation. Nach nur 80 Minuten war der Topfavorit mit 3:0 aus der Halle geschossen. György Grozer nahm diese Formulierung übrigens wörtlich und war mit 21 Punkten bester Spieler der Partie. Bei einigen seiner Angriffe habe ich mir echte Sorgen um den Hallenboden gemacht. Zum Glück hat er keinen russischen Abwehrspieler getroffen.

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Aber den starken Grozer hervorzuheben ist eigentlich nicht richtig, denn die Partie war wahrlich keine One-Man-Show. Die gesamte Mannschaft hat auf höchstem Niveau gespielt. Gerade die Außenangreifer Denys Kaliberda und Christian Fromm erlaubten mit ihren starken Leistungen ein variables Angriffsspiel und Lukas Kampa nutze diese Optionen, um den russischen Block geschickt auszuspielen.

Der Olympiasieger hatte indes nicht den allerbesten Tag erwischt, insbesondere im Aufschlag. Die russische Mannschaft pflegt es eigentlich seine Gegner mit starken Aufschlägen zu malträtieren. Am Freitag stand nur ein Ass bei 14 Fehlern zu Buche. Zum Vergleich: In der Partie gegen Bulgarien waren es 14 Asse. Bei allem Respekt für unsere Weltklasse-Leistung unserer Annahme rund um den bärenstarken Ferdinand Tille - das können die Russen besser.

Nur ein Tag nach diesem denkwürdigen Spiel gegen Russland musste die deutsche Mannschaft gegen Bulgarien ran. Eben diese Bulgaren, die alle Olympiaträume platzen ließen und eine konsternierte deutsche Mannschaft zurückließen. Und am Anfang lief es wieder nicht gut.

Der erste Satz konnte noch mit Mühe und Not gewonnen werden (36:34) bevor die hochmotivierten Bulgaren die Sätze zwei und drei für sich entschieden. Jetzt drohte Deutschland mit einer erneuten Niederlage die so wichtige Errungenschaft auf dem Sieg gegen Russland zu verspielen: Die Chance auf einen Gruppensieg.

In dieser Grenzsituation beeindruckte mich das Kollektiv. Die Mannschaft steigerte sich immens, Angeführt von einem Denys Kaliberda der sein schier grenzenloses Potenzial immer mehr ausspielt und sich in den letzten Monaten zu einem Führungsspieler gemausert hat. Der überdeutliche Tie-Break (15:9) besiegelte die Erkenntnis: Gerade mit dem Rücken zur Wand spielt diese Mannschaft am stärksten.

Das letzte Spiel gegen Tschechien, das schwächste Team der Gruppe lief unter der Rubrik "Pflichtsieg". Bei Spielbeginn kam mir ein trockener Kommentar einer meiner ehemaligen Mitspielern, dem 155-fachen Nationalspieler Frank Reimann in den Sinn: "Gute Mannschaften gewinnen so ein Spiel 3:0".

Dieser Satz ist steht für die Fähigkeit trotz eigener Überlegenheit die volle Konzentration für einen glatten Sieg aufzubringen. Und bis auf eine kurze Schwächephase in der Mitte des zweiten Satzes dominierte Deutschland die Partie spielerisch und gewann mit 3:0.

Das hätte keiner vor Beginn des Turniers gedacht: Deutschland hat sich in der sogenannte "Todesgruppe" als Gruppensieger für das Viertelfinale qualifiziert. Aber beeindruckender als das nackte Ergebnis ist die Art und Weise mit der die unterschiedlichen Aufgaben gelöst wurden. Dieser Mannschaft traue ich alles zu!

Jetzt stehen zwei verdiente Ruhetage an, bevor Deutschland am Mittwoch in Gdansk versucht das Ticket für Kopenhagen zu lösen. Viertelfinalgegner wird der Sieger aus der Playoff-Partie Polen gegen Bulgarien in Gdansk. Das wird so oder so ein echter Kracher!

Normalerweise würde ich mir Sorgen um die Stärken der Gegner machen. Zum Beispiel die Angriffswucht des Bulgaren Sokolov, von dem alle Mannschaften wissen, wie er spielt und trotzdem niemand ihn in den Griff bekommt. Und Bulgarien würde einige Rachegelüste hegen. Oder die starken Polen, die den Vorteil eine Heimkulisse haben und nach dem Debakel in der Gruppenphase gegen Frankreich Topmotiviert sein werden.

Aber nach dieser Vorrunde denke ich, dass eher die Gegner sich sorgen um die Stärken der deutschen Mannschaft machen sollten.

Euer Ben

Ben Ibata begann seine Volleyball-Karriere 1994 bei Arago Sete in Frankreich und wechselte im Jahr 2000 zum TSV Unterhaching in die 1. Bundesliga. Dort zählte er in den folgenden sieben Spielzeiten zu den besten Mittelblockern Deutschlands. Der 39-Jährige ist seit 2001 Geschäftsführer der Managementberatungsfirma Llawson in München. Für SPORT1 begleitet er die Europameisterschaft der Männer als Co-Kommentator und in seiner Kolumne.

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