Ben Ibata erklärt bei SPORT1, warum Deutschland draußen ist, obwohl es besser war - und warum die EM trotzdem Mut macht.

Hallo Volleyballfreunde,

jetzt ist es leider passiert: Der Traum vom EM-Sieg ist geplatzt.

Es ist für die Spieler und für alle Volleyball-Fans eine riesige Enttäuschung. Die Spieler werden vermutlich eine große Leere verspüren und sich fragen, warum sie dieses Spiel verloren haben. Die Fans fragen sich, warum das Volleyball-Wunder so abrupt vorbei ist.

Lasst uns gemeinsam eine kurze Zeitreise zurück zum 19. September 2013 machen. Deutschland ging in das Turnier (LIVE im TV auf SPORT1) mit einer stark verjüngten Mannschaft, mit fünf EM-unerfahrenen Spielern sowie mit einem verletzten und einem rekonvaleszenten Diagonalspieler.

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Vital Heynen hatte während der Auftakt-Pressekonferenz den EM-Titel bereits an Russland vergeben und betonte in Interviews die Vorbereitung für Olympia 2016 in den Vordergrund zu stellen.

Alle Fans hofften irgendwie die Playoff-Runde - möglichst als Zweiter -zu erreichen. Ein Debakel wie bei der EM 2011 - was vor dem Hintergrund der Auslosung in die "Todesgruppe" kein unwahrscheinliches Szenario darstellte - sollte vermieden werden.

Zurück in die Gegenwart: Gemessen an dieser Ausgangssituation ist das Aus im Viertelfinal im Zielrahmen und absolut positiv zu bewerten.

Es waren die unfassbar guten Leistungen in der Gruppenphase, die uns berechtige Hoffnungen auf mehr machten. Und ich bleibe dabei: Diese Mannschaft kann deutlich mehr als Viertelfinale!

Irgendwann musste Deutschland aber der Kadersituation Tribut zollen. Ferner haben jüngere Mannschaften nun mal Leistungsschwankungen und gerade die kampfstarken, mit allen Wassern gewaschenen Bulgaren nutzen auch kleine Tiefs aus.

Die Bulgaren haben einfach alles in die Waagschale geworfen und mit enormer Leidenschaft gespielt. Und wenn sie heiß laufen, dann ist es unmöglich das Tandem Aleksiev und Sokolov in den Griff zu bekommen. Letzterer wird zu Recht als einer der Weltbesten Diagonalspieler gehandelt.

Und als Aleksiev mit den Kräften am Ende war, sprangen Skrimov und Penchev in die Breche und machten nahtlos weiter.

Begünstigt durch diesmal weniger druckvolle deutsche Aufschläge konnte Georgi Bratoev ein extrem schnelles und variables Angriffsspiel aufziehen, in dem unter anderem Mittelblocker Yosifov sein Potenzial ausschöpfen konnte. Auf den Punkt gebracht: Das war eine überragende Mannschaftsleistung.

Es klingt jetzt vielleicht paradox, aber die deutsche Mannschaft war gestern trotzdem besser. Sie hatte die bessere Spielanlage und hatte trotz einer - gemessen am eigenen Leistungsvermögen - eher unterdurchschnittlichen Leistung immer eine gute bis sehr gute Chance auf den Satzgewinn.

Mit ein bisschen mehr Erfahrung hätte Deutschland das Spiel mit 3:1 gewonnen. Die Sätze 2 und 4 wurden mit Punktserien für Bulgarien, resultierend aus Eigenfehlern verspielt. Nur in Satz 3 spielten die Bulgaren mit Weltklasse-Aufschlägen überragend.

Die Bulgaren waren mental augenscheinlich viel besser auf die Drucksituation eines K.o.-Spiels vorbereitet. Sie waren in den entscheidenden Spielsituationen aggressiver und leidenschaftlicher.

Mit Worten kann ein Trainer seine Spieler nur bedingt auf so eine Situation vorbereiten. Nur schmerzhafte Erfahrungen wie diese formen siegreiche Mannschaften. Und auch unsere junge Mannschaft wird an dieser Niederlage wachsen und reifen.

Was bleibt, ist die überragende Gruppenphase. Was bleibt ist das Wissen, dass wir eine unglaublich talentierte Mannschaft haben die ihre beste Zeit noch vor sich hat.

Und viel wichtiger: Es bleiben ganz viele Fans - mich eingeschlossen - die diese Mannschaft gewonnen hat.

Also Kopf hoch, Mund abputzen und auf zum nächsten Turnier!

Euer Ben

Ben Ibata begann seine Volleyball-Karriere 1994 bei Arago Sete in Frankreich und wechselte im Jahr 2000 zum TSV Unterhaching in die 1. Bundesliga. Dort zählte er in den folgenden sieben Spielzeiten zu den besten Mittelblockern Deutschlands. Der 39-Jährige ist seit 2001 Geschäftsführer der Managementberatungsfirma Llawson in München. Für SPORT1 begleitet er die Europameisterschaft der Männer als Co-Kommentator und in seiner Kolumne.

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