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Humanplasma-Affäre: Auch deutsche Wintersportler sollen verwickelt sein © imago

Waren deutsche Wintersportler doch Kunden der Wiener Blutbank Humanplasma? Ein Ermittler sieht Hinweise, der DSV widerspricht.

Berlin - Vier Tage vor dem Startschuss der Olympischen Spiele in Vancouver sind schwere Doping-Anschuldigungen gegen deutsche Wintersport-Athleten laut geworden.

Gegenüber der "ARD" bestätigte ein Ermittler erstmals, dass es Hinweise auf die Verwicklung von deutschen Sportlern in der Wiener Blutbank-Affäre gebe. Zudem behaupteten der ehemalige Ski-Trainer Walter Mayer sowie ein anonym gebliebener nordischer Skisportler, dass Doping im Wintersport nach wie vor zum Alltag gehöre.

"Keine konkreten Namen"

"Es gab Hinweise auf Sportler aus Deutschland, aus dem Wintersport. Wir hatten aber keine konkreten Namen", sagte Arnold Riebenbauer, damals Vorsitzender des Disziplinar-Ausschusses des österreichischen Ski-Verbandes dem TV-Sender.

Riebenbauer erklärte, dass er Hinweise auf Verstrickung deutscher Biathleten und Skilangläufer in die Affäre im Rahmen von Zeugen-Vernehmungen erhalten habe. Damit stellte erstmals eine Quelle aus Ermittlerkreisen eine Verbindung von deutschen Athleten zum Wiener Labor her.

DSV: "Keinen Athleten gefunden"

Bislang lagen nur Hinweise von anonymen Quellen über Verstrickungen vor. Der Blutbank-Skandal war im Winter 2007/2008 publik geworden. Nach damaligen Recherchen der "ARD" sollen rund 20 deutsche Sportler aus den Bereichen Biathlon und Skilanglauf in einem Humanplasma-Labor in Wien Blutdoping betrieben haben.

Stefan Schwarzbach, Pressesprecher des Deutschen Ski-Verbandes (DSV), wies jegliche Verdächtigungen gegenüber Sport1.de zurück: "Es ist wie vor zwei Jahren. Immer vor Großereignissen wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Wir haben noch vor Wochen selbst recherchiert, ob irgendein deutscher Biathlet oder Skilangläufer in die Vorgänge um die Wiener Blutbank beteiligt ist. Das Ergebnis: Wir hatten keinen Athleten gefunden."

Der Sprecher weiter: "Die NADA hat uns schriftlich und mündlich mehrfach mitgeteilt, dass sie von den zuständigen Stellen in Österreich und Deutschland informiert wurde, dass in den vorliegenden Berichten keine Anhaltspunkte bezüglich einer Beteiligung deutscher Athleten vorliegen."

Die Athleten wüssten noch nicht so genau etwas von der Sendung. "Die nehmen das aber inzwischen gelassen auf. Es geht einfach nicht, dass Leute meist anonym hinter einer Sichtwand ständig Anschuldigungen loslassen."

Mayer fordert Nachtests

Für den ehemaligen österreichischen Ski-Trainer Walter Mayer, zentrale Figur in dem Doping-Skandal bei Olympia 2006 in Turin, ist das Doping-Problem aktueller denn je. Die Ermittlungen seien eine Farce. Dringend müsste es Nachtests von den Spielen 2006 geben, um das Blutdopingmittel CERA nachzuweisen, so Mayer: "Wenn es Nachtests zu Turin geben würde, würden viele Medaillengewinner in einem schlechten Licht stehen."

IOC-Vize-Präsident Thomas Bach meinte dagegen: "Unsere Experten sagten mir, dass es zurzeit keine Anhaltspunkte gebe, dass CERA in Turin benutzt wurde." Mayer indes behauptet: "CERA wurde in Turin zu 100 Prozent benutzt."

Athlet vergleicht Skisport mit Radsport

Der ehemalige österreichische Ski-Trainer war nach einer Razzia bei Olympia 2006 in Österreichs Langlauflager vorübergehend verhaftet worden und dann amokfahrend geflüchtet. Nach wie vor wird gegen Mayer ermittelt.

Schwere Doping-Vorwürfe erhob in dem Film auch ein nordischer Skisportler aus Mitteleuropa, der anonym bleiben wollte. Der WM- und Olympiateilnehmer verglich die Doping-Situation im nordischen Skisport mit dem Radsport. Vor allem im Skilanglauf habe er mitbekommen, dass massiv gedopt werde, sagte der Athlet, der selbst Blutdoping zugab.

Blutdoping "sauberste Form"

Das Blutdoping bei Humanplasma in Wien sei "noch die sauberste Form des Dopings", erklärte der Top-Sportler. "Es wird keine Chemie zugesetzt, es wird nur eingefroren und später wieder rückgeführt in den Körper." Eine EPO-Dosierung abends um 10.00 Uhr sei "ideal". In der Nacht komme ja kein Kontrolleur, am Morgen finde der Kontrolleur sowieso nichts mehr, sagte der unbekannte Athlet.

Erschreckende Details lieferte der Film über die Substanz S107. Das Präparat, das in ein paar Jahren zur Behandlung von Herzleiden eingesetzt werden soll, fördere die Ausdauerleistung bei Menschen um 20 Prozent und sei im Sport schon längst im Umlauf, hieß es.

Die Substanz stehe allerdings noch nicht auf den Doping-Listen, sei aber problemlos im Internet zu bestellen. "Es kann sein, dass es schon im Einsatz ist", sagte der frühere Radsport-Profi und geständige Dopingsünder Bernhard Kohl.

Weißrussland in der Schusslinie

Erneut in die Schusslinie geriet auch Weißrussland. Speziell in der Stadt Minsk sollen Doping-Einkäufer auf ihre Kosten kommen. Das Film-Team erhielt in Apotheken EPO und organisierte in einem Fitnesscamp Wachstumshormone.

Über das System, das seit Tagen schwer in der Kritik steht, plauderte der wegen EPO-Dopings gesperrte Ex-Weltmeister Dmitri Jaroschenko. "Ich weiß, dass die Teamärzte sich untereinander kennen und austauschen. Und offensichtlich bekommen die Ärzte die Mittel von derselben Quelle zur selben Zeit."

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