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Nun aber will Wilhelm nicht mehr - nach dem Weltcup-Finale in Chanty-Mansijsk Ende März beendet die erfolgreichste Skijägerin bei Olympia ihre Karriere, um sich verstärkt um ihr Studium (Internationales Management) zu kümmern. Sport1.de schaut zurück auf die schönsten Bilder der 33-Jährigen
Kati Wilhelm gewann bei den Olympischen Spielen 2006 einmal Gold und zweimal Silber © getty

Bei Sport1.de blickt Kati Wilhelm gen Weltcup und Vancouver und sagt, warum die Mentalität der Doper sie wütend macht.

Von Michael Spandern

Dalaman - Die rote Frontfrau des Biathlons schlug 2009 wieder richtig zu: Weltmeisterin im Sprint und im Einzel, Silber in der Verfolgung und in der Staffel.

Und im Gesamt-Weltcup lieferte sich Kati Wilhelm ein historisches Kopf-an-Kopf-Rennen mit Helena Jonsson, das die Schwedin bei Punktgleichheit letztlich nur aufgrund der Mehrzahl an Siegen gewann.

Dennoch schaffte es die dreimalige Olympiasiegerin Wilhelm nicht unter den letzten Fünf bei der Wahl zum "Champion des Jahres" in Dalaman.

Im Interview mit Sport1.de versucht die 33-Jährige eine Erklärung, blickt voraus auf die Olympiasaison und deutet ihr Karriereende an.

Sport1.de: Haben Sie die Woche in Dalaman genossen?

Kati Wilhelm: Das war noch mal eine gute Möglichkeit, sich zu entspannen. Das habe ich auch getan.

Sport1.de: Aber ganz untätig waren Sie nicht...

Wilhelm: Nein, ich habe einiges ausprobiert, Katamaran gesegelt und meine erste Tennisstunde genommen.

Sport1.de: Warum sind Sie trotz zweimal WM-Gold und zweimal WM-Silber nicht unter den fünf Finalisten bei der Wahl zum "Champion des Jahres" gelandet?

Wilhelm: Das müsste man die fragen, die gewählt haben. Die Erfolge der Wintersportler liegen ja mehr als ein halbes Jahr zurück. Vielleicht sind die nicht mehr allen präsent.

Sport1.de: Aber Michael Greis ist doch 2006 sogar "Champion des Jahres" geworden.

Wilhelm: Ja, aber sein Name fängt auch mit "G" an. Die Nominierten sind ja alphabetisch geordnet. Wer Wilhelm wählen will, muss sich beim Online-Voting gezielt durch einige Seiten klicken?

Sport1.de: Die Preise sind nicht zu verachten. Ärgert es Sie, dass Sie trotz Ihrer Erfolge leer ausgehen?

Wilhelm: Ich glaube, dass ich ohnehin nicht gewonnen hätte. Dafür sind die Sommersportler hier zu deutlich in der Mehrheit. Steffi Nerius und Paul Biedermann haben da bessere Chancen.

Sport1.de: Und für wen haben Sie abgestimmt?

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Wilhelm: Meine Stimme hat die Steffi bekommen. Sie hat vor der Saison angekündigt, dass es Ihre letzte sein wird, und holt dann im letzten Wettkampf vor heimischem Publikum den Weltmeistertitel, den größten Erfolg Ihrer Karriere. Das beweist Nervenstärke. Das kann ich total nachempfinden, da ich vielleicht auch am Ende meiner Karriere stehe.

Sport1.de: Sie wollen doch wohl nicht als Olympiasiegerin von Vancouver abtreten?

Wilhelm: Mal sehen, was in Vancouver passiert. Unabhängig davon halte ich mir offen, was danach kommt.

Sport1.de: Ist Ihre kommende Saison ganz auf Olympia ausgerichtet?

Wilhelm: Nein, gar nicht. Ich brauche als Selbstbestätigung auch vorher gute Ergebnisse. Dann bin ich sicherlich auch im Gesamtweltcup gut im Rennen und möchte nach den Olympischen Spielen weiter ums Gelbe Trikot kämpfen. Daher habe ich in der Vorbereitung nichts anders gemacht als 2008. Um die Höchstform in Vancouver zu erreichen, machen wir davor noch mal ein Trainingslager, um die letzten Reserven herauszukitzeln.

Sport1.de: Ist der knapp verfehlte Sieg im Gesamtweltcup der Vorsaison vergessen?

Wilhelm: Das war ein wenig tragisch. Da war auch Pech im Spiel, außerdem war der Druck auf mich höher als auf Helena Johnson.

Sport1.de: Nehmen Sie das als Extra-Motivation?

Wilhelm: Nein, ich muss mir keine Gedanken machen, dass ich im letzten Rennen versagt habe, und sehe meine Leistung beim Weltcup-Finale eher positiv. Ein Feindbild baue ich ganz sicher nicht auf, zumal nun vielleicht ganz andere um das Gelbe Trikot kämpfen.

Sport1.de: Neben dem Saison-Finish beherrschten die Dopingfälle Albina Achatowa, Jekaterina Jurjewa und Dimitro Jaroschenko die Schlagzeilen. Ist Ähnliches wieder zu befürchten?

Wilhelm: Doping ist aus dem Leistungssport nicht mehr wegzudenken. Ich hoffe zwar nicht, dass im Biathlon wieder Kontrollen positiv ausfallen. Vielleicht schreckt es auch ab, dass die Drei aufgeflogen sind. Das bringt auch unsere Leistungen in ein schlechtes Licht. Wir können nichts tun, außer immer wieder zu betonen, dass wir sauber sind.

Sport1.de: Wie reagieren Sie auf Dopingfälle im Biathlon?

Wilhelm: Ich bin enttäuscht und wütend über die Dreistigkeit. Das waren ja große Konkurrentinnen, und haben sich über ihre Siege gefreut, als sei kein Betrug im Spiel. Das ist eine Mentalität, die ich nicht verstehen kann und will.

Sport1.de: Sie starten seit 2000 im Weltcup. Was hat sich in dieser Zeit geändert?

Wilhelm: Die Leistungsdichte ist größer, das Laufniveau viel höher geworden. Es ist wahnsinnig schwierig geworden, sich trotz einigen Schießfehlern noch gut zu platzieren. Im Sprint ist ein Fehler schon fast zuviel für einen Podestplatz.

Sport1.de: Das heißt: Am Schießstand lastet noch mehr Druck auf Ihnen?

Wilhelm: Während des Rennens denke ich da nicht mehr dran, ich will einfach null Fehler schießen. Aber wenn man die Ergebnislisten studiert, sieht man, dass die Luft immer dünner wird.

Sport1.de: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn die Scheibe mal nicht fällt?

Wilhelm: Das Schlimmste ist, wenn das bei Wind passiert und ich nicht weiß, ob und wie ich reagieren muss. Das macht einen völlig unsicher. Wenn's an mir selbst liegt, lasse ich mich nicht so schnell aus dem Rhythmus bringen.

Sport1.de: Einige Youngsters drängen in den deutschen Kader. Tina Bachmann, Miriam Gössner und Juliane Döll, die WM-Dritte im Sommerbiathlon. Wen haben Sie am ehesten auf der Rechnung?

Wilhelm: Zur Zeit hat wahrscheinlich Tina Bachmann ganz gute Karten, da sie bei den DM sehr konstant war

Sport1.de: Sie sind die Älteste im DSV-Kader. Eine besondere Verantwortung?

Wilhelm: Die Trainer sehen mich als Ansprechpartner. Ich habe mir aber letztlich selbst ausgesucht, Vermittler zu sein und auch mal Probleme anzusprechen. Ich habe das Gefühl, dass dies bei den Athletinnen und Trainern gut ankommt.

Sport1.de: Drückt der Kampf um die Olympia-Plätze auf die Stimmung?

Wilhelm: Nein, wir halten das außen vor. Jeder hat eine Chance, sich zu qualifizieren. Aber bei uns zählen Medaillen, und die Trainer werden die nominieren, von denen sie Edelmetall erwarten. Daran werden wir ja auch gemessen.

Sport1.de: Wie viele dürfen mit nach Vancouver?

Wilhelm: Ich rechne damit, dass sechs Athletinnen mitfahren.

Sport1.de: Sie haben seit Jahren rot gefärbte Haare. Wie wichtig ist es als Wintersportler, ein Markenzeichen zu haben?

Wilhelm: Wir kriegen auch im Sommer genügend Aufmerksamkeit. Die Haare habe ich bereits vor all den Erfolgen rot gefärbt und nicht geplant, dass sie ein Markenzeichen werden. Ich mache das, weil es mir gefällt und zu mir passt. Wenn man sich auf Teufel komm raus inszeniert, würde das aufgesetzt wirken.

Sport1.de: Aber Ihnen gefällt es auch, dadurch aufzufallen...

Wilhelm: Es ist meine Art, auch mal aus der Reihe zu tanzen und meine Meinung nicht hinter dem Berg zu halten. Ich bin keine, die sich versteckt.

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