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Uschi Disl beendete nach den Olympischen Spielen 2006 in Turin ihre Karriere © getty

Uschi Disl spricht im SPORT1-Interview über weitere Chancen der DSV-Athleten bei der WM und ärgert sich über den Zeitplan.

Von Andreas Kloo

München - Mit insgesamt neun olympischen und 19 Weltmeisterschafts-Medaillen ist Uschi Disl wohl eine der erfolgreichsten Biathletinnen überhaupt.

Nach ihrem Rücktritt 2006 legte die Bundespolizistin erstmal eine Babypause ein, arbeitete in den folgenden Jahren dann immer wieder für Fernsehen und Sponsoren.

Mit einigen DSV-Athleten, die zur Zeit bei der WM in Khanty Mansiysk (alle Rennen im LIVE-TICKER) an den Start gehen, hat sie selbst noch Wettkämpfe bestritten und kennt sie gut.

Im SPORT1-Interview spricht die 40-Jährige über die frisch gebackenen Weltmeister Arnd Peiffer und Magdalena Neuner, die Chancen der deutschen Athleten in den kommenden WM-Rennen und neue Reglements.

Außerdem ärgert sie sich über den veränderten Zeitplan des Biathlon-Zirkus.

SPORT1: Frau Disl, die deutsche Mixed-Staffel hat bei der WM in Khanty Mansiysk Silber geholt, in den Sprintwettbewerben gab es zweimal Gold, dazu der zweite Platz von Magdalena Neuner in der Verfolgung. Hätten Sie gedacht, dass es so gut losgeht?

Uschi Disl: Bei Lena war es schon zu erwarten. Sie hat derzeit abgesehen von Kaisa Mäkäräinen überhaupt keine Konkurrenz. Läuferisch ist auch die Miriam Gössner sehr gut dabei, aber sie macht leider häufig noch zu viele Fehler beim Schießen. Das macht die Lena derzeit besser - und mit bester Lauf- und Schießleistung gewinnt man natürlich.

SPORT1: Was sagen Sie zum Sieg von Arnd Peiffer?

Disl: Damit konnte man nicht unbedingt rechnen. Aber er hat in den vergangenen Rennen - eigentlich seit Amerika - gezeigt, dass er eine Wahnsinns-Laufform hat. Dass er die so in die WM mitbringt, ist natürlich superschön. Er hat super getroffen und damit wie Lena verdient gewonnen.

SPORT1: Bei Magdalena Neuner wurde zuletzt über gesundheitliche Probleme gesprochen.

Disl: Zum Glück scheint es nichts Ernsthaftes zu sein. Wenn sie schwer angeschlagen wäre, würde sie die Leistung nicht bringen. Sie sagt selbst, es ging ihr eine Nacht nicht gut, doch am nächsten Morgen war es wie verschwunden und es ging wieder.

SPORT1: Sie hat in Khanty Mansiysk nach sieben fehlerlosen Schießeinlagen erst beim letzten Stehendschießen in der Verfolgung Scheiben stehen lassen. Macht das eine große Sportlerin aus, dass sie rechtzeitig zum Großereignis ihre langjährige Schwäche ablegt?

Disl: Sie hat ja schon im Vorfeld in den Weltcups gezeigt, dass sie treffen kann. Ich hoffe natürlich, dass es für sie so weitergeht.

SPORT1: Arnd Peiffer hat seine gute Leistung damit erklärt, dass ihm die Strecke besonders gefällt. Ist es so, dass einem manche Strecken mehr liegen als andere?

Disl: Ja, natürlich. Die Deutschen werden immer die schwereren Strecken lieben. Denn duch das harte Training, das die Mannschaft absolviert - auch schon zu meiner Zeit - hat man einfach eine gute Kondition. Sie sind fit und können die schweren Strecken besser wegstecken. Dann trennt sich die Spreu mehr vom Weizen als bei leichten Strecken.

SPORT1: Wie ordnen Sie die WM-Strecke vom Schwierigkeitsgrad her ein?

Disl: Khanty ist nicht gerade eine leichte Strecke. Mir gefällt sie auch gut. Es sind einige Anstiege drin, wo man Zeit gut machen kann.

SPORT1: Wie haben Sie die Szene zwischen Peiffer und Tarjei Boe auf der Zielgeraden bei der Verfolgung gesehen? Der Norweger soll die Spur gewechselt haben, was ja verboten ist.

Disl: Da gab es überhaupt keinen Spurwechsel. Ich habe mir das mehrmals im Fernsehen angesehen und die Diskussion genau wie Mark Kirchner (Trainer des Herren-Teams, d. Red.) nicht verstanden. Tarjei Boe ist schlichtweg in die linke Spur eingebogen. Als er mitgekriegt hat, dass Arnd Peiffer links vorbei will, ist er etwas rübergezogen. Man kann vielleicht darüber diskutieren, ob es eine faire Aktion war, aber regelkonform war sie in jeden Fall.

Da müssen Sie sich mal im Langlauf umschauen, da hätte über so etwas niemand diskutiert - das ist da völlig normal. Da wird auch mal über die Ski gefahren. Boe sagt ja auch nicht, 'ich mache dir jetzt die linke Spur frei, damit du sprinten kannst'. Ganz klar: Er war vorne und durfte sich eine Spur wählen.

SPORT1: Andreas Birnbacher hatte Pech mit dem Frühstart - er bekam deshalb 30 Sekunden aufgebrummt. Das gibt es ja erst seit dieser Saison, dass die Läufer selbst auf die Startzeit achten müssen. Ist das vielleicht zu viel verlangt und eine zu große Verantwortung für die Sportler?

Disl: Nein, überhaupt nicht. Ich finde es genau richtig, wie sie es jetzt gemacht haben. Das war sicher genau die richtige Entscheidung. Die Helfer, die die Sportler immer ins Rennen geschickt haben, hatten Schwerstarbeit zu verrichten. Denn jeder Läufer wollte so früh wie möglich loslaufen.

Dann haben sie einen Athleten mal eine Sekunde zu lange festgehalten und schon gab es wieder Diskussionen. Jetzt sind die Läufer dafür selbst verantwortlich. Es ist wie beim Sprint in der Leichtathletik - auf die Plätze, fertig, los - und dann beginnt das Rennen. Irgendwo müssen die Athleten auch eine gewisse Eigenverantwortung entwickeln. Das sehen die Athleten sicher genauso. Andi wird es sich für das nächste Mal bestimmt merken, dass er pünktlich losläuft.

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SPORT1: Mit großer Spannung werden die beiden Staffelrennen erwartet. Was trauen Sie unserem Team dabei zu? Bei den Damen fehlen mit Kati Wilhelm, Martina Beck und Simone Hauswald ja drei erfahrene Läuferinnen der Vorjahre.

Disl: Trotzdem haben wir eine so homogene und gute Mannschaft, die ganz vorne landen kann. Es wäre untertrieben, nur auf eine Medaille zu hoffen. Wenn sie nicht unter den ersten drei Teams landen, wäre das eine grobe Enttäuschung.

Für mich sind sie klarer Goldfavorit, denn es gibt keine andere Nation, die vier gute Läuferinnen hat. Andere Nationen haben höchstens drei. In der Staffel ist zwar alles möglich. Aber wenn alles normal läuft, sollten sie Gold holen.

SPORT1: Wie schätzen Sie die Chancen in der Herren-Staffel ein?

Disl: Da wird es nicht leicht, weil die Norweger natürlich eine sehr starke Mannschaft haben. Wobei Ole Einar Björndalen derzeit nicht so fit ist, wie er es gerne hätte. Ich denke mal, unsere Männer haben gute Chancen, eine Medaille zu holen. Auch Gold ist drin.

SPORT1: Was sagen Sie zum Termin der WM? In den vergangenen Jahren fanden die Titelkämpfe im Februar statt, jetzt erst im März. Ist das nicht zu spät - können die Athleten so lange ihre Form halten?

Disl: Es ist ja jetzt geplant, dass die WM immer erst zum Ende einer Saison stattfinden soll. Das finde ich ganz schlecht. In Sibirien oder Skandinavien mögen die Schneeverhältnisse jetzt noch entsprechend gut sein. Aber wenn ich mich bei uns draußen umschaue, da sind die Verhältnisse im März nicht mehr optimal.

Für Khanty Mansiysk ist es jedoch sicher die richtige Entscheidung - das wurde 2003 auch schon so gemacht, als die WM schon einmal dort ausgetragen wurde. Im Februar würde es in Khanty keine Wettbewerbe geben - da herrschen dort Durchschnittstemperaturen von minus 50 Grad.

SPORT1: Sie sprechen die Kälte an. Was kann man als Athlet dagegen machen?

Disl: Da hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Zu meiner Zeit haben wir in Khanty noch sehr gefroren. Aber die Tücher, die man heute zusätzlich zur Mütze trägt und sich wie eine Maske ins Gesicht zieht, sind ideal. Es ist ein dünner Stoff, der jedoch schön warm hält. Dazu noch mit den farbigen Stripes im Gesicht - die sorgen von Haus aus für Wärme und verhindern Erfrierungen. Da ist man eigentlich gut versorgt.

Problematisch werden immer die Hände sein, aber da kann man nicht viel machen, denn schließlich muss mit den Handschuhen ja auch geschossen werden. Aber jeder reagiert auf die Kälte anders - die Lena hat da weniger Probleme. Und vielleicht wird es in den kommenden Tagen auch noch etwas wärmer.

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