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Andreas Birnbacher gewann in seiner Karriere vier Weltcup-Rennen © getty

Vor der Rückkehr an den Ort seines ersten Weltcup-Erfolgs spricht Andreas Birnbacher über seine Wandlung zum Siegläufer.

Von Andreas Kloo

München - Andreas Birnbacher ist zurück an dem Ort, wo für ihn so etwas wie der zweite Teil seiner Karriere begann.

Im März 2011 feierte der Oberbayer im Sprint von Oslo seinen ersten Weltcup-Sieg - zehn Jahre nach seinem Debüt.

Für Birnbacher platzte damit der Knoten. Seitdem ist er in jedem Rennen zu den Sieganwärtern zu zählen. (DATENCENTER: Biathlon-Ergebnisse 2011/12) .

Dreimal stand er in diesem Winter ganz oben auf dem Podest, zweimal in seiner Lieblingsdisziplin Massenstart.

"Das Rennen gefällt mir, weil man zu jedem Zeitpunkt des Rennens weiß, wo man gerade liegt und im Kampf Mann gegen Mann direkt sieht, wie die Tagesform ist", erklärt er bei SPORT1 vor der Rückkehr nach Oslo (Sprint Donnerstag ab 14.30 Uhr im LIVE-TICKER).

Große Medaillenhoffnung

Als Dritter der aktuellen Wertung darf sich der 30-Jährige nun sogar Hoffnungen auf den Gesamt-Weltcup machen.

Vor allem aber ist er der heißeste Medaillenkandidat der deutschen Herren für die Heim-WM in Ruhpolding (29. Februar bis 11. März).

Im Interview mit SPORT1 spricht er über seine Wandlung zum Siegläufer, die Bedeutung einer WM-Medaille und die Lage von Sorgenkind Michael Greis.

SPORT1: Herr Birnbacher, Bundestrainer Uwe Müssiggang hat ihre Wandlung zum Siegläufer damit erklärt, dass Sie kein Sensibelchen mehr seien. Sehen Sie das auch so?

Birnbacher: Das kann ich so nicht unterschreiben. Von meinem Charakter her habe ich mich nicht groß geändert. Durch die jüngsten Erfolge bin ich sicherlich noch etwas selbstbewusster geworden. Entscheidend war aber vielmehr, dass wir am Training etwas umgestellt haben.

SPORT1: Sie meinen, am Lauftraining wurde etwas geändert?

Birnbacher: Richtig. Um ganz vorne landen zu können, muss man einfach läuferisch top sein. Man kann vielleicht mal mit Glück mit null Fehlern durchkommen, aber wenn man läuferisch nicht in Topform ist, reicht es selten für ganz vorne. Und da habe ich in diesem Jahre enorme Fortschritte gemacht.

SPORT1: Was konkret haben Sie denn geändert am Lauftraining?

Birnbacher: Um es vereinfacht auszudrücken, wir haben nun mehr wettkampfnahe Trainingseinheiten. Und wir haben in der Vorbereitung mehr auf Spritzigkeit geachtet, hatten viele schnelle, kurze Einheiten. Das war wahrscheinlich der Trainingsreiz, der mir in den letzten Jahren gefehlt hat.

SPORT1: Ihre neugewonnene Spritzigkeit hat man ja auch bei den Zielspurts gesehen, die Sie in diesem Jahr beim Massenstart schon zweimal gewonnen haben.

Birnbacher: Ja, wobei neben der Spritzigkeit auch die Taktik und das Glück, dass man die richtige Spur findet, dazugehört. Besonders deutlich sieht man das bei den Langläufern, wo es noch öfter zum Zielspurt kommt.

SPORT1: Merken Sie durch Ihren sportlichen Aufstieg auch gestiegenes Ansehen im restlichen Biathleten-Feld?

Birnbacher: Der ein oder andere schaut jetzt schon genauer bei mir hin. Aber im Großen und Ganzen hat sich nicht viel geändert. Ich war ja vorher auch nicht meilenweit entfernt von der Spitze, hatte mein Potenzial schon angedeutet.

SPORT1: Und was Sie persönlich angeht: Setzen Sie sich jetzt mehr unter Erfolgsdruck? Bei der Heim-WM keine Medaille zu holen, wäre wohl nach ihren bisherigen Ergebnissen eine Enttäuschung.

Birnbacher: In den Augen der Öffentlichkeit wäre es mit Sicherheit eine Enttäuschung. Aber ich selbst weiß ganz genau, dass für eine Medaille einfach alles passen muss. Ich weiß, dass ich die Form habe, um eine Medaille zu holen. Aber es wird dennoch verdammt schwer. Und wenn es keine Medaille werden sollte, werde ich sicher nicht todunglücklich aufheulen und mich zurückziehen. Vor allem, weil die bisherige Saison ja schon sehr gut gelaufen ist.

SPORT1: Die besten Medaillenchancen haben Sie wohl im Massenstart. Alle drei Saison-Siege haben Sie in dieser Disziplin gefeiert. Da kann man schon von einer Lieblingsdisziplin sprechen, oder?

Birnbacher: Auf jeden Fall. Im Massenstart habe ich meine bislang einzige WM-Einzel-Medaille 2007 in Antholz geholt. Das Rennen gefällt mir, weil man zu jedem Zeitpunkt des Rennens weiß, wo man gerade liegt und im Kampf Mann gegen Mann direkt sieht, wie die Tagesform ist. Beim Sprint denkt man oft, man ist vorne dabei, aber dieses Gefühl täuscht immer wieder.

SPORT1: Teilweise wird ja sogar gefordert, Sprint und Einzel, wo man nur gegen die Uhr läuft, abzuschaffen. Das würde Ihnen als Mr. Massenstart ja entgegenkommen?

Birnbacher: Das halte ich für schwierig. Das sind die Ur-Disziplinen des Biathlons. Die sollte man beibehalten. In dieser Saison hatten wir ohnehin nur drei Einzel. Und ohne Sprint gibt es auch keinen Verfolger. Mann-gegen-Mann-Bewerbe gibt es genug. Noch dazu können am Massenstart aus Platzgründen nur 30 Läufer teilnehmen.

SPORT1: Wie sieht Ihre weitere Planung bis zur WM aus? Ursprünglich hatten Sie geplant, noch Rennen auszulassen.

Birnbacher: Nach jetzigem Stand werde ich keine Rennen auslassen, auch um meine Chancen im Gesamt-Weltcup zu wahren. Und in der Vergangenheit wurde meine Form gegen Saisonende sogar noch stärker.

SPORT1: Das heißt, der Sieg im Gesamt-Weltcup ist Ihnen ähnlich viel wert wie eine Medaille bei Ihrer Heim-WM?

Birnbacher: Der Gesamt-Weltcup hatte für mich schon immer einen hohen Stellenwert. Die Platzierung dort hat mehr Aussagekraft über die sportlichen Leistungen eines Jahres als eine Medaille bei der WM, wo es nur bei einem Rennen passen muss.

SPORT1: Das gesamte Team ist im Hinblick auf die WM gut in Form. Die Ausnahme bildet Michael Greis, der um sein WM-Ticket bangen muss. Nun hat er durch einen grippalen Infekt einen erneuten Rückschlag erlitten. Wie sehen Sie seine Chancen?

Birnbacher: Das kann ich von außen schwer einschätzen. Ich wünsche es ihm, dass er sich nochmal aufrappelt. Das ist keine einfache Situation für ihn, aber wir alle wissen, was er kann, wenn er fit ist.

SPORT1: Immer größere Bedeutung hat im Biathlon auch das Mentaltraining. Magdalena Neuner, Sie und jetzt auch Miriam Gössner machen sich dies zunutze. Warum ist Mentaltraining nicht von Anfang an fester Bestandteil des Biathlon-Trainings?

Birnbacher: Es wird vom Verband leider nicht direkt angeboten, was ich befürworten würde. Man muss sich das auf eigene Faust organisieren und jemand finden, zu dem man einen guten Draht hat. Und Mentaltraining funktioniert natürlich nicht bei jedem gleich. Das ist das Problem.

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