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Miriam Gössner gewann bei der WM 2011 Gold in der Staffel © getty

Vor der Heim-WM spricht Miriam Gössner über die Hilfe ihrer Zimmerkollegin, die Ziele für Ruhpolding und den "Schutzwall" Neuner.

Von Andreas Kloo

München - Die WM kam immer näher, aber Miriam Gössner einfach nicht voran. Immer wieder blieben am Schießstand mehrere Scheiben stehen.

Gute Laufzeiten machte sie sich durch die zahlreichen Schießfehler anfangs dieser Saison jeweils zunichte.

Kritische Stimmen kamen auf, ob die Rückkehr vom Langlauf in den Biathlon vor zwei Jahren die richtige Entscheidung gewesen sei.

Im Januar bekam Gössner das Problem dann so langsam in den Griff. Bei der Verfolgung in Nove Mesto schoss die Langlauf-Silbermedaillengewinnerin von Olympia 2010 nur einmal daneben.

Das ersehnte große Erfolgserlebnis verschaffte sich die 21-Jährige dann aber Anfang Februar beim Weltcup im finnischen Kontiolahti. (DATENCENTER: Biathlon Ergebnisse) .

Zum ersten und einzigen Mal in diesem Winter traf sie alle Scheiben und landete am Ende auf Rang sechs.

"Ich habe stark an mir gearbeitet, damit wieder alles zusammen passt. Und jetzt bin ich wieder auf einem guten Weg", erzählt sie im Interview mit SPORT1 vor der WM in Ruhpolding (vom 29. Februar bis 11. März im LIVE-TICKER).

Neben der Hilfe ihrer Trainer war auch die Hinwendung zu einem Mentaltrainer ein entscheidender Schritt von Gössner für den Weg in die Erfolgsspur.

Im Interview der Woche verrät sie, wer ihr den entscheidenden Tipp zum Mentaltrainer gab. Außerdem spricht sie über ihren Traum von der WM-Staffel und den "Schutzwall" Magdalena Neuner.

SPORT1: Frau Gössner, die WM in Ruhpolding steht unmittelbar bevor. Kribbelt es schon?

Miriam Gössner: Bis zum Weltcup in Kontiolahti habe ich mir noch überhaupt keine Gedanken über die WM gemacht. Aber jetzt, wo es wirklich langsam los geht, bin ich doch etwas aufgeregt.

SPORT1: Konnten Sie sich auch deshalb lange nicht mit der WM beschäftigen, weil die Qualifikation dafür in der Luft hing? Ihnen fehlten ja lange die Plätze in den Top 15.

Gössner: Nein, bei der WM ist dieses Qualifikationskriterium im Gegensatz zu Olympia nicht zwingend notwendig. Es ist gut, wenn man es zweimal in die Top 15 schafft, aber es ist kein Muss. Meine Trainer haben mir außerdem immer gesagt, dass sie an mich glauben, deshalb habe ich mir nie einen großen Kopf gemacht.

SPORT1: Woran lag es denn, dass es zu Beginn der Saison bei Ihnen nicht lief?

Gössner: Da kam vieles zusammen. Es ist ja nicht immer nur ein Faktor dafür ausschlaggebend, dass es nicht läuft. Aber ich habe stark an mir gearbeitet, damit wieder alles zusammen passt. Und jetzt bin ich wieder auf einem guten Weg und hoffe, dass ich bis zum ersten Wettkampf bei der WM im Training noch einen Schritt nach vorne machen kann.

SPORT1: Sie arbeiten jetzt wie Magdalena Neuner auch mit einem Psychologen zusammen. Wie wichtig war diese Maßnahme?

Gössner: Das hat mir auf jeden Fall sehr geholfen, dass ich jetzt jemanden habe, der mir zur Seite steht. Aber genauso wichtig war auch, dass die Trainer immer hinter mir standen. Teilweise saß ich mit Ricco (Groß, Anm. d. Red.) und Gerald (Hönig, Anm. d. Red.) abends um 22 Uhr noch auf dem Gang vor dem Hotelzimmer und habe mit ihnen an meiner Waffe gebastelt. Der Ricco hat nochmal alleine an meiner Waffe gearbeitet, wir haben Laser-Trockenübungen gemacht. Die Trainer haben also wirklich versucht, sich in meine Lage hineinzuversetzen, das war sehr wichtig.

SPORT1: Kam der Tipp zum Psychologen von Magdalena Neuner?

Gössner: Ja, Lena hat mir in übertragenem Sinn einen kräftigen Tritt in den Hintern verpasst.

SPORT1: Können Sie in einem Satz erklären, was der Psychologe konkret macht?

Gössner: Das ist schwer zu erklären, aber sagen wir es mal so: Er schafft es, dass ich an mich selbst glaube. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

SPORT1: Am Schießstand sind Sie nun stabil geworden, aber läuferisch waren Sie zuletzt dafür nicht ganz so stark, wie Sie schon einmal waren. Oder täuscht der Eindruck?

Gössner: Das stimmt. Aber so richtig konnte ich es mir auch nicht erklären. Aber ich habe in der WM-Vorbereitung an mir gearbeitet, um dahinzukommen, wo ich schon einmal war. Man muss allerdings dazu sagen, dass die Darya (Domracheva, Anm. d. Red.) und die Lena in überragender Form sind. Vor allem die Darya ist in der Form ihres Lebens. Da muss ich mich noch ein bisschen strecken, um da ranzukommen.

SPORT1: Wie lauten denn Ihre Ziele für die WM in Ruhpolding? Nehmen Sie eine Einzel-Medaille ins Visier?

Gössner: Jeder träumt von einer Medaille. Aber ich war noch nie der Typ, der in der Öffentlichkeit groß über seine Ziele spricht. Ich versuche bei der WM meine Topleistung zu bringen und dann schaue ich, was dabei rauskommt.

SPORT1: Und dann gibt es ja noch die Staffel. Gibt es schon Signale von den Trainern, dass Sie ein Staffel-Ticket bekommen werden?

Gössner: Das wird erst kurz vor knapp entschieden, wer in der Staffel läuft. Grundsätzlich sollten da immer die vier Stärksten laufen. Wir haben vorher ein paar Einzelrennen bei der WM, um uns anzubieten. Da werde ich alles dafür tun, um es in die Staffel zu schaffen. Das wäre das Schönste für mich, in Ruhpolding vor heimischem Publikum in der Staffel mitlaufen zu dürfen.

SPORT1: Letztlich dreht sich im deutschen Biathlon das Meiste um Magdalena Neuner. Ist das ein Vorteil für das restliche Team, nimmt das Druck von den anderen? Oder wären Sie gerne selbst mehr im Rampenlicht?

Gössner: Das ist auf jeden Fall ein Vorteil für uns, dass die Lena so im Fokus steht. Das ist wie ein kleiner Schutzwall. Von ihr wird erwartet, dass sie gewinnt, von uns anderen nicht. Die Lena kann mit diesem Druck sehr gut umgehen und von uns nimmt es gleichzeitig Druck.

SPORT1: Magdalena Neuner ist aber zum Teil auch selbst für diesen Druck verantwortlich. Mit sechs Medaillen in sechs Rennen hat sie sich ein sehr hohes Ziel gesetzt. Kann sie das schaffen?

Gössner: Ich wüsste nicht, warum sie das nicht schaffen sollte. Wer soll sie aufhalten? Es gibt nur wenige, die auf ihrem Niveau mitlaufen können. Die Lena ist so stark, vor allem auch mental. Sie weiß, es sind ihre letzten Weltmeisterschaften, und sie wird alles dafür tun, dass sie dieses hohe Ziel auch erreicht.

SPORT1: Ein heiß diskutiertes Thema war zuletzt die geplante Rekrutierung von Langläuferinnen für das Biathlon-Team. Wie sehen Sie das als ehemalige "Aushilfs-Langläuferin"?

Gössner: Zunächst einmal muss das jeder für sich selbst entscheiden. Das ist eine Grundsatzfrage: Will ich Langläuferin werden oder Biathletin? Es ist nicht so, dass man einfach mal sagt: 'Hey ich mach jetzt einfach mal was anderes'. Man muss sich bewusst sein, dass das eine große Umstellung ist und harte Arbeit erfordert. Das Schießen zu lernen ist nicht so einfach. Manche haben da Talent dafür, wie zum Beispiel Kati Wilhelm. Außerdem ist die Weltspitze heute so eng zusammen. Ein Fehler mehr bedeutet das Abrutschen um viele Plätze nach hinten.

SPORT1: Sie sind also eher skeptisch bei diesem Thema?

Gössner: Nicht unbedingt. Wenn man wirklich hinter dem Ziel steht, Biathletin zu werden, dann kann man es schaffen. Alles ist möglich im Leben, wenn man es sich nur stark genug vornimmt. Ich bin jedenfalls gespannt, ob wir in der nächsten Saison Zuwachs in unserer Mannschaft bekommen.

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