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Michael Greis gewann in Turin 2006 Gold im Einzel, mit der Staffel und im Massenstart © getty

Hinter der WM-Teilnahme von Michael Greis steckt ein mentaler Kraftakt. Er überwindet einen Zustand nahe der Depression.

Aus Ruhpolding berichtet Andreas Kloo

Ruhpolding - Es ist nicht lange her, da gehörte Michael Greis vor einer Biathlon-WM zu den Topfavoriten auf eine Medaille.

Doch diesmal grenzt es an ein Wunder, dass der 35-Jährige überhaupt am Start ist.

Der dreifache Goldmedaillengewinner von Turin 2006 hat eine wahre Seuchensaison hinter sich.

Von einer Sprunggelenksverletzung und Krankheiten zurückgeworfen, konnte er nur an sieben Weltcup-Einzelrennen teilnehmen.

"Die letzten Monate waren definitiv die schwerste Zeit meiner Karriere", sagt er rückblickend vor dem Auftakt in die Heim-WM (Do., ab 15.15 Uhr im LIVE-TICKER).

Auf den letzten Drücker erkämpfte sich Greis aber doch noch das WM-Ticket (DATENCENTER: Die Weltcup-Wertung).

"Er hat sich an den eigenen Haaren herausgezogen", lobt Chef-Bundestrainer Uwe Müssiggang seinen Routinier.

"Kein Gnadenbrot"

Greis wird am Samstag im Sprint an den Start gehen (ab 12.30 Uhr im LIVE-TICKER). Im Abschlusstrainingslager in Südtirol hatte er sich einen der fünf deutschen Startplätze erkämpft 523184(DIASHOW: Der DSV-Kader für Ruhpolding).

"Mich freut das natürlich sehr, denn ich konnte mich in einem Entscheidungsrennen im Trainingslager anbieten und habe mir das verdient. Es war kein Gnadenbrot", kommentiert er die Trainer-Entscheidung mit sichtbarer Genugtuung.

Ein Start im WM-Sprint, in den vergangenen Monaten war das für Greis zeitweise so weit weg wie die Karibik von der Ausrichtung eines Biathlon-Rennens.

Nach anfänglichem Zögern redete er sich am Dienstag im Gespräch mit einigen Journalisten den Frust der harten Zeit von der Seele. Er spricht dabei von einem Zustand "zwischen Burnout und Pfeifferschem Drüsenfieber".

Gefühl der Langsamkeit

Die schwere Sprunggelenksverletzung im Sommer hatte ihn in der Vorbereitung zurückgeworfen. Bei der Team Challenge auf Schalke Ende Dezember machte sich der Trainingsrückstand dann erstmals stark bemerkbar.

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"Ich hatte ständig das Gefühl, viel zu langsam zu sein", berichtet er.

Eine Erklärung und Maßnahmen gegen dieses Gefühl der Langsamkeit fand er zunächst nicht. Er legte erst einmal eine Wettkampfpause ein und absolvierte ein Einzeltraining zu Hause in Ruhpolding.

Gedanken ans Aufgeben

Doch eine Besserung trat nicht ein. "Ich war mit dem Latein am Ende", gibt er zu.

Die negative Gefühlslage blieb. Was Greis im Rückblick schildert, klingt depressiv. "Irgendwann war mit alles egal. Der Gedanke, alles hinzuschmeißen, war definitiv da", erklärt der gebürtige Allgäuer.

Ein Rückschlag jagte den nächsten. Nach einer Teilnahme am Sprintrennen in Antholz am 20. Januar erwischte ihn eine Erkältung.

"Keine Lust mehr"

Nach einer kurzen Trainingspause versuchte er es wieder mit Training. "Aber ich war sofort wieder völlig fertig", berichtet er.

Ein Start in Oslo Anfang Februar war unmöglich. Greis war am Tiefpunkt angekommen: "Nach Oslo hatte ich definitiv keine Lust mehr."

Greis erlebte erstmals wirklich die Schattenseiten seines Sports.

Fischer als Motivator

Teilweise vermisste er Unterstützung in dieser schwierigen Zeit: "Man sieht, dass man als Biathlet Einzelsportler ist. Wenn man gut drauf ist, applaudieren alle, aber wenn nicht...", beschreibt er die Zeit der persönlichen "Folter", wie er es nennt.

Doch einige standen doch weiter hinter ihm. Die Trainer hielten Greis bis zuletzt die WM-Tür offen. Gespräche mit Freunden und sein langjähriger Trainer Fritz Fischer halfen ihm, dass er sich doch noch einmal aufraffte. "Komm Michi, greif noch einmal an", motivierte ihn Fischer.

Er versuchte es mit einer ungewöhnlichen Maßnahme und wagte er sich vor dem Abschluss-Trainingslager in Südtirol aufs Eis. Beim Schlittschuhlaufen in Inzell spürte er wieder ein positives Körpergefühl.

Disl sieht Chance im Einzel

In Obertilliach und Ridnaun merkte er dann, "dass ich mit den anderen mithalten kann".

Greis war wieder da, beim Härtetest am Sonntag lief er in Ridnaun sogar die schnellste Schlussrunde aller deutschen Biathleten. Nun wird der Massenstart-Weltmeister von 2007 von einigen Experten gar wieder als Medaillenkandidat gennant.

"Wenn er bei der WM einen guten Tag erwischt, dann ist alles möglich, sagt die frühere Weltklasse-Biathletin Uschi Disl im Gespräch mit SPORT1. "Sollte er im Einzel vier Mal Null schießen und die Konkurrenz sich Fehler erlauben, hat er sehr gute Chancen", fügt sie hinzu.

"Medaille weit weg"

Für Greis ist das ein Stück zu viel der Erwartungen. "Ich will erst einmal kleine Brötchen backen", sagt er zu seinen persönlichen Zielen." Und er stellt klar: "Der Gedanke an eine Medaille ist momentan viel zu weit weg. Ich bin froh, dass ich überhaupt dabei bin."

Im Fokus stehen im deutschen Herren-Team ohnehin Andreas Brinbacher und Arnd Peiffer, die in dieser Saison mehrmals auf dem Treppchen ganz oben standen.

Sich selbst sieht Greis deshalb nur als "Joker".

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