Späte WM-Ankunft und Aufstand der Kleinen
Von Andreas Kloo
München - Magdalena Neuner brachte es auf den Punkt: "Ich habe vier Medaillen gewonnen, nur das zählt am Ende."
Bei den Beteiligten der WM in Ruhpolding bleiben zwar großartige Bilder von stimmungsvollen Wettbewerben in der mit insgesamt 218.000 Besuchern stark frequentierten Chiemgau-Arena hängen.
Aber wenn man den sportlichen Erfolg beurteilen will, geht der erste Blick auf den Medaillenspiegel( SERVICE: Der Medaillenspiegel).
Neuner verpasst Ziel
Da stehen für den DSV fünf Medaillen zu Buche: Zwei Mal Gold, einmal Silber, zwei Mal Bronze. Diese Ausbeute bedeutet immerhin Platz drei in der Nationenwertung.
Die eigene Zielsetzung von fünf bis sechs Medaillen wurde erreicht. Allerdings deckte sich die Verbandsvorgabe nicht ganz mit dem persönlichen Vorhaben Neuners.
Die Wallgauerin wollte alleine sechs Medaillen abräumen. Diesen persönlichen Traum konnte sie sich nicht erfüllen.
Medaillenschwund zu erwarten
Und im Vergleich zum Vorjahr ist ein Abwärtstrend zu verzeichnen, bei den Titelkämpfen in Khanty-Mansiysk räumte Deutschland noch sieben Mal Edelmetall ab, vier Goldmedaillen und drei Silberne.
Und da Neuner, die noch in dieser Woche ihre Karriere beendet, im nächsten Jahr nicht mehr zur Verfügung steht, ist ein weiterer Medaillenschwund zu erwarten.
Die Rekordweltmeisterin war an vier von fünf deutschen Medaillen in Ruhpolding beteiligt. Sie war die Einzige, die es auch in Einzelwettbewerben aufs Podest schaffte.
Herren verfehlen Einzel-Medaille
Den deutschen Herren war das nicht vergönnt. Mehrmals war man ganz knapp dran.
Beim Massenstart hatten Andreas Birnbacher und Arnd Peiffer bis zum letzten Schuss beste Chancen auf den Weltmeistertitel.
Sowohl in diesem Wettbewerb als auch über die 20 Kilometer landete "Birnei" auf dem undankbaren vierten Platz.
"Wir sind wieder um den Sieg mitgelaufen, auch wenn es nicht zu einer Medaille gereicht hat. Es war eine gute Mannschaftsleistung", sagte Müssiggang nach dem letzten WM-Rennen.
Optimum nicht abgerufen
Dennoch kamen die deutschen Athleten zum Saisonhöhepunkt nicht ganz an schon gezeigte Leistungen dieses Winters heran. Sowohl Birnbacher als auch Peiffer hatten mit Weltcup-Siegen große Hoffnungen geschürt.
Auch Schempp war schon aufs Podest gelaufen. Florian Graf war in der laufenden Saison mehrmals der Sprung in die Top 10 gelungen. In Ruhpolding schaffte er es nicht einmal unter die besten 30.(DIASHOW: Die Bilder der WM).
"Jeder weiß, dass sich eine Heim-WM schwierig gestaltet", wies Sportdirektor Thomas Pfüller in seiner Abschlussbilanz auf den Druck des Gastgebers hin.
Zu viel gewollt?
Wie der mehrfache Olympiasieger Sven Fischer bei SPORT1 erklärt, ist aber gar nicht die Nervosität vor der überwältigenden Zuschauerkulisse das Problem.
"Es besteht eher die Gefahr, dass man zu viel will. Dass man sagt, jetzt muss ich noch ein bisschen mehr geben."
Die DSV-Athleten wussten zwar, was auf sie zukam, dennoch war offensichtlich, dass sie sich erst an diese Situation gewöhnen mussten.
Lange Eingewöhnungsphase
Bis auf Neuner, die gleich im ersten Einzelwettbewerb mit Sprint-Gold ihre Top-Leistung abrief, enttäuschten alle in den ersten Rennen.
Erst gegen Ende der WM kamen die Deutschen an ihr Leistungsniveau heran. "Ich bin immer besser reingekommen, habe mich von Wettbewerb zu Wettbewerb gesteigert", zog Peiffer auf SPORT1-Nachfrage sein WM-Fazit.
Ähnlich erging es den deutschen Damen. Bachmann glänzte im abschließenden Massenstart als Vierte, Andrea Henkel und Miriam Gössner lieferten eine starke Staffelleistung ab.
Doch für die WM kam diese Steigerung zu spät.
Greis sticht heraus
Positiv hervorheben wollte Pfüller aber Michael Greis. Zwei Wochen vor der WM habe der noch nicht einmal gewusst, dass er in Ruhpolding am Start stehen würde.
"Er hat eine Riesenleistung abgerufen", lobte Pfüller den 35-Jährigen. Greis hatte großen Anteil an der Staffel-Bronzemedaille der deutschen Herren.
Ob er dem DSV aber noch lange erhalten bleibt, steht noch nicht fest. Während seiner langen Leidenszeit in diesem Winter hegte der Dreifach-Olympiasieger von Turin bereits Rücktrittsgedanken.
Herren-Spitze dicht zusammen
Ohnehin blickt der Verband mit sorgenvollen Mienen in die Zukunft. Die Weltspitze bei den Herren ist noch enger zusammengerückt. "Beim Herren-Einzel lagen am Ende die ersten Zwölf innerhalb einer Minute", betonte IBU-Präsident Anders Besseberg das hohe Niveau.
Für die Sportler heißt das aber, dass es in Zukunft immer schwerer werden wird, Medaillen zu erringen.
Aufstand der Kleinen
"Viele kleine Nationen rüsten auf", warnt Pfüller. Als Beispiel kann hierfür Slowenien dienen. Das kleine Land in den südlichen Alpen überraschte in Ruhpolding mit Mixed-Silber und Einzel-Gold durch Jakov Fak.
Auch in Tschechien, Südtirol und der Schweiz werde "enorm Betrieb gemacht" stellt Pfüller fest. Deshalb müsse man aufpassen, dass man nicht abgehängt wird.
Neuner-Loch nicht zu vermeiden
Bei den Damen wird das im ersten Neuner-losen Winter der Fall sein. Da gibt sich Pfüller keinen Illusionen hin. "Wir werden ein Loch haben", befürchtet der Funktionär.
Mit der Rekrutierung von Langläuferinnen für den Biathlon will Pfüller dieses Loch füllen. Ob dies schon für den nächsten Winter gelingt, ist fraglich. Die Umschulungs-Idee des DSV kam wohl zu spät.
Fischer reagiert dennoch optimistisch auf diese Pläne: "Im Winter ist die Erntezeit, man hat das ganze Frühjahr und den Sommer Zeit, zu trainieren und die Sportler auf die neue Disziplin vorzubereiten. Dann wird man sehen, was dabei herauskommt.


