Trucker-Lady Gössner: Spontan, cool und schnell
Von Andreas Kloo
München - Magdalena Neuner fühlte sich bestätigt: "Ich habe ja immer auf sie gesetzt", sagte die frisch gekürte Sportlerin des Jahres 2012 stolz über Miriam Gössner.
Mit ihrem ersten Weltcup-Sieg im Sprint von Pokljuka hatte Gössner dem DSV den ersten Sieg bei den Damen in der Nach-Neuner-Ära beschert. ( BERICHT: Gössner rast zum 1. Weltcup-Sieg)
Dabei will Gössner den Begriff "Nach-Neuner-Ära" gar nicht mehr hören.
Im Gespräch mit SPORT1 hatte sie ihren Unmur darüber deutlich zum Ausdruck gebracht - was Neuner selbst in Baden-Baden zu einem Lob verleitete: "Die Miri hat ja schon gesagt, dass sie das ewige Neuner-Gerede nervt und hat damit ein starkes Zeichen gesetzt!" ( Bericht: Genervte Gössner: Neuner-Gerede muss aufhören)
Übernachtung auf Autobahn-Parkplatz
Überhaupt ist Gössner in diesem Winter stärker, selbstbewusster und cooler. Die Geschichte von ihrer unfreiwilligen Autobahn-Übernachtung auf dem Weg nach Pokljuka macht das deutlich.
Weil es stark schneite, kam die 22-Jährige auf dem Weg nach Slowenien nur langsam voran. Für eine Hotelsuche war es schon zu spät, also verbrachte sie die Nacht kurzerhand im Auto.
"Da habe ich mir meine ganzen Skisachen angezogen und auf einem Parkplatz im Auto übernachtet. Um 6.30 Uhr bin ich wieder aufgewacht und habe mit Truckern gefrühstückt", erzählte sie der "Bild" von ihrem kleinen Abenteuer. ( BERICHT: Birnei gläzt, Gössner Zweite)
Umstellungen im Frühjahr
Genau das ist die neue Gössner: sie hat den Mut zu eigenen, ungewöhnlichen Wegen. Als sie im Frühjahr 2012 auf die Saison zurückblickte, machte sich bei ihr Unzufriedenheit breit. Sie wollte öfter aufs Podest - und zwar ganz nach oben. Also entschied Gössner, etwas zu ändern. Sie nahm zehn Kilo ab, richtete ihr Leben nur noch nach dem Sport aus.
"Sie ist einfach viel professioneller geworden", lobte ihr Heimtrainer Bernhard Kröll kürzlich bei SPORT1 die Garmischerin.
Cool trotz Nebel
Bereits in der Vorsaison hatte Gössner begonnen, mit einem Psychologen zusammenzuarbeiten. Das scheint sich nun am Schießstand immer mehr auszuzahlen.
Als bei der Verfolgung am Sonntag der Nebel das Schießen deutlich erschwerte, agierte sie beim Stehendschießen flexibel und änderte spontan die Reihenfolge der anvisierten Scheiben.
"Ich habe eine Scheibe gesucht, die ich gesehen habe. Ich habe dann mit der zweiten begonnen", erklärt sie. Diese Coolness wäre im letzten Winter wohl noch unvorstellbar gewesen.
Verbesserter Laufstil
Zwar schießt Gössner immer noch selten fehlerfrei, aber mittlerweile relativ konstant. Und aufgrund ihrer starken läuferischen Form kann sie in der Loipe einiges ausgleichen.
Für ihre Schnelligkeit ist aber nicht nur der Gewichtsverlust verantwortlich, sie hat sich auch technisch verbessert, läuft aufrechter und flüssiger. Zuletzt war sie deshalb jedes Mal die Laufschnellste.
Dennoch sieht die frühere Langlaufvizeweltmeisterin noch Luft nach oben: "Mir fehlt hinten raus noch die Tempohärte", sagte sie in Pokljuka zu möglichen Defiziten.
Wiedersehen mit Neuner
Daran will sie zwischen Weihnachten und Neujahr arbeiten, um beim Heim-Weltcup ab dem 3. Januar in Oberhof noch eine Schippe draufzulegen. ( DATENCENTER: Ergebnisse und Termine)
Vorher ist aber erst einmal ein wenig Relaxen angesagt. Nach ihrem ersten Weltcup-Sieg kann sich Gössner das auch leisten: "Der Druck ist jetzt weg", beschreibt sie ihre Erleichterung.
Spätestens am Donnerstag wird sie Freundin Neuner wiedersehen. Da treffen sich die deutschen Biathleten in Garmisch zu einer kleinen internen Weihnachtsfeier.
Neuner hat dann die Möglichkeit, Gössner selbst zu sagen, wie stolz sie auf ihre Nachfolgerin ist.


