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Magdalena Neuner wurde im Mai 2014 erstmals Mutter
Am 18. März 2012 beendete Biathletin Magdalena Neuner offiziell ihre Karriere © imago

Magdalena Neuner kritisiert das Verhalten der Coaches nach dem WM-Debakel. Bei SPORT1 zieht sie aber ein positives Saisonfazit.

Von Andreas Kloo

München - Magdalena Neuner lachte und lächelte viel, als sie sich auf einem PR-Termin eines Sponsors mal wieder der Öffentlichkeit zeigte.

Das frühlingshafte Wetter in München sorgte bei der Biathlon-Ruheständlerin für gute Laune.

Doch als das Thema Biathlon-WM zur Sprache kam, schlug sie ernste Töne an (DATENCENTER: Ergebnisse Biathlon).

Nur zwei Medaillen hatte das DSV-Team in Nove Mesto eingefahren und damit das schlechteste Ergebnis seit 1985 erzielt.

Neuner: Kritik zu einseitig

Es hagelte Kritik - nach Neuners Meinung zu einseitige Kritik.

"Ich finde es schade, dass die erste Reaktion der Trainer nach der WM war: Wir können nichts dafür, die Sportler sind schuld", griff sie direkt die deutschen Coaches an.

In der Tat zogen sich die DSV-Trainer nach der WM sofort aus der Schusslinie - und bekamen Rückendeckung von der Verbandsspitze.

Präsident Alfons Hörmann und Sportdirektor Thomas Pfüller wiesen noch am WM-Schlusstag daraufhin, dass die Trainer trotz des historischen Debakels nicht zur Debatte stünden. Schließlich hätten diese in den Jahren zuvor für große Erfolge im deutschen Biathlon gesorgt.

Neuner schmeckte diese Reaktion gar nicht: "Ich finde es nicht richtig, dass man den Sportlern hinterher die alleinige Schuld gibt."

Sie hätte eine gemeinsame, interne Fehleranalyse besser gefunden. "Man muss sich danach gemeinsam hinsetzen und besprechen, was in der Vorbereitung nicht optimal war", betonte die Wallgauerin.

Rätselhafte Gössner-Formdelle

Neuner findet durchaus auch bei den Coaches Ansatzpunkte für Kritik.

Auch ihr ist nicht entgangen , dass Miriam Gössner ausgerechnet bei der WM ein Formtief hatte. "Die Miri war vor der WM läuferisch sehr stark und danach auch wieder", betont sie.

Pfüller hatte im SPORT1-Interview eine Erklärung für Gössners Leistungsdelle parat: "Sie konnte auf den relativ leichten WM-Strecken ganz einfach nicht ihre läuferische Überlegenheit ausspielen. Normalerweise kann sie auf der Strecke ja den einen oder anderen Schießfehler kompensieren - das war in Nove Mesto leider nicht möglich."

Doch Neuner bringt den Gedanken ins Spiel, dass in der WM-Vorbereitung etwas schiefgelaufen ist.

"Alle müssen sich weiterentwickeln"

Unverhohlen wirft die Rekordweltmeisterin dem Trainerstab mangelnde Flexibilität und fehlende Offenheit für neue Ideen und Methoden vor.

"Da herrscht das Denken vor: Das haben wir immer so gemacht, und wir waren in den letzten Jahren damit erfolgreich. Warum sollen wir etwas ändern?"

Diese festgefahrene Einstellung gefällt Neuner nicht: "Alle müssen sich weiterentwickeln, auch die Trainer."

Was genau in der WM-Vorbereitung falsch gemacht wurde, kann und will die 26-Jährige aber nicht sagen: "Dafür bin ich mittlerweile zu weit weg vom Biathlon."

Angst vor den Reaktionen auf ihre verbale Breitseite hat sie nicht: "Das ist doch konstruktiv, was ich sage", verteidigt sie sich schon einmal im Vorhinein.

Zwist schon in Ruhpolding 2012

Neuners kritische Einstellung gegenüber den DSV-Trainern hat eine Vorgeschichte. Bereits bei der WM in Ruhpolding im Vorjahr hatte sie die Damen-Coaches Gerald Hönig undRicco Groß kritisiert.

Nach einem enttäuschenden Ergebnis im Einzelrennen warf sie dem Duo vor, sie hätten die Sportlerinnen mit übertrieben vielen Ansagen und Erklärungen vor dem Rennen nervös gemacht.

Man merkt Neuner an, dass sie vom Herzen her noch aktive Sportlerin ist. Bei fast jedem Biathlon-Rennen in dieser Saison hat sie vor dem Fernseher mitgefiebert.

Fast automatisch stellt sie sich deshalb hinter die Athleten.

Rucksack für Gössner

Die holten in der abgelaufenen Saison fünf Einzelsiege, drei durch Miriam Gössner, zwei durch Andreas Birnbacher.

Neuner allein hatte in ihrer Abschiedssaison zehn Mal ganz oben auf dem Podest gestanden.

Das Saisonfazit, das sie bei SPORT1 zieht, fällt dennoch nicht negativ aus: "Insgesamt war es eine gute Saison. Es kommt natürlich immer darauf an, was man erwartet. Und die Erwartungen waren sehr hoch, speziell die Miri musste einen richtigen Rucksack mit sich herumschleppen."

Mit dem Rucksack meint Neuner die Rolle Gössners als mögliche neue "Gold-Lena", in die Gössner schon vor der Saison gehievt wurde.

Große Hoffnung Dahlmeier

Für diese Rolle ist jetzt aber eine andere junge Biathletin auserkoren: die 19-jährige Laura Dahlmeier.

Die Junioren-Weltmeisterin sicherte der deutschen Staffel bei der Olympia-Generalprobe in Sotschi den Sieg und ließ in Chanty-Mansijsk mit Top-Ten-Platzierungen aufhorchen.

Auch Neuner erwartet Großes von ihrer früheren Trainingskollegin: "Die Laura hat einen tollen Einstand gehabt. Auf die können wir uns im nächsten Winter richtig freuen. Olympia steht unter einem guten Stern."

Viele Medaillenkandidaten für Sotschi

Umsteigerin Evi Sachenbacher-Stehle sieht Neuner ebenfalls auf einem guten Weg: "Sie kommt am Schießstand inzwischen gut zurecht. Wenn sie in der nächsten Saison da weitermacht, wo sie aufgehört hat, dann haben wir auf jeden Fall eine Medaillenkandidatin", sagt sie über die Langlauf-Olympiasiegerin.

Sogleich schiebt sie hinterher: "Und nicht nur eine, sondern drei oder vier." Dahlmeier, Gössner, Andrea Henkel - alle hat Neuner auf der Rechnung.

Zuletzt noch schwerer als die Damen taten sich die Herren. Aber auch da gibt sich Neuner optimistisch: "Andi Birnbacher hat wesentlich mehr drauf, als er gezeigt hat. Und wenn Erik Lesser mal kein Missgeschickt passiert, dann kann er auf einen Schlag ganz vorne stehen."

Zum Schluss gibt Neuner den deutschen Biathlon-Fans schon ein Versprechen für Sotschi 2014: "Bei Olympia wird keiner etwas anbrennen lassen."

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