vergrößernverkleinern
Frank Ullrich trainert seit 1998 die deutsche Biathlon-Mannschaft © getty

Der ehemalige DDR-Biathlet Jürgen Wirth beschuldigt den Bundestrainer, einst Doping angeordnet und kontrolliert zu haben.

München - Der deutsche Biathlonsport wird von schweren Doping-Anschuldigungen gegen Herren-Bundestrainer Frank Ullrich erschüttert.

Der ehemalige DDR-Biathlet Jürgen Wirth, Staffel-Weltmeister von 1987, beschuldigte Ullrich, während seiner Zeit als Co-Trainer der DDR-Nationalmannschaft Doping angeordnet und die Einnahme von Anabolika kontrolliert zu haben.

Jens Steinigen, Staffel-Olympiasieger 1992 in Albertville, erklärte, Ullrich habe von der systematischen Einnahme von Dopingmitteln Kenntnis gehabt.

Konkrete Vorwürfe

"Frank Ullrich hat uns damals angewiesen, Oral-Turinabol einzunehmen, damit wir schneller wieder regenieren", sagte Wirth in einem Bericht der "ARD".

"Wir haben die Tablette in den Mund genommen und sollten sie runterschlucken und sollten dann die Zunge rausstrecken, das man sieht, ob die Tablette noch im Mund ist", sagte Wirth weiter und konkretisierte damit seine Vorwürfe:

"Die Trainer Wilfried Bock und Frank Ullrich haben die Einnahme auch kontrolliert, damit jeder wirklich diese Tablette nimmt."

"Bei Gesprächen anwesend"

Steinigen bestätigte vor der Kamera zumindest, dass Ullrich von Dopingpraktiken Kenntnis gehabt habe: "An seine Rolle kann ich mich nicht mehr so im Detail erinnern. Er war nur bei den Gesprächen 1986, bei dem es um die konkrete Vergabe der Dopingmittel ging, anwesend."

Beide Sportler gaben in der "ARD" an, am Ende die regelmäßige Einnahme der Mittel verweigert zu haben

Ullrich dementiert

In einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber der ARD wies Ullrich die Darstellungen seiner ehemaligen Schützlinge zurück.

Es müsse bekannt sein, dass "ich als junger Co-Trainer, der erst im Jahre 1987 seine Trainerlaufbahn begann, weder zu Anordnungen noch zu Kontrollmaßnahmen befugt war".

In seinem Beisein wurde, so Ullrich, in Trainersitzungen auch niemals über Doping diskutiert.

Auch in einer Befragung im Rahmen der Richthofen Kommission im Jahr 1991 hatte Ullrich Kenntnis von Doping in der DDR abgestritten.

Auch Bock weist Anschuldigungen zurück

Der zweite Beschuldigte, Wilfried Bock, war in der DDR Verbandstrainer und Chef von Ullrich, der als Lauftrainer fungierte.

Auch Bock, in Sachsen zum Biathlon-Trainer des Jahrhunderts gewählt, wies die Anschuldigungen zurück. "Ich mache das nicht und ich habe es nicht gemacht."

Danckert: "Nicht nachvollziehbar"

Bock war zehn Jahre nicht als Trainer in Deutschland tätig und wurde erst ab 2002 wieder eingestellt und trainiert unter anderem den Staffel-Olympiasieger Michael Rösch. Diese Einstellungspraxis kritisierte Peter Danckert, Sportausschuss-Vorsitzender des Deutschen Bundestages.

Er sagte: "Ich glaube, die Sportfachverbände in der neuen Bundesrepublik müssen sehr gewissenhaft darauf achten, dass sie auch eine stringente Anti-Doping-Politik haben. Da wo man ohne Not dazu übergeht, ehemalige Trainer, die stark, erheblich in das Dopinggeschehen der DDR verwickelt waren, wieder einzustellen, ist das eigentlich nicht nachvollziehbar."

Der deutsche Skiverband (DSV), Arbeitgeber der beiden Beschuldigten, erklärte schriftlich auf Anfrage der "ARD-Sportschau" lediglich, er halte sich stets an Vorgaben und Empfehlungen einer unabhängigen Kommission, die Doping in der DDR untersucht hatte.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel