vergrößernverkleinern
Uwe Müssiggang ist seit 1998 Trainer der deutschen Biathletinnen © getty

Bundestrainer Uwe Müssiggang spricht im Sport1.de-Interview über Enttäuschung und gibt eine Erklärung für die Leistungsexplosion.

Von Benjamin Bauer

München - Wie eigentlich jedes Jahr liegt eine erfolgreiche Saison hinter dem DSV-Team der Biathletinnen.

Hervorragende Ergebnisse bei den Weltmeisterschaften in Pyeongchang konnte das deutsche Team verzeichnen.

Nur die große Kristallkugel musste Kati Wilhelm mit einem Punkt Rückstand an die Schwedin Helena Jonsson abgeben, was besonders schmerzte (Ein Punkt fehlt: Wilhelm ist "bitter enttäuscht").

Im Interview mit Sport1.de spricht Bundestrainer Uwe Müssiggang unter anderem über das fast perfekte Comeback von Wilhelm, die Situation bei Magdalena Neuner und seine weitere Planung in der wettkampffreien Zeit.

Zu den Vorwürfen gegen seinen Kollegen Frank Ullrich (Steinigen verstärkt Druck auf Ullrich) wollte er sich nicht äußern.

Sport1.de: Herr Müssiggang, Sie haben erneut eine erfolgreiche Saison hinter sich. Fünf Deutsche waren am Ende im Gesamt-Weltcup unter den ersten Neun. Welcher Sieg bedeutet Ihnen persönlich am meisten?

Müssiggang: Es sind nicht immer nur die Siege, die wichtig sind. Manchmal sind auch zweite Plätze sehr wertvoll. Es ist für mich und mein Team wichtig, dass eine Deutsche auf den ersten drei Plätzen ankommt. Dann sind auch die Leute zufrieden und sagen: "Die Deutschen sind da, die haben keinen Leistungsabfall."

Sport1.de: Kati Wilhelm ragte bei der WM mit zwei Einzel-Titeln aus dem Team heraus. Bei der letzten WM war sie hinter andere Teammitglieder wie Neuner oder Henkel zurückgefallen. Wie erklären Sie sich dieses Comeback?

Müssiggang: Kati hat ihre Trainingsgestaltung und die Methodik umgestellt, da sie einfach mal was anders machen wollte. Das konnte man natürlich nicht auf die ganze Gruppe übertragen, wodurch sie sich sehr selbstständig auf die Saison vorbereitet hat. Wie gewohnt ist sie dabei aber äußerst zielstrebig und konsequent vorgegangen, und das hat sich positiv ausgewirkt. Gerade im Stehendanschlag hat sie klasse Leistungen gebracht, was voriges und auch vor zwei Jahren nicht immer der Fall war. Beim letzten Rennen hat sie ein bisschen Pech gehabt, obwohl sie auch noch eine gute Leistung gebracht hat. Helena Jonsson war aber an diesem Tag einfach besser.

Sport1.de: Den Sieg im Gesamt-Weltcup hat Wilhelm erst beim allerletzten Schießen verpasst. Wie groß ist bei Ihnen die Enttäuschung darüber gewesen?

Müssiggang: Die Enttäuschung war schon da, aber ich war nicht so enttäuscht darüber wie Kati selbst. Wir sind doch eher an der WM orientiert, die zählt für uns mehr als der Gesamtweltcupsieg. Für Kati war das Gelbe Trikot bestimmt mindestens genauso wichtig, aber ich glaube, die WM-Medaillen haben sie auch gut getröstet. Aber der Athlet sieht sicher für sich die komplette Leistung über die ganze Saison als Highlight, das auch zu den WM-Erfolgen noch gut gepasst hätte.

Sport1.de: Überraschend stark waren in diesem Winter Simone Hauswald und zuletzt mit ihrem ersten Weltcup-Sieg Tina Bachmann. Muss man jetzt einen Umbruch im Team erwarten?

Müssiggang: Die Simone ist ja schon lange im Team dabei. Überraschend für uns war, dass sie so konstant im Spitzenbereich beim Laufen dabei war. Das hat ihr auch Sicherheit für das Schießen gebracht. Beim Laufen hatte sie bisher immer ein bisschen Rückstand, und den hat sie dieses Jahr wett gemacht. Der Sieg von Tina war für uns mehr als überraschend. Sie hat zwar auch bei den Europameisterschaften gute Ergebnisse erzielt und auch beim Weltcup in Trondheim eine gute Laufleistung gebracht. Dass es gleich zum Sieg gereicht hat, da haben auch andere Faktoren eine große Rolle gespielt. Die Ski waren in Ordnung, körperlich war sie gut drauf. Aber sie war für uns auf jeden Fall eine wertvolle Bereicherung.

Sport1.de: Bei Neuner wechselten sich Licht und Schatten sehr stark ab. Das Stehendschießen hat sie immer noch nicht richtig in den Griff bekommen. Woran liegt das und wie wollen Sie diese Schwäche beheben?

Müssiggang: Da muss ich zuerst mal sagen, dass sie dieses Jahr auch gute Stehend-Ergebnisse erzielt hat. Es gab auch Null-Ergebnisse, das war sehr gut. Bei Lena muss man vielleicht die gesamte Situation sehen. Was auf das junge Mädchen in den letzten zwei Jahren eingestürzt ist, das ist schon extrem gewesen. Insofern sehe ich auch diese Saison wieder als sehr erfolgreich an. Sie hat wieder die Spitzenposition vorne behauptet, war erneut unter den ersten im Gesamtweltcup, hat eine Weltcupkugel geholt. Ich bin in keiner Weise mit ihr unzufrieden. Sie hat viele Dinge dazugelernt, wird mehr Ruhe in ihre Trainingsablauf bringen, um auch gesundheitlich weniger Probleme zu haben.

Sport1.de: Was gibt es aus Ihrer Sicht bei Neuner noch zu verbessern für die Olympia-Saison?

Müssiggang: In erster Linie muss man bei ihr schon noch den Stehend-Anschlag verbessern, aber ich denke, sie ist auf einem sehr guten Weg.

Sport1.de: Sie waren in den letzten Monaten Tag und Nacht mit den deutschen Biathletinnen zusammen. Wie entspannen sie nun im Urlaub von der anstrengenden Saison?

Müssiggang: Ich werde sicher auch mal irgendwann Urlaub machen, aber momentan arbeiten wir die Saison noch auf und planen schon wieder. Es macht doch auch sehr viel Freude mit den Damen und ich kann auch sehr gut regenerieren. Es ist ja nicht so, dass eine ständige Anspannung herrscht, das Team ist sehr harmonisch.

Sport1.de: Wurde bei dieser Tagung, die sie ansprachen, auch das Doping-Thema aufgearbeitet?

Müssiggang: Weniger, es ging eigentlich hauptsächlich um die Struktur im Skiverband und um Personalfragen.

Sport1.de: Welche Änderungen wird es denn geben?

Müssiggang: Es wird keine Veränderungen geben. Wir sind so viele Jahre erfolgreich gewesen, da gibt es keine Notwendigkeit, etwas zu ändern.

Zum Forum - jetzt mitdiskutierenZurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel