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Die fünfmalige Olympiasiegerin Pechstein leidet unter Belastungsasthma © getty

Claudia Pechstein kämpft verzweifelt um ihren Ruf. Ein beschleunigtes Verfahren vor dem CAS soll für Klarheit sorgen.

München - Der Kampf um ihren Ruf und ihre Karriere hatte im Gesicht von Claudia Pechstein tiefe Spuren hinterlassen.

Sie wirkte angespannt, als sie im "ZDF-Sportstudio" vor einem Millionenpublikum ihre Medienoffensive fortsetzte und zum x-ten Mal ihre Ehrenerklärung abgab: "Ich habe niemals gedopt!"

Der Dopingfall der erfolgreichsten deutschen Winter-Olympionikin erschüttert den Sport und wird für Millionen von Fans zur Glaubensfrage.

Gleichzeitig erhält er als Präzedenzfall und Indizienprozess für den Kampf gegen Doping eine weltweite Dimension (Blutdoping-Affäre: Pechstein gesperrt).

Sperre ohne positiven Befund

Nachdem der Eislauf-Weltverband ISU Pechstein am Freitag wegen Blutdopings für zwei Jahre gesperrt hatte, überschlugen sich die Ereignisse: Die Berlinerin ging in die Offensive, griff die ISU an, entschuldigte sich nur für einen "Kuhhandel" und weiß vorläufig sogar den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auf ihrer Seite.

Pechstein ist weltweit die erste Sportlerin, die infolge der Anfang des Jahres eingeführten Blutprofil-Regel der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) gesperrt wurde.

Diese Regel besagt, dass derartige Sanktionen gegen Sportler bereits wegen Auffälligkeiten in ihrem Blutprofil ausgeprochen werden können, ohne dass ein konkreter positiver Dopingbefund vorliegt.

Krankheiten als Ursache?

Die ISU verwies als Begründung für die Sperre auf "abnormale Werte und abnormale Veränderungen" im Blut Pechsteins, festgestellt im Februar bei der Mehrkampf-WM in Hamar.

Betroffen sind die Werte der Retikulozyten, der Vorstufe der roten Blutkörperchen. Pechstein hält dagegen, dass die erhöhten Werte (Pharmakologe Fritz Sörgel im "ZDF": "Ich habe noch nie so hohe Werte gefunden") auch in Krankheiten oder Blutanomalien, die sie nun in Eigenregie ermitteln will, ihren Ursprung haben könnten.

Aufgrund eines einzelnen Blutwertes sei ein Doping-Nachweis nicht zu führen.

Bach "bestürzt"

Der DOSB stellte sich auf Pechsteins Seite - zumindest vorläufig.

"Wir sind bestürzt, aber es muss in so einem Fall die Unschuldsvermutung gelten. Er ist nicht vergleichbar mit einer positiven Probe oder dem Besitz von verbotenen Materialien", sagte DOSB-Präsident Thomas Bach: "Es handelt sich jetzt um ein laufendes Verfahren. In diesem genießt der Athlet Rechte, und die gilt es zu verteidigen." Der DOSB stellte fest, dass "die Beweiskraft der Indizien von namhaften Sachverständigen bezweifelt wird".

Dies ist auch Pechsteins Hauptargument. Beatrice Pfister, die Vorsitzende des dreiköpfigen ISU-Gerichts, das die Sperre verhängt hat, sieht die Sache anders.

"Es trifft nicht zu, dass die Gutachter Frau Pechstein entlastet haben. Ich kann ihre Aussagen deswegen nicht nachvollziehen", sagte Pfister der "Welt": "Selbstverständlich" sei sie von der Richtigkeit der Entscheidung überzeugt.

DESG-Boss: "Ein Experiment"

Gerd Heinze, Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, hält dagegen: "Hier wird nicht aufgrund von Fakten, sondern aufgrund von Indizien geurteilt. Ich bin nicht bereit, unseren Sport für so ein Experiment herzugeben. Wir werden an Claudias Seite stehen, bis Klarheit herrscht. Und für diese Klarheit wird der CAS sorgen."

Der Verband und Pechsteins Anwälte werden ein beschleunigtes Verfahren beim CAS beantragen. Wann mit einem Ergebnis zu rechnen ist, ist unklar. In nicht beschleunigten Verfahren kommt das Gericht in der Regel innerhalb von vier Monaten zu einer Entscheidung.

Die ist im Fall Pechstein von immenser Tragweite. Von ihr wird abhängen, ob Pechstein 2010 in Vancouver zum sechsten Mal an Olympischen Spielen teilnehmen darf und in Zukunft Sportler auch ohne Dopingbefund gesperrt werden dürfen.

Franke: Zeichen, keine Beweise

Wie kompliziert die Sachlage ist, verdeutlichen Aussagen des Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke. "Falls sie keine Erkrankung des blutbildenden Systems hat, zum Beispiel verschiedene Arten von Tumoren, liegen hier sichere Zeichen zur Stimulation durch Epo vor", sagte Franke: "Ein Beweis für Doping kann dies aber nicht sein."

Während sich Weggefährten wie ihr langjähriger Trainer Joachim Franke ("Wer Claudia kennt, weiß, dass das nicht ihr Wesen ist") schockiert zu den Anschuldigungen äußerten, begann Pechstein ihren Verteidigungskampf.

Dabei feuerte sie Breitseiten gegen die ISU. Sie selbst werfe sich nur vor, sich auf einen "Kuhhandel" mit dem Weltverband eingelassen zu haben.

ISU bestreitet Abkommen

"Die ISU hat unseren Teamleiter von den erhöhten Retikulozytenwerten unterrichtet und mir geraten, den Wettkampf abzubrechen, um in Ruhe die Angelegenheit zu klären. Ich habe mich darauf eingelassen, weil ich Angst hatte, ungerechterweise als Dopingsünderin dazustehen. Meine Entscheidung im Februar war ein schwerer Fehler, für den ich mich bei meinem Fans entschuldigen will", sagte Pechstein mit Blick auf die Vorgänge bei der Mehrkampf-WM in Hamar, die sie offiziell wegen eines Infekts nach zwei von vier Rennen abgebrochen hatte.

Die ISU bestritt den Vorwurf. Einen weiteren konnte ISU-Vizepräsident Gerhard Zimmermann, selbst lange Jahre an der DESG-Spitze, allerdings nicht entkräften.

Laut Heinze hat die ISU Pechstein angeboten, den Fall komplett zu vertuschen, sollte sie ihre Karriere sofort beenden. Zimmermann räumte ein, dass es "unter den Juristen" durch ISU-Chefankläger Gerhardt Bubnik (Tschechien) "einen entsprechenden Vorschlag gegeben haben könnte". Bis ins ISU-Präsidium sei dieser aber nicht vorgedrungen.

Klage angekündigt

In der "Berliner Morgenpost" kündigte Pechstein unterdessen an, die ISU "auf eine riesige Summe" zu verklagen (Pechstein will ISU verklagen). Hintergrund sind auch Pechsteins Werbeverträge.

"Die beinhalten Klauseln, falls ich einen Dopingverstoß begehe. Dann sind meine Werbeverträge erledigt. " Auch ihre Verbeamtung auf Lebenszeit bei der Bundespolizei steht auf dem Spiel: "Ich weiß, dass ich mit einem Disziplinarverfahren rechnen muss."

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