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Claudia Pechstein hat in ihrer Laufbahn 34 WM- und neun olympische Medaillen gesammelt © getty

Claudia Pechstein wehrt sich gegen den Dopingverdacht und unterstellt dem Weltverband Desinformation und üble Absichten.

Von Matthias Becker

München - Der Fall Pechstein erschüttert die Sportwelt in ihren Grundfesten: Nur aufgrund von Auffälligkeiten in ihrem Blutprofil sperrte der Eislauf-Weltverband ISU die fünfmalige Olympiasiegerin für zwei Jahre. Ein konkreter positiver Dopingbefund liegt nicht vor. (Präzedenzfall mit weltweiter Dimension)

Pechstein wehrt sich nach Kräften gegen die Sanktion, die auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als zweifelhaft einschätzt.

Im Interview der Woche von Sport1.de geht die 37-jährige Berlinerin in die Offensive, unterstellt der ISU Desinformation und üble Absichten. Außerdem spricht Pechstein über ihre seit Langem überhöhten Retikulozyten-Werte und die Sorge um ihre Gesundheit.

Sport1.de: Frau Pechstein, seit Freitag ist ein Sturm über Sie hereingebrochen. Sie hatten etwas Zeit, sich auf dieses Szenario vorzubereiten. War der Ablauf seit Bekanntwerden der Sperre so, wie Sie es erwartet haben?

Claudia Pechstein: Das war ein Tsunami und absolut krass. Ich wurde erst Donnerstagabend von der Sperre informiert. Nicht mal 24 Stunden später war es öffentlich. Da kann man sich nicht drauf vorbereiten. (Hier gleich zu Teil 2 des Interviews: "Die Formfehler sind kein Kavaliersdelikt") Ich war bis zum Schluss davon ausgegangen, dass die Gerechtigkeit schon vor dem ISU-Gericht in Bern siegt. Vor allem nach dem Prozessverlauf und den Aussagen der Gutachter. Aber da war ich wohl zu blauäugig. Ein Verbandsgericht, das über die Klage des eigenen Verbandes urteilen soll, das möchte ich nicht weiter kommentieren.

Sport1.de: Zwischen den Darstellungen von Ihrer Seite und denen der ISU gibt es enorme Abweichungen. Wie erklären Sie sich das?

Pechstein: Wir haben die Mitschriften des Verfahrens, und da ist eigentlich alles protokolliert. Niemand sollte sich von der Urteilsbegründung blenden lassen, klar, dass die ISU dort nur ihre Argumente vorträgt. Aber die sind nicht stichhaltig. Mein Anwalt und ich haben in den Medien nur die Dinge erzählt, die stimmen. Uns nutzt es ja auch nichts, irgendeinen Quatsch zu erzählen, wenn wir dafür keine Belege haben.

Sport1.de: ISU-Präsident Ottavio Cinquanta sagt, es sei "nicht in Ordnung, einen Kuhhandel zu unterstellen". Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Pechstein: Es geht ja inzwischen um zwei "Kuhhandel". Beim ersten wurde unserem Teamleader Helge Jasch und unserem Teamarzt in der Nacht zum 8. Februar 2009 der Vorschlag gemacht, ich könne auf Grund einer Krankheit die WM abbrechen und dadurch käme nicht an die Öffentlichkeit, dass man bei mir einen erhöhten Retikulozyten-Wert gemessen habe. Ich musste mich entscheiden: Krankheit vortäuschen oder der Gang an die Öffentlichkeit mit Brandmarkung durch den Dopingverdacht. Die ISU hat den Eindruck vermittelt, als ginge es nur um eine Schutzsperre, und ich könnte drei Wochen später wieder starten. In der Anklage ging es dann auf einmal um einen positiven Fall. Wenn ich gewusst hätte wie das läuft, hätte ich mit Sicherheit anders entschieden.

Sport1.de: Sie haben zunächst also nicht die vollständigen Informationen bekommen:

Pechstein: Überhaupt nicht, nein!

Sport1.de: Haben Sie von dem zweiten angeblichen "Kuhhandel", dass der Fall bei einem Karriere-Ende komplett zu den Akten gelegt werden könnte, überhaupt etwas mitbekommen?

Pechstein: Selbstverständlich. Mein Anwalt hatte mir angekündigt, dass der Anwalt der Gegenseite anrufen möchte, um einen Vorschlag zu unterbreiten. Da habe ich noch im Spaß gesagt: "Pass auf, die wollen, dass ich aufhöre". Und genau so war?s dann. Ich kenne den Laden also doch ganz gut. Für meine Antwort musste ich nicht mal eine Sekunde überlegen: Bei denen piept's wohl. Warum soll ich aufhören, wenn ich nichts verbrochen habe!

Sport1.de: Ist das möglicherweise auch ein Zeichen, dass sich die Funktionäre doch nicht zu sehr auf ihre Indizien verlassen wollten?

Pechstein: Das könnte man so verstehen. So habe ich das noch gar nicht gesehen. Aber ich habe das damals nicht bewertet, sondern empfand den Vorschlag an sich als eine absolute Frechheit. Mein Ziel ist Olympia und dabei bleibt es.

Sport1.de: Trotzdem wird der Vorschlag von Seiten der ISU nun abgestritten.

Pechstein: Haben Sie etwas anderes erwartet? Wir haben da ein paar Dinge, die das belegen können. Ich habe mich mehrfach mit meinem Manager, dem Teamleader und dem Mannschaftsarzt drüber unterhalten. Und mein Anwalt denkt sich das ja auch nicht aus.

Sport1.de: Trotz des großen - auch beruflichen Risikos (Polizei durchleuchtet den Fall Pechstein) - waren sie nicht versucht, auf das Angebot einzugehen?

Pechstein: Natürlich nicht, denn ich habe mir nichts vorzuwerfen. Warum soll ich da noch entgegenkommen?

>> Hier geht's weiter zu Teil 2 des Interviews: "Die Formfehler sind kein Kavaliersdelikt"

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