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Claudia Pechstein wurde im Februar aufgrund von Blutdoping-Indizien von der ISU gesperrt © getty

Im Teil 2 des Interviews spricht Claudia Pechstein über die Panikmache eines Mediziners und ihr vermeintliches Superjahr 2009.

Claudia Pechstein hält ungeachtet der Zweijahres-Sperre aufgrund des Blutdoping-Verdachts an ihren sportlichen Plänen fest.

Im zweiten Teil des Interviews der Woche bei Sport1.de spricht Claudia Pechstein über die Panikmache eines Mediziners und ihr vermeintliches Superjahr 2009. Zudem nimmt sie zu ihren seit Langem überhöhten Retikulozyten-Werte Stellung.

Sport1.de: Sie haben berichtet, in Hamar erstmals das Wort Retikulozyten gehört zu haben. Nun ist öffentlich geworden, deren Wert habe bei Ihnen seit 2000 in 14 Fällen über dem Grenzwert gelegen. Bedeutet das, dass die ISU Ihnen die Überschreitung des Grenzwerts seitdem verschwiegen hat? (Grenzwert in 14 Fällen erhöht)

Pechstein: Ganz genau so ist es. Bei normalen Sportuntersuchungen der Kader in Deutschland wird der Retikulozyten-Wert nicht abgenommen. Deshalb habe ich in Hamar das erste Mal davon gehört. In der Anklage kamen dann alle Werte zum Vorschein, die ich mittlerweile ja auch öffentlich gemacht habe. Das ist ein Wahnsinn: Seit neun Jahren wird dieses Blutprofil erhoben. In der ganzen Zeit gab es keinen positiven Dopingbefund, aber man wusste, dass der Retikulozyten-Wert häufiger mal erhöht war. Da könnte man doch auch mal auf die Idee kommen, die Sportlerin zu informieren, dass vielleicht etwas nicht stimmt und man sich untersuchen lassen sollte. Das ist aus meiner Sicht ein fahrlässiges Verhalten von der medizinischen Abteilung der ISU.

Sport1.de: Sehen Sie durch die mehrfache Überschreitung des Grenzwerts Ihre Meinung bestätigt, dass es sich auch um einen Krankheitsfall oder eine Anomalie handeln kann?

Pechstein: Es muss irgendeine Ursache haben, aber es war kein Doping. Das weiß ich hundertprozentig. Durch die schon frühzeitig erkannten Erhöhungen wird mir nun bereits seit dem Jahr 2000 Blutdoping unterstellt. Und nie bin ich erwischt worden. Da müsste ich ja schlauer sein als sämtliche Dopingsünder im Radsport samt Helfershelfern zusammen. (Polizei durchleuchtet den Fall Pechstein)

Sport1.de: Wissen Sie, wieso erst jetzt vorgegangen wurde? Auch ohne den neuen WADA-Code hätte man zuvor ja schon eine Schutzsperre aussprechen können.

Pechstein: Mir wurde erklärt, dass die Schutzsperre mit diesem Wert und in dieser Konstellation nicht in Frage gekommen wäre. Aufgrund der neuen WADA-Regeln wurde ich gesperrt, zuvor gab es keine Handhabe. Allerdings waren meine Werte auch nicht immer nur zum Wettkampf-Höhepunkt hoch, wie es in der Anklageschrift stand.

Sport1.de: Eine Frage, die sich aber stellt, ist, weshalb zwischen Hamar im Februar und der Anklage im März noch keine medizinischen Lösungen gesucht wurden?

Pechstein: Hier müssen die Abläufe schon korrekt wiedergegeben werden. Bis zur Anklage wusste ich ja noch gar nicht, dass die Werte seit dem Jahr 2000 mehrfach erhöht waren. Anschließend mussten wir zunächst medizinische Gutachter finden, die auf diesem Gebiet als anerkannte Spezialisten gelten. Diese haben dann mit Hochdruck gearbeitet, um bis zu meiner Erwiderungsfrist am 30. April umfassende Gutachten vorzulegen. In diesen wurden dann mehrere mögliche Ursachen dargelegt, die die Werte beeinflusst haben können. Als klar war, dass sogar eine Krankheit dahinter stecken könnte, habe ich selbstverständlich anhand zusätzlicher Proben mein Blut analysieren lassen. Niemand kann mir vorwerfen, nichts unternommen zu haben.

Sport1.de: Auch die Ärzte sind sich in dem Fall nicht einig. Wie bewerten Sie deren Aussagen? (MOBILE: Wintersport-News auf Ihr Handy!)

Pechstein: Professor Werner Franke hatte zunächst gesagt, das sei kein Doping-Beweis. Da hat er sich aber offensichtlich nicht genug gehört gefühlt und musste deshalb wohl noch mal nachlegen. Plötzlich sagt er, wenn ich nicht gedopt habe, müsse ich Leukämie, also Blutkrebs haben. Hat er eigentlich einen Plan, was er mir damit für einen Schrecken eingejagt hat. Zum Glück hat er dafür keine wissenschaftlichen Belege, ansonsten wäre ich ja todkrank. Das ist einfach nur dummes Geschwätz. Es kann viele Ursachen geben, fernab des Dopings. Jeden Tag bekomme ich Post von mehreren Medizinern, die Tipps geben und mögliche Ursachen aufzeigen. Unglaublich, das werde ich alles noch veröffentlichen. Von mir aus können von mir auch alle alten Proben noch einmal geöffnet werden, da habe ich nichts zu befürchten. Mehr, als mich immer zur Verfügung zu stellen, kann ich nicht machen.

Sport1.de: Können Sie nachvollziehen, dass die Öffentlichkeit von den Indizien gegen sie - in Verbindung mit den starken Leistungen im Winter 2008/09 - überzeugt sein könnte?

Pechstein: Nein! Von den Zeiten her hatte ich im vergangenen Winter eine einzige Sternstunde. Mein Weltcupsieg in Moskau über 5000 m: Das war vom Gefühl auf dem Eis vergleichbar mit meinen Olympiagold in Salt Lake City. Eine meiner ganz persönlichen Karrierehöhepunkte. Ansonsten kann jeder gerne meine Zeiten aus dem "schlechten Jahr 2008" mit denen aus dem "Superjahr 2009", wie es in den Medien ja immer dargestellt wurde, vergleichen. Bei meinem EM-Sieg habe ich in etwas das gleiche Potenzial gezeigt wie im Vorjahr, als ich chancenlos war. Machen Sie mir bitte nicht zum Vorwurf, dass meine Konkurrentinnen langsamer geworden sind. Da wird von einem riesigen Leistungssprung gesprochen, den es gar nicht gab.

Sport1.de: Wie geht es jetzt weiter? Es soll beim CAS eine "vorläufige Maßnahme" beantragt werden, damit sie beim Sommer-Weltcup in Hamar starten können.

Pechstein: Es war bisher immer so, dass ich nach dem Sommer-Eistraining einen Wettkampf zur Leistungskontrolle gemacht habe. Das möchte ich natürlich in diesem Jahr auch wieder machen. Ich befinde mich in der Vorbereitung auf Vancouver und werde anstreben, meinen Plan nicht verändern zu müssen.

Sport1.de: Bis wann ist mit einer Entscheidung des CAS zu rechnen? Ihnen läuft ja auch die Zeit davon.

Pechstein: Ich habe schon in Bern darauf gedrängt, eine schnelle Entscheidung zu bekommen und werde die Untersuchungen auch jetzt weiter vorantreiben. Ich will schließlich selbst wissen, was los ist. Ich habe ja nichts davon, wenn die Sperre jetzt aufgehoben wird und dann bei Olympia wieder mit einem überhöhten Wert herausgezogen werde. Ich hoffe es geht jetzt schnell, denn eine Olympia-Vorbereitung unter solchen Umständen ist natürlich Wahnsinn.

Sport1.de: DOSB-Aktivensprecher Christian Breuer berichtet von angeblichen Formfehlern bei der Analyse der Dopingproben? (Präzedenzfall mit weltweiter Dimension)

Pechstein: Das ist auch ein Fakt. Aber das wollte das Gericht alles nicht wissen. (Pechstein will ISU verklagen)

Sport1.de: Wären Sie denn mit einer möglichen Aufhebung des Urteils aufgrund eines Formfehlers zufrieden - oder brauchen Sie nicht einen Freispruch erster Klasse?

Pechstein: Natürlich möchte ich nicht aufgrund von Formfehlern gewinnen. Aber man darf auch nicht so tun, als wären Formfehler ein Kavaliersdelikt. Wenn Proben in einem nicht von der NADA oder WADA zugelassenen Labor untersucht wurden, mich aber nun belasten, dann kann das nicht unwidersprochen hingenommen werden. Ich bin gespannt, wie der CAS das beurteilen wird. Am Ende zählt für mich nur die Gerechtigkeit.

>> Hier geht's zurück zu Teil 1 des Interviews: "Bei denen piept's wohl"

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