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Claudia Pechstein gewann in ihrer Laufbahn 34 WM- und neun olympische Medaillen © getty

Bereits bei der Mehrkampf-WM vor fünf Jahren drohte der Olympiasiegerin wegen auffälliger Blutwerte eine Schutzsperre.

München - Die wegen Blutdopings für zwei Jahre gesperrte Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein ist bereits im Jahr 2004 einer Schutzsperre entgangen (Claudia Pechstein im Interview der Woche).

Harm Kuipers, Mitglied der medizinischen Kommission des Eislauf-Weltverbandes ISU, bestätigte einen entsprechenden Bericht der "Süddeutschen Zeitung".

Demnach bekam Pechstein bei den Mehrkampf-Weltmeisterschaften im Februar 2004 in Hamar trotz eines auffälligen Hämoglobinwertes nur wegen logistischer Probleme kein Startverbot.

Logistische Probleme

Am 6. Februar, einen Tag vor den Titelkämpfen in der norwegischen Stadt, wies Pechsteins Blut einen Hämoglobinwert von 16,5 auf, der exakt dem Grenzwert entspricht (Präzedenzfall mit weltweiter Dimension).

"Für eine Startsperre hätten wir eine zweite Blutprobe entnehmen müssen, und das war an diesem Tag logistisch nicht möglich. Die zweite Probe, die wir drei Tage später entnommen haben, war dann überraschend niedrig", sagte Kuipers. Der Wert betrug nur noch 13,8.

Von Krämpfen geplagt

Eine Zweijahressperre hätte Pechstein damals nicht befürchten müssen, da der Code der Welt-Antidoping-Agentur WADA, der diese Sperre auch bei einem indirekten Dopingnachweis zulässt, erst seit Anfang 2009 gültig ist.

Sollte Pechstein damals mit unerlaubten Mitteln an den Start gegangen sein, hätten sie ihr nicht geholfen:

Von Krämpfen geplagt, kassierte die Berlinerin als Führende des Zwischenklassements im abschließenden 5000-m-Rennen gegen Renate Groenewold eine der bittersten Niederlagen ihrer Laufbahn und wurde hinter der Niederländerin Gesamt-Zweite.

Auffällige Retikulozyten-Werte

Anni Friesinger, die eigentlich nach drei Distanzen den ersten Platz belegt hatte, war im Schlussrennen wegen einer Krankheit nicht mehr angetreten.

In Hamar wurden Pechstein im Februar dieses Jahres auch die für die aktuelle Sperre entscheidenden Proben abgenommen. Dabei waren allerdings nicht die Hämoglobin-, sondern die Retikulozyten-Werte auffällig.

Zudem berichtet die SZ, dass Pechsteins Blutwerte seit der Mehrkampf-WM in diesem Jahr in weiteren Kontrollen normal gewesen sein sollen. Auch in diesem Punkt beruft sich die Zeitung auf ISU-Kreise.

Sörgel: "Kaum eine Chance"

Der Nürnberger Pharmakologe Fritz Sörgel wertet dies als belastendes Indiz: "Kommen bei ihr auch nur drei, vier neue Werte mit klar erniedrigten Werten über zwei, drei Monate dazu, wie sie diese auch schon früher hatte, werden die Modellberechnungen von Sottas in ihrer wissenschaftlichen Aussagekraft einen enormen Schub bekommen. Ich sehe da auch vor Gericht kaum eine Chance für ein Entkommen."

Dr. Pierre Eduard Sottas vom WADA-Labor in Lausanne, im ISU-Prozess einer der Gutachter, fand nach eigener Aussage in bislang 10.000 entnommenen Blutprofilen nur eine einzige Person mit ähnlich hohen Werten wie Pechstein, und diese Person war nachweislich krank.

Wahrscheinlichkeit von 0,01 Prozent

Sollte der internationale Sport-Gerichtshof CAS in Lausanne einzig dieser Wahrscheinlichkeit von 0,01 Prozent folgen, hätte Pechstein kaum Chancen auf einen Freispruch.

Dagegen würde der Nachweis einer Blutkrankheit Pechstein, die Doping vehement bestreitet, bei ihrem angestrebten CAS-Prozess entscheidend entlasten.

Diesen Nachweis hat Pechstein, die nach einer beispiellosen Medienoffensive derzeit schweigt, bislang noch nicht erbracht. Ihr Management hat für weitere Stellungnahmen auf eine Pressekonferenz verwiesen, die noch nicht offiziell terminiert ist.

Unterdessen nahm Kuipers alle anderen Läuferinnen und Läufer der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft aus der Schusslinie. "Aus den anderen Werten im deutschen Team kann man schließen, dass dort nicht systematisch gedopt wird", sagte der Niederländer.

DESG lässt Pechstein nicht mehr mittrainieren

Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) verbot Pechstein am Montag die Teilnahme an sämtlichen Trainingsmaßnahmen und Wettbewerben des Verbandes oder ihres Vereins. Zuletzt durfte die 37-Jährige in Berlin-Hohenschönhausen noch bei der deutschen Männer-Nationalmannschaft unter Coach Bart Schouten mitlaufen.

Das Bundesinnenministerium hatte die DESG am Wochenende aufgefordert, Pechstein nicht weiter zu fördern. Bei einem Verstoß drohten "Konsequenzen zu Lasten des Verbandes", sagte Innen- und Sportminister Wolfgang Schäuble.

"Ein irreparabler Schaden"

"Dieses Trainingsverbot ist ein irreparabler Schaden. Wenn Claudia nicht mehr trainieren darf, dann nutzt ihr im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Vancouver auch ein Freispruch vor dem CAS nichts mehr", sagte Pechsteins Anwalt Simon Bergmann und kündigte umgehende Schritte an.

"Deshalb ist nun die Notwendigkeit einer einstweiligen Verfügung vor dem CAS im beschleunigten Verfahren evidenter als vorher."

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