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Claudia Pechstein ist von Beruf Polizeihauptmeisterin der Bundespolizei © getty

Die Eisschnellläuferin findet plötzlich "deutliche Hinweise" auf eine Blut-Anomalie. Ein Arzt attackiert Pechtsteins Lager.

Den Haag - Einen Tag vor dem wichtigsten Kampf ihrer Karriere hat Claudia Pechstein ihre vermeintlich schärfste Waffe präsentiert.

Angeblich ist es der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin gelungen, eine natürliche Ursache für ihre schwankenden Blutwerte zu finden. (Pechstein sieht sich entlastet)

Das würde dem Eislauf-Weltverband ISU in der am Donnerstag beginnenden Berufungsverhandlung vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne einen gewaltigen Schlag versetzen.

Denn die ISU hatte die fünfmalige Olympiasiegerin nur anhand dieser Werte für zwei Jahre gesperrt.

Sechs medizinische Gutachten

"Wir haben dem CAS insgesamt sechs medizinische Gutachten vorgelegt. Zwei von ihnen enthalten Befunde, die deutliche Hinweise auf eine natürliche Ursache der schwankenden Retikulozyten liefern", teilte Pechsteins Anwalt Simon Bergmann mit.

Und weiter: "Wir haben diese medizinisch sehr komplexen Ergebnisse nicht vorzeitig der Öffentlichkeit vorgestellt, damit der CAS unvoreingenommen und auf sachlicher Basis entscheiden kann."

Nach Angaben von Pechsteins Manager Ralf Grengel hatte man die medizinischen Expertisen unter "hohem Zeitdruck und unter erheblichem finanziellen Aufwand" anfertigen lassen und erst am vergangenen Mittwoch zum letztmöglichen Eingabetermin dem CAS zukommen lassen.

Pechstein schweigt

"Es wäre eigentlich Aufgabe der ISU gewesen, so einen Nachweis zu erbringen, bevor es überhaupt zur Anklageerhebung gekommen ist", sagte Grengel.

Pechstein selbst äußerte sich nicht mehr. Ihr Arbeitstag vor der bislang wichtigsten Verhandlung ihres Lebens hatte für sie mit knallhartem Training begonnen.

Pünktlich um 9.30 Uhr betrat sie die Eisbahn in Berlin-Hohenschönhausen und machte Tempo. Intervalleinheit, fünf mal fünf Runden, zehn Kilometer, entschlossen, konzentriert, kämpferisch - so, wie sie auch vor dem CAS auftreten will.

"Es ist alles gesagt", raunte sie den Journalisten danach noch zu und ging Koffer packen.

Vancouver steht auf dem Spiel

In der Avenue de Beaumont, wo der CAS im prachtvollen Chateau de Bethusy residiert, stehen ab Donnerstag, 17 Uhr, Pechsteins Ruf, ihre Karriere, ihr Beamtenstatus als Bundespolizistin und ihr Traum von den Winterspielen in Vancouver 2010 auf dem Spiel.

Zugleich hoffen in der ganzen Welt Funktionäre, Sportler und Wissenschaftler, auf die drängenden Fragen nach Anwendbarkeit des indirekten Dopingnachweises und Verteilung der Beweislast Antworten zu erhalten - unabhängig davon, wer gewinnt.

Am Tag vor dem Showdown in der 120.000-Einwohner-Stadt am Genfer See hatte auch der angebliche Dopingtest von Pechstein am vergangenen Montag noch einmal für Unruhe gesorgt.

"Lächerliche Argumentation"

Harm Kuipers, in Lausanne zuständiger Mediziner des Weltverbandes ISU, wies die Interpretation von Pechsteins Manager Grengel scharf zurück, der mit Blick auf den Test gesagt hatte: "Scheinbar hält es die ISU selbst für möglich, dass Claudia schon bald wieder starten darf. Warum sollte der Verband sonst einen Test veranlassen?"

Kuipers bezeichnete Grengels Aussage als "unglaubliche, lächerliche Argumentation". Die ISU habe die Dopingkontrollen vor einiger Zeit der schwedischen Agentur IDMT übertragen.

"Diese arbeitet vollkommen selbstständig. Sie kontrolliert weltweit alle Sportler, die im Testpool der ISU stehen, und zwar unabhängig", sagte Kuipers.

Kontrolle noch am Montag?

Es könne sein, dass Pechstein am Montag kontrolliert worden sei, "ich weiß es jedoch nicht, niemand in der ISU weiß es".

Grengel wollte das nicht unkommentiert stehen lassen. Angeblich sei Pechstein zunächst wochenlang gar nicht, und dann in kurzem Abstand auch durch die Nationale Antidoping-Agentur NADA insgesamt dreimal kontrolliert worden.

Grengel sagte: "Kuipers mag an Zufälle glauben, ich tue es nicht."

Kuipers: "Haben Hausaufgaben erledigt"

Zu den von der Pechstein-Seite angeführten Verfahrensfehlern, die der ISU bei der Handhabung der Dopingproben der fünfmaligen Olympiasiegerin unterlaufen sein sollen, wollte sich Kuipers nicht direkt äußern.

"Wir haben unsere Hausaufgaben erledigt. Ich bin zuversichtlich", meinte der 62 Jahre alte Allround-Weltmeister von 1975.

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