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Olympiasiegerin Claudia Pechstein will bis zu einem Freispruch prozessieren © getty

Die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin reagiert entrüstet auf den Verlauf ihres Doping-Prozesses und die Kritik von Kollegen.

Berlin - Claudia Pechstein hat mit "Frust, Ohnmacht und Wut" auf die jüngsten Anfeindungen aus dem Kollegenkreis reagiert und erneut den Weltverband scharf angegriffen.

"Niemand kann sich vorstellen, wie es im Moment in mir aussieht", schrieb Pechstein auf ihrer Homepage. "Scheinbar darf jeder über mich herziehen und mich öffentlich denunzieren, nur weil in meinem Körper ein Blutwert höher ist als bei anderen", wetterte die 37-Jährige, nachdem zuletzt vor allem ausländische Läufer ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt hatten 126156(DIASHOW: Die spektakulärsten Dopingfälle).

Pechstein: 500 überhöhte Werte

Gleichzeitig forderte Pechstein vom Weltverband ISU die Bekanntgabe der Namen aller weiteren Sportler, die wie sie höhere Retikulozytenwerte aufweisen und kündigte an, so lange kämpfen zu wollen, bis sie ihren "Freispruch in der Tasche" habe.

Die vom Weltverband wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrte Pechstein empörte sich darüber, dass sie als "Versuchskaninchen" benutzt werde. Wie sie behauptete, gebe es in der Datenbank des Weltverbandes mehr als 500 Werte gibt, die außerhalb des so genannten Normbereiches von 0,65 bis 2,4 Prozent liegen. Nur 14 Werte davon gehörten ihr.

"ISU muss Namen nennen"

Zwölf andere Athleten würden auch hohe Retikulozytenwerte aufweisen. Die ISU müsse die Namen dieser Athleten benennen. "Warum bin ich die einzige, die als Aussätzige am Nasenring durch die Arena gezogen wird?", fragte Pechstein.

Einem anderen der zwölf betroffenen Athleten habe der Weltverband die Möglichkeit gegeben, ein Blutanomalie-Attest vorzulegen. Für Pechstein ein Skandal. Gleichberechtigung sehe anders aus. "Ich werde aus dem Verkehr gezogen, während jemand anders seine Werte im Vorfeld einer möglichen Anklage medizinisch erklären darf."

Gang vors Zivilgericht angekündigt

Pechstein wies auch darauf hin, dass im Verfahren des Internationalen Sportgerichtshofes CAS Werte von einer Skiläuferin aus der absoluten Weltklasse angesprochen wurden, die vergleichbar mit ihren Werten seien. Allerdings gelte diese Athletin beim Ski-Weltverband FIS ohne Nachweis einer Blutanomalie als ungedopt. "Habe ich also nur das Pech, über die Eisbahn statt durch die Loipen zu flitzen?", fragte Pechstein.

Die fünfmalige Olympiasiegerin kündigte ihren Gang vor ein Zivilgericht an, wenn die Sperre vor dem CAS nicht aufgehoben werde. Da werde nach ihrer Einschätzung die Umkehr der Beweislast nicht mehr gelten.

"Muss jemand beweisen, dass er kein Einbrecher ist, nur weil er ein Brecheisen im Keller liegen hat? Es ist schlimm, das sagen zu müssen: Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, jeder Verbrecher hat mehr Rechte als ich", meinte Pechstein. Das Urteil des CAS wird in zehn Tagen erwartet.

Angriff auf den CAS

Pechstein erklärte, sie sei riesig enttäuscht gewesen, als der CAS in der vergangenen Woche die Bekanntgabe des Urteilsspruchs erneut vertagt hatte. ("Das hat geschmerzt. Sehr sogar.").

Im neuen WADA-Code, der auch in der CAS-Verhandlung vorlag, stehe, dass ein Blutparameter allein nicht ausreiche, um einen Dopingnachweis zu führen. Deshalb habe sie fest mit ihrem Freispruch gerechnet. Ihr sei klar, dass es am Ende nicht allein um ein sportjuristisches, sondern um ein sportpolitisches Urteil gehe.

Den Richtern fehle das Mitgefühl dafür, wie es ist, als Betroffener auf ein Urteil hinzufiebern, um dann plötzlich, am Abend zuvor, zu erfahren: April, April, es dauert doch noch zwei Wochen. "Das ist unmenschlich", so Pechstein.

Eine Menge Blut verloren

Erneut beteuerte Pechstein, dass sie nie einen einzigen Dopingtest versäumt habe. Rund 350-mal sei sie getestet worden, "so häufig wie weltweit wohl keine zweite Athletin im vergangenen Jahrzehnt". Immer sei sie sauber gewesen. Deshalb sei auch jeder Test negativ.

Da sie sich jüngst auch allen notwendigen, medizinischen Untersuchungen zur Verfügung gestellt hatte, habe sie eine Menge Blut verloren. "Das alles ging weit über das normalerweise Zumutbare hinaus und hat viel Substanz gekostet", erklärte Pechstein.

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