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Claudia Pechsteins Sperre endet am 9. Februar 2011 © imago

Der Internationale Sportgerichtshof bestätigt die Zwei-Jahres-Sperre. Die Olympiasiegerin gibt sich "nicht geschlagen".

München/Lausanne - Fassungslosigkeit, Bestürzung und unbändige Wut bei Claudia Pechstein: Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin bleibt gesperrt und steht endgültig vor den Trümmern ihrer Karriere.

Der Internationale Sportgerichtshof CAS bestätigte am Mittwoch die Zweijahressperre der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin und drückte der 37-Jährigen in dem weltweit mit Spannung erwarteten Urteil den Stempel der Dopingsünderin auf und löste damit ein sportpolitisches Erdbeben aus.

DOSB-Präsident Thomas Bach machte umgehend klar, dass er Pechstein nun für schuldig hält.

Hart zu akzeptieren

"Das zu akzeptieren, ist für mich unglaublich hart. Nach dem wochenlangen, unwürdigen Hin und Her war das Urteil aber abzusehen. Ich bin nicht mehr über das Ergebnis geschockt, sehr wohl aber darüber, wie es zustande gekommen ist", erklärte Pechstein in einer Pressemitteilung ihres Managements, dem das Urteil vorab zugestellt wurde.

"Ich werde mich jetzt keinesfalls geschlagen geben. Der gerichtliche Weg wird erst dann zu Ende sein, wenn die Gerechtigkeit gesiegt hat", erklärte Pechstein. Sie behauptete, sie habe das Urteil "registriert und bereits abgehakt".

Verlauf nicht zu erklären

Der CAS begründet die Bestätigung der Sperre unter anderem mit dem unnormalen Verlauf des Blutprofils der Berlinerin. Das geht aus der 66-seitigen Urteilsbegründung hervor.

"Das CAS-Gremium stellte fest, dass der Anteil der Retikulozyten bei der Athletin am 6. und 7. Februar 2009 in Hamar einen Wert aufwies, der im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung in Europa, zu anderen Elite-Eisschnellläufern und auch im Vergleich zu ihren eigenen üblichen Werten abnormal war.

Das Gremium stellte außerdem fest, dass der Unterschied der Werte vom 8. Januar mit 1,74, vom 6. Februar mit 3,49 und vom 18. Februar mit 1,37 nicht normal war." Dieser Verlauf sei durch die medizinischen Begründungen, die Pechstein angebracht habe, "nicht zu erklären".

Einzige vernünftige Alternative

Der CAS schrieb in einer Zusammenfassung seiner Begründung, dass der Eislauf-Weltverband die Beweislast "zur Zufriedenheit des Gremiums" getragen habe.

Pechstein habe die Werte "nicht in vertretbarer Weise" mit einer angeborenen Krankheit oder einer Blut-Abnormalität erklären können.

Der CAS stellte deshalb fest, dass eine "Manipulation des Blutes der Athletin die einzige vernünftige Alternative für die Ursache ihrer abnormalen Werte" darstelle.

Aufforderung von Bach

Thomas Bach rückte unmittelbar nach der Urteilsverkündung in einer brisanten Stellungnahme von seiner Unschuldsvermutung ab.

"Doping mit dieser wissenschaftlichen Expertise kann von einer Sportlerin nicht ohne Hilfe von Fachleuten bewerkstelligt worden sein. Deshalb fordern wir Claudia Pechstein in ihrem wohlverstandenen Interesse zur umfassenden Aufklärung auf. Die Hintermänner müssen gemäß der gesetzlichen Anti-Doping-Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes bestraft werden", erklärte Bach.

Er halte das Urteil für wegweisend im internationalen Kampf gegen Doping: "Damit ist der Weg frei für weitere Verfahren. Deshalb fordern wir Verbände, denen entsprechende Testwerte vorliegen, auf, nunmehr umgehend Sanktionen zu verhängen."

Zeit läuft davon

Pechsteins großer Traum, in Vancouver zum sechsten Mal an Olympischen Spielen teilzunehmen, ist damit wahrscheinlich geplatzt.

Eine Minimalchance bleibt ihr noch. Die Berlinerin kündigte umgehend an, gegen das auf 66 Seiten begründete CAS-Urteil beim Schweizer Bundesgericht in Lausanne Berufung einzulegen.

Ihr läuft nun allerdings die Zeit davon. Selbst wenn sie vor dem Schweizer Bundesgericht Recht bekäme, könnte es für eine Olympia-Qualifikation schon zu spät sein.

Disziplinarverfahren bei der Polizei

Zudem muss Pechstein nun möglicherweise sogar um ihren Status als Beamtin der Bundespolizei fürchten. Ein Disziplinarverfahren läuft bereits.

Pechsteins Sperre endet am 9. Februar 2011. Die ISU äußerte sich zunächst nicht zu dem Urteil.

Nicht sportjuristisch, sondern sportpolitisch

"Wie es sportlich jetzt weiter geht, kann ich nicht sagen. Keine Ahnung, ob die Qualifikation für Olympia noch möglich ist. Zunächst haben weiterhin die Juristen das Wort", erklärte

Pechstein, die ihre Verschwörungstheorie wiederholte.

Seit der CAS am 5. November die Urteilsverkündung um zwei Wochen verschob, "wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Fall nicht sportjuristisch, sondern sportpolitisch entschieden wird. Als dann die nächste Verschiebung kam, war mir mehr denn je klar, was passieren wird. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich verurteilt wurde, weil hinter den Kulissen Kräfte gewirkt haben, die den indirekten Beweis in diesem Präzedenzfall nicht scheitern sehen wollten."

Schwarzer Tag für die Sportrechtsprechung

Nach ihrem Fall, dem ersten mit indirektem Dopingnachweis, könnten nun zahlreich Sperren gegen verdächtige Sportler in allen olympischen Verbänden folgen. "Ich bin der festen Überzeugung, dass der CAS die Reichweite der auch im Sportrecht geltenden Unschuldsvermutung verkannt hat", erklärte Pechsteins Anwalt Simon Bergmann.

"Soweit der CAS hier nach dem Grundsatz 'Der Zweck heiligt die Mittel' vorgegangen ist, könnte dies ein klassisches Eigentor werden. Man muss damit rechnen, dass nun zahlreiche Verbände versuchen werden, Athleten auf Basis fragwürdiger Blutwerte zu sperren. Ich rechne mit einer Prozessflut", sagte Bergmann und sprach von einem "schwarzen Tag für die Sportrechtsprechung."

Training in der Olympia-Jacke

Noch am Mittwochmorgen war Pechstein demonstrativ in der Olympia-Trainingsjacke von Turin im Berliner Sportforum erschienen und hatte 90 Minuten lang ihre Runden gedreht.

Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) hatte ihr in dem Flieger, der die Nationalmannschaft am Donnerstag nach Calgary bringt, einen Platz freigehalten.

In Kanada wollte Pechstein am 6. Dezember beim vierten Weltcup eigentlich ihr Comeback geben.

Verfahrenfehler irrelevant

Noch nach der Anhörung vor dem CAS vor knapp einem Monat war Pechstein fest von einem Freispruch ausgegangen. "Ich habe ein gutes Gefühl. Es kann nur einen Freispruch geben", sagte Pechstein - und sollte nicht Recht behalten.

Sie wurde immer verbitterter, als sich die drei zuständigen CAS-Schiedsrichter Massimo Coccia (Italien), Stephan Netzle und Michele Bernasconi (beide Schweiz) wochenlang nicht rührten.

Nun ist klar, dass auch die von Pechstein angeprangerten Verfahrensfehler der ISU für den CAS irrelevant waren.

Comeback bereits in Hamar geplant

Eigentlich wollte sie schon am vergangenen Wochenende in Hamar ihr Comeback geben. Ausgerechnet in Hamar. Im "Wikingerschiff" der norwegischen Kleinstadt wurde sie 1994 erstmals Olympiasiegerin, dort bestritt sie im Februar ihren letzten Wettkampf.

Nach dem ersten Tag der Mehrkampf-WM überbrachte ihr die ISU die Nachricht, dass ihre Retikulozytenwerte zum wiederholten Male "abnormal überhöht" gewesen seien. Es war der Anfang vom Ende, nach fünf Olympiasiegen, 34 WM- und 9 EM-Medaillen, 26 Weltcupsiegen und 6 Weltrekorden.

Mehrheit von Unschuld überzeugt

Dabei glaubt die Mehrheit der deutschen Bevölkerung an die Unschuld Pechsteins. In einer Repräsentativ-Umfrage durch das Dortmunder Meinungsforschungsinstitut "promit" gehen 59,1 Prozent der Befragten nicht von einem Dopingvergehen aus.

32,6 Prozent glauben, dass Pechstein gedopt hat. 8,2 Prozent wollten sich nicht festlegen.

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