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Bei Claudia Pechstein wurden im Februar 2009 überhöhte Retikulozytenwerte festgestellt © getty

Claudia Pechstein bezeichnet das CAS-Urteil als "Justizirrtum des Anti-Doping-Kampfes". Der DESG-Sportdirektor erwartet Sperren.

München - Neuer Rundumschlag von Claudia Pechstein, erste Anzeichen für eine drohende Flut von Sperren und Forderungen nach härteren Dopingstrafen aus der Politik: Das spektakuläre Urteil gegen die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin hat in der Sportwelt ein heftiges Nachbeben erzeugt.

Pechstein gab sich einen Tag nach der Bestätigung ihrer Zweijahressperre schon wieder kampfeslustig und bezeichnete den Spruch des Internationalen Sportgerichtshofes CAS als "Justizirrtum des Anti-Doping-Kampfes".

Das Urteil sei ein "Kollateralschaden, der scheinbar im Umfeld aller Verbände und Institutionen hingenommen wird, damit der Anti-Dopingkampf keinen Schaden nimmt. Das Ganze ist der nackte Wahnsinn", schrieb Pechstein auf ihrer Homepage und gab erneut eine Ehrenerklärung ab: "Ich habe nie gedopt, und ich habe ein reines Gewissen!"

"Kann keine Hintermänner nennen, wenn ich nicht gedopt habe"

Ohne Namen zu nennen, übte sie harte Kritik am DOSB-Präsidenten Thomas Bach. Der oberste deutsche Sportfunktionär hatte Pechstein aufgefordert, die Hintermänner zu nennen, die ihr beim Doping geholfen haben. Pechstein dazu.

"Wenn's nicht so traurig wäre, könnte ich mich kaputtlachen. Hintermänner! Was für Hintermänner? Wenn ich nicht gedopt habe, kann es auch keine Hintermänner geben! So einfach ist das."

Pechstein erklärte, dass sie sich seit zehn Monaten fühle, "als lebe ich im Moment gar nicht mein eigenes Leben, sondern wäre Teil eines Films".

Erfolg vor Schweizer Gericht keine Hilfe?

Die 37-Jährige bekam direkt am eigenen Leib die Folgen des Urteils zu spüren. Einer ihrer wichtigsten Werbepartner, die Deutsche Kreditbank DKB, kündigte den Sponsorenvertrag.

Immer deutlicher zeichnet sich auch ab, dass ihr auch ein möglicher Erfolg vor dem Schweizer Bundesgericht im Hinblick auf einen Start bei den Olympischen Spielen in Vancouver nicht weiterhelfen wird. (Fragen über Fragen: Antworten zum Fall Pechstein)

"Ich werde nicht darüber spekulieren, was ein Bundesgericht in der Schweiz urteilen wird. Für uns ist die Sportgerichtsbarkeit entscheidend. Diese Entscheidung gilt für uns", sagte

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper. Der DOSB hat hinsichtlich der Nominierungen das letzte Wort (Die Chronologie zum Fall Pechstein).

Nur eine Frage der Zeit

Auch wenn am Tag nach dem Urteil noch keine neuen Sperren gegen verdächtige Athleten verhängt wurden, gab es erste Hinweise, dass dies nur noch eine Frage der Zeit ist.

Und der Eisschnelllauf könnte wieder mitmischen.

"Es ist wahrscheinlich, dass im Eisschnelllauf und möglicherweise auch in anderen Sportdisziplinen nun weitere Fälle mit nur einem Blutparameter angestrengt werden", sagte Günter Schumacher.

Zwölf weitere Athleten betroffen

Der Sportdirektor der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) ist pikanterweise auch Mitglied der Technischen Kommission des Weltverbandes ISU, der Pechstein sperrte.

Im Berufungsverfahren vor dem CAS in Lausanne war bekannt geworden, dass neben Pechstein zwölf weitere Läuferinnen und Läufer mit einem überhöhten Retikulozytenwert aufgefallen sind.

Skiverband führt Schwarze Liste

Gian Franco Kasper, der Präsident des Ski-Weltverbandes FIS, bezog sich zwar nicht ausdrücklich auf das Pechstein-Urteil, kündigte aber für die olympische Saison einen "Kampf gegen Doping mit allen Mitteln und in allen Disziplinen" an.

Kasper hatte schon vor dem Urteil mit der Feststellung für Aufsehen gesorgt, dass sein Verband eine Schwarze Liste mit Verdächtigen führe.

Fünf Fälle im Radsport

Enrico Carpani, Sprecher des Radsport-Weltverbandes UCI, wollte den Fall Pechstein "nicht kommentieren", sagte aber: "Wir werden unseren Weg mit den Blutprofilen weitergehen. Wir sind überzeugt, dass unser System gut ist."

Die UCI hatte fünf Fälle mit indirektem Dopingnachweis an die jeweiligen Nationalverbände weitergeleitet.

Gesetzentwurf ausgearbeitet

Derweil wurden aus der Politik erneut Forderungen nach der Installierung von Doping und Sportbetrug im Strafrecht laut.

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) hat nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" bereits einen Entwurf für ein Bundes-Sportschutzgesetz ausgearbeitet. Demnach sollen Bestechung, Bestechlichkeit, Doping und sonstige betrügerische Manipulationen künftig mit allen Mitteln strafrechtlich verfolgt werden.

Dagmar Freitag, die neue Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, begrüßte den Vorschlag.

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