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Claudia Pechstein ist die erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin © getty

In einem Kabuff platzen Claudia Pechsteins Olympia-Träume. Doch sie will ihre Unschuld beweisen - mit brisanten Aufnahmen.

Salt Lake City - Claudia Pechstein saß in einem muffigen kleinen Raum in den Katakomben des Olympic Ovals von Salt Lake City bei der Dopingkontrolle, als ihr Traum von Olympia endgültig zerplatzte.

Eine nach der anderen zogen die Konkurrentinnen an der fünfmaligen Eissschnelllauf-Olympiasiegerin vorbei.

Kurze Zeit später, fast zwei Stunden nach dem vielleicht letzten Rennen ihrer Karriere, kündigte sie unter Tränen der Wut und Enttäuschung die Fortsetzung ihres Kampfes an. (Fragen über Fragen: Antworten zum Fall Pechstein)

"Nicht mein Karriereende"

"Ich habe Recht, und das werde ich mir erkämpfen. Das war mit Sicherheit nicht mein Karriereende", sagte sie und betonte fast beschwörend, als wenn sie sichergehen wollte, dass alle es verstehen: "Ich habe nicht mein Karriereende erklärt."

Und die nächste Runde im Ringen um die eigene Zukunft ist offenbar bereits vorbereitet: Wie das Nachrichtenmagazin Focus berichtet, will Pechstein dem Schweizer Bundesgericht Tonbandaufnahmen der Verhandlung vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS vorlegen und damit den Beweis erbringen, dass wichtige medizinische Gutachten nicht zugelassen wurden. (Die Chronologie zum Fall Pechstein)

Diese sollen Pechstein laut Aussage ihres Managers Ralf Grengel eine Blutabnormalität bescheinigen.

Fast zweieinhalb Sekunden zu langsam

In Salt Lake erlebte Pechstein die bittersten Stunden in ihrer über 20-jährigen Karriere. Achte hätte sie werden müssen beim Weltcup-Rennen über 3000 m, um mit der damit erfüllten Olympianorm die Hoffnungen auf ihre sechsten Winterspiele am Leben zu halten. "Ich bin 13. geworden, und diese Zahl sagt viel aus."

Am Ende hatten Pechstein fast zweieinhalb Sekunden auf den ominösen achten Platz gefehlt.

Doch neben der kurzfristigen Anreise nach der Entscheidung des Schweizer Bundesgerichtes, bei dem sie erfolgreich ihr Startrecht eingeklagt hatte, bremste sie vor allem "der Vorwurf, den ich seit zehn Monaten mit mir herumschleppe".

"Der Arsch der Nation"

In jeder Sekunde des Rennens habe sie an ihren Dopingfall denken müssen.

"Das ist es, was so weh tut: nichts gemacht zu haben, aber der Arsch der Nation zu sein. Das ist krass", sagte Pechstein.

Dem Weltverband ISU, der sie wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt hatte, begegnet die Berlinerin nur noch mit bitterem Sarkasmus: "Ich kann nur sagen: vielen, vielen Dank."

Salt Lake City nicht bereut

Trotzdem habe sie die Reise nach Salt Lake City nicht bereut.

"Der Versuch war es wert. Ich habe mich den Umständen entsprechend gut verkauft. Mehr konnte ich nicht machen", sagte Pechstein.

4:04,59 Minuten war sie gelaufen, so langsam wie noch nie auf einer der beiden Hochgeschwindigkeitsbahnen in Salt Lake City und Calgary.

Trost von Joachim Franke

Nichts erinnerte mehr an die alte Pechstein, die mit gleichmäßig schnellen Runden ihr Gegnerinnen zur Verzweiflung brachte.

Den meisten Trost spendete ihr langjähriger Trainer Joachim Franke, der in der Heimat das Rennen im Internet verfolgt hatte.

"Sie hat eine großartige Leistung vollbracht. Ich habe ihr direkt gemailt und ihr mitgeteilt, dass es wohl sonst keine Läuferin weltweit gegeben hätte, die unter diesen Umständen 4,04 Minuten gelaufen wäre", sagte der 69-Jährige: "Ich werde ihr nun auf keinen Fall zum Karriereende raten. Ich würde mir eher auf die Zunge beißen, als mir so etwas anzumaßen."

Unverständnis über ISU

Nur wenige Minuten nach dem Ende ihres Laufes nahm sie ein ISU-Ordner mit zur Dopingprobe. Pechstein bekam nichts mehr vom Rennen mit, das die Tschechin Martina Sablikova vor Stephanie Beckert aus Erfurt gewann.

Diese Aktion der ISU stieß auch beim deutschen Teamchef Helge Jasch auf Unverständnis:

"Dass eine Athletin während des laufenden Wettbewerbs zur Kontrolle muss, habe ich auch noch nicht erlebt. Man hat es ihr hier von Anfang an so schwer wie nur möglich gemacht."

Kolleginnen glauben nicht an Rückkehr

Dass Pechstein noch mal aufs Eis zurückkehren wird, glauben auch die ihr wohlgesinnten Kolleginnen nicht.

"Das ist schon traurig, dass eine so große Karriere auf diese Art zu Ende geht - und davon kann man jetzt wohl ausgehen", sagte die Erfurterin Daniela Anschütz-Thoms, die gemeinsam mit Pechstein 2006 in Turin olympisches Team-Gold geholt hatte:

"Sollte sie wirklich unschuldig sein, und davon gehe ich eher aus als vom Gegenteil, dann ist das eine ganz, ganz bittere Geschichte."

Kritik an von Veldkamp

Andere Mitglieder der Eisschnelllauf-Gemeinde gingen weniger sensibel mit Pechstein um. "Sie hätte gar nicht hier sein dürfen", sagte Bart Veldkamp.

Der niederländische 10.000-m-Olympiasieger von 1992, der als TV-Kommentator vor Ort war, zeigte jedem bereitwillig ein ISU-Formular, das auch Pechstein vor der WM im Februar in Hamar, wo ihr die für ihre Sperre entscheidenden Blutproben entnommen worden waren, unterzeichnet hat.

Mit ihrer Unterschrift verpflichtete sich Pechstein eigentlich, in möglichen Streitfällen den Internationalen Sportgerichtshof CAS als höchstrichterliche Instanz zu akzeptieren.

CAS-Sperre wird wohl bestätigt

Das Schweizer Bundesgericht steht nun nicht mehr unter dem Zeitdruck, möglichst noch vor den Winterspielen im Februar ein Urteil fällen zu müssen.

Ohnehin gehen Experten davon aus, dass die vom CAS bestätigte Sperre Bestand haben wird.

Sie läuft am 9. Februar 2011 aus. Pechstein ist dann fast 39 Jahre alt.

Wolf-Rekord geht unter

Derweil verblassten die Weltrekorde der Berlinerin Jenny Wolf, die ihre eigene 500-m-Bestmarke um zwei Hundertstel auf 37,00 Sekunden drückte, und des US-Amerikaners Shani Davis (1:41,04 über 1500 m) angesichts der Affäre Pechstein.

Wolf konnte damit gut leben. Die extrem ehrgeizige Berlinerin machte keinen Hehl daraus, auf mehr gehofft zu haben:

"Eine 37,00 ist eigentlich das Schlimmste, was mir passieren konnte. Eine 36er-Zeit hätte doch ein bisschen anders ausgesehen."

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