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Claudia Pechstein ist mit fünf Goldenen erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin © getty

Gerhard Ehninger, Experte für Hämatologie und Onkologie, sieht die Dopingvorwürfe gegen Claudia Pechstein als haltlos an.

Berlin - Die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein erhält im Kampf gegen ihre zweijährige Dopingsperre Unterstützung aus der Wissenschaft.

"Bei Frau Pechstein wurden Veränderungen des roten Blutbildes gefunden, die nicht zu Doping passen und mit großer Wahrscheinlichkeit für eine angeborene Störung im Aufbau der roten Blutzellen sprechen", sagte Gerhard Ehninger, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), der Süddeutschen Zeitung.

Die Internationale Eislaufunion (ISU) und die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) sehen unterdessen keine neue Sachlage im "Fall Pechstein".

Experte sieht Dopingvorwurf als haltlos

Experten der DGHO hatten zuvor angekündigt, am kommenden Montag (15. März/11.00 Uhr) im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin "die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse im Fall Claudia Pechstein" vorstellen zu wollen.

Mehrere Wissenschaftler der DGHO werden dort erläutern, warum aus ihrer Sicht der Dopingvorwurf gegen Pechstein haltlos sei.

Ehninger hat sich aber bereits auf eine Diagnose festgelegt. "Diese Formstörung liegt in einer leichten Form vor und führt zu einem erhöhten Zellumsatz mit kürzerer Überlebenszeit. Die Erhöhung der Retikulozyten, der frisch aus dem Knochenmark ausgeschwemmten roten Blutzellen, ist Ausdruck der gesteigerten Blutbildung und nicht durch Doping bedingt", sagte Ehninger.

ISU und NADA skeptisch

Die ISU lassen diese Aussagen unterdessen kalt. "Wir haben im ersten Verfahren sogar selbst auf diese Möglichkeit hingewiesen und Pechstein die Chance offeriert, dass sie ein entsprechendes Blutbild erforschen lassen könne. Sie hat abgelehnt", sagte ein ISU-Sprecher.

Auch die NADA sieht die Äußerungen der Hämatologen skeptisch. "Ob da Epo im Spiel war", sagt Justitiarin Anja Berninger, "spielt doch in den Urteilen von ISU und CAS keine Rolle. Meines Erachtens muss ihr Fall nur dann neu aufgerollt werden, wenn bewiesen ist, dass ihre Werte weder durch eine verbotenen Substanz noch durch eine verbotene Methode erzielt wurden." Es müsse eine Krankheit oder Anomalie klar belegt werden.

Schwankende Werte bei Pechstein

Im Blut der 38-Jährigen war im Vorfeld der Weltmeisterschaften im norwegischen Hamar der Wert der Retikulozyten am 6. Februar 2009 mit 3,49 Prozent bestimmt worden.

Die ISU gibt für die Vorläuferzellen der Roten Blutkörperchen jedoch einen Wert von 0,4 bis 2,4 Prozent als normal an. (Pechstein kein Einzelfall?)

Am folgenden Tag lagen die Retikulozyten bei 3,54 und 3,38 Prozent, elf Tage später waren sie hingegen in den normalen Bereich von 1,37 Prozent gefallen.

Sperre für Pechstein

Am 1. Juli 2009 wurde Pechstein von der ISU für zwei Jahre, beginnend mit dem 9. Februar 2009, gesperrt. (Hausdurchsuchung bei Pechstein)

Der Internationale Sportgerichtshof CAS in Lausanne bestätigte das von Pechstein angefochtene Urteil am 25. November 2009.

"Ich hatte immer wieder gesagt, dass Pechsteins erhöhte Retikulozyten für Doping sprechen, wenn sich keine medizinische Erklärung dafür findet", sagte Gerhard Ehninger und fügte an:

"Dann muss man jetzt auch den Mut haben und sagen, dass es durchaus medizinische Gründe gibt."

Neubewertung nach Blutanalysen und Aktenstudien

Weitere Blutanalysen und Aktenstudien haben Ehninger und andere Ärzte zu der Neubewertung gebracht. Die Formstörung (Sphärozytose) kommt bei weniger als einem Prozent der Bevölkerung vor.

"Im Gegensatz zum Doping mit Epo sind die kleinen Erythrozyten bei Sphärozytose mit einer normalen Menge des Blutfarbstoffs Hämoglobin beladen, was zu einer erhöhten Konzentration führt", meinte Ehninger.

"Hätte freigesprochen werden müssen"

Wolfgang Jelkmann, Direktor des Instituts für Physiologie der Universität Lübeck, wird noch deutlicher. Er war als Blutexperte im Fall Pechstein vor der ISU wie vor dem CAS tätig und sagt:

"Nach der medizinischen Faktenlage hätte Frau Pechstein freigesprochen werden müssen. Aus ihren Messwerten der vergangenen zehn Jahre lässt sich Doping mit Epo oder analog wirkenden Substanzen nicht belegen. Im Gegenteil, viele Messwerte widersprechen eindeutig einem Blutdoping."

Pechstein nimmt an Konferenz teil

Pechstein wird als Gast an der Veranstaltung am Montag teilnehmen. Auch der Doping-Experte Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln, wird anwesend sein.

Schänzer teilte hingegen mit: "Ich nehme nicht teil, der Eindruck ist ungünstig. Ich wollte nur hingehen, um mir das anzuhören, es gibt ja angeblich neue Daten, die ich nicht kenne. Aber ich werde bestimmt keine Kommentare dazu abgeben, das möchte ich ganz klarstellen."

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