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Claudia Pechstein wird während der Pressekonferenz am Montag fotografiert © imago

Nach Entlastung durch führende Hämatologen muss der Justiz-Marathon um die Eisschnellläuferin möglicherweise neu aufgerollt werden.

Berlin - Nach monatelangem Justiz-Marathon muss der "Fall Claudia Pechstein" möglicherweise neu aufgerollt werden.

Führende Hämatologen haben die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin entlastet, Sportrechtsexperte Michael Lehner forderte eine Neuaufnahme des Verfahrens vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS.

Dagegen bleibt der Deutsche Olympische-Sportbund (DOSB) auf Distanz.

Wissenschaftler von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) haben Pechstein eine genetisch bedingte Blutanomalie (Sphärozytose) bescheinigt, unter der auch ihr Vater leidet.

Diese Störung - und nicht Doping - sei der Grund für ihre erhöhten Blutwerte, erklärten die Experten am Montag in Berlin.

"Das sind schon sehr renommierte Wissenschaftler, die mit Doping nichts am Hut haben wollen. Was die sagen, hat schon Hand und Fuß", sagte Michael Lehner, der in der Vergangenheit die Radprofis Stefan Schumacher und Jörg Jaksche in Doping-Fällen betreut hatte:

"Mein Appell geht jetzt an die Verbände, von sich aus das Verfahren neu aufzurollen und damit Claudia Pechstein zu einem baldigen Freispruch zu verhelfen."(Pechstein erhält Unterstützung aus der Wissenschaft).

CAS-Urteil für DOSB bindend

Auch Präsident Gerd Heinze von der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) fordert Konsequenzen. "Ich hoffe, dass die Aussagen der Wissenschaftler jetzt auch Einfluss auf die Juristen nehmen", sagte Heinze.

Der DOSB hingegen sieht keinen Grund, eine neue Position einzunehmen.

"Für den DOSB ist das Urteil des CAS, des obersten Sportgerichtes, formell bindend. Daran hat sich durch den heutigen Tag nichts geändert", sagte Sprecher Christian Klaue.

Die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) wollte sich zu dem Thema nicht äußern.

Pechstein will Neuverhandlung vor dem CAS

Eine juristische Chance hat Pechstein zum jetzigen Zeitpunkt nur, wenn das Schweizer Bundesgericht ihrem Antrag für ein Revisionverfahren zustimmt.

Die neuen medizinischen Erkenntnisse sind Bestandteil des Revisionsantrags, den die Berlinerin Anfang vergangener Woche beim Schweizer Bundesgericht eingereicht hatte, um eine Neuverhandlung ihres Dopingfalles vor dem CAS zu erreichen.

Der Weltverband ISU hat noch bis zum 26. April Zeit, seinen Standpunkt zu erläutern. Dann wird über eine mögliche Wiederaufnahme des Verfahrens vor dem Internationalen Sportgerichtshof entschieden.

Gutachten in "unerträglicher Form" missverstanden?

"Ich hoffe, dass die Richter beim Schweizerischen Bundesgericht anhand dieser neuen Erkennisse umdenken", sagte Pechstein.

Und auch der DGHO-Vorsitzende Gerhard Ehninger forderte, dass die Gerichte den Fall neu bewerten.

Der Wissenschaftler meinte, dass das Urteil zur Bestätigung der zweijährigen Sperre für Pechstein des CAS "Käse" sei, weil Gutachten in "unerträglicher Form" missverstanden worden seien.

"Jeder, der das liest, merkt, dass da etwas faul ist", sagte Wolfgang Jelkmann, Direktor des Instituts für Physiologie in Lübeck.

"Blutmacke" vom Vater geerbt

Pechstein reagierte mit Erleichterung auf die neuen Erkenntnisse der DGHO.

"Ich bin froh, dass die DGHO meine Befunde zusammengetragen hat und zu dem Ergebnis kommt, dass ich eine 'Blutmacke' habe und diese noch von meinem Vater geerbt habe", sagte die 38-Jährige.

"Ich kann froh sein, dass meine Eltern ihre Einwilligung zu den Untersuchungen gegeben haben."

Der Hämatologe Andreas Weimann von der Berliner Charite hat mit zwei neuen Messmethoden aus Belgien bei Pechstein im Dezember einen Kugelzell-Index von 6 bis 7 gemessen, wobei Werte über 4 stark auf eine Kugelzell-Anämie hinweisen.

"Bei ihrem Vater war dieser Wert noch deutlich höher, er lag bei 10", sagte Weimann, der damit die Anomalie als bestätigt sieht.

Pechsteins Mutter und Geschwister seien nicht davon betroffen.

Franke kritisiert Schlussfolgerungen

Andere Doping-Experten wie der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke kritisierten die Schlussfolgerung der Hämatologen.

"Wer meint, rote Blutkörperchen und deren Vorläufer würden nur durch das Dopingmittel EPO erhöht, zeigt, dass ihm elementare Kenntnisse des blutbildenen Systems fehlen", sagte Franke:

"Ich verlange schon von meinen Studenten im Vordiplom, dass sie wissen, welche anderen hormonellen Dopingmittel zu solchen Erscheinungen führen können."

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