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Mediziner bescheinigen Claudia Pechstein eine milde Form der Kugelzellenanämie © getty

Das Schweizer Bundesgericht bestätigt das CAS-Urteil gegen Doping-Sünderin Pechstein. Die will "das perfide Verfahren enttarnen".

Berlin - Eisschnellläuferin Claudia Pechstein hat den Kampf gegen ihre Dopingsperre endgültig verloren.

601 Tage nach der "Stunde null" mit der fraglichen Dopingprobe bei der Mehrkampf-WM in Hamar wies das Schweizer Bundesgericht in Lausanne den Berufungsantrag der fünfmaligen Olympiasiegerin gegen das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes CAS ab.

Die 38 Jahre alte Berlinerin, die damit definitiv erst nach Ablauf der Sperre am 9. Februar 2011 ihr geplantes Comeback in Angriff nehmen kann, gilt nach dem Gang durch die letzte sportrechtliche Instanz nun auch als Doping-Sünderin.

Blutproben unter notarieller Aufsicht

Pechsteins Manager Ralf Grengel kündigte an, dass Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg weiter um ihr Recht kämpfen werde.

Pechstein reagierte mit Unverständnis auf die Entscheidung der Schweizer Richter und kündigte an, bei ihrer Rückkehr auf die Wettkampfbühne ("Davon wird mich nichts abhalten") unter notarieller Aufsicht vor ihren Wettkämpfe eine Blutprobe entnehmen zu lassen und die Ergebnisse öffentlich zu machen.

"Wenn die Retikulozyten dann wieder erhöht sind - was früher oder später aufgrund meiner Anomalie der Fall sein wird - ich aber nicht gesperrt werde, wird sich das perfide Verfahren gegen mich selbst enttarnen", sagte sie.

Grengel greift das Gericht an

Nicht die Entscheidung an sich, aber die Begründung des Schweizer Bundesgerichts sorgte im Pechstein-Lager für einen Aufschrei der Entrüstung.

"Das ist an Peinlichkeit nicht mehr zu überbieten. Einen solch groben handwerklichen Fehler haben nicht einmal ISU und CAS gemacht. Und die haben sich das Urteil schon hingebogen wie sie wollten", sagte Grengel.

Der Anwalt schlussfolgerte: "Damit hat das Schweizer Bundesgericht mit einem einzigen Satz seine komplette Glaubwürdigkeit verloren."

"Anomalie erklärt die Schwankungen nicht"

Die Lausanner Richter hatten die Revision mit dem Hinweis abgelehnt, dass sie auf eine "unzulässige erneute Sachverhaltswürdigung" abziele.

Das Gericht habe berücksichtigt, schrieben die Schweizer in einer Pressemitteilung, "dass Claudia

Pechstein bereits im Rahmen des Schiedsverfahrens vorgebracht hatte, sie leide an einer vererbten Blutanomalie, wobei der Schiedsentscheid dazu festhielt, selbst eine solche Diagnose vermöge die festgestellten Schwankungen der Blutwerte nicht zu erklären."

Genaue Begründung steht noch aus

Nach Ansicht der Pechstein-Seite hatte der CAS allerdings nur darüber entschieden, ob bei der Deutschen die Anomalie de facto vorläge.

Pechsteins Versuch, die Berufung mit Hilfe einer neuen Diagnosemethode für ihre Blut-Anomalie zum Erfolg zu verhelfen, scheiterte. "Dass es bei der Urteilsfindung nicht um Recht und Gerechtigkeit ging, zeigt sich schon daran, dass der Sachverhalt verfälscht werden musste, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen", sagte ihr Anwalt Simon Bergmann.

Eine Sprecherin des Gerichts sagte, dass die genaue Begründung den Parteien erst in einigen Tage zugehen werde.

"Auch eine menschliche Dimension"

Grengel verwies auf das schriftliche CAS-Urteil. Dort heißt es auf Seite 56: "Allerdings wurde eine plausible Erklärung für die hohen Retikulozyten-Werte der Athletin vorgebracht. Tatsächlich stimmten die Sachverständigen dahingehend überein, dass die abnormalen Retikulozyten-Werte der Athletin möglicherweise nicht nur auf eine unerlaubte Manipulation des Blutes, sondern auch auf eine erblich bedingte Blutkrankheit zurückzuführen sind."

Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sagte: "Der DOSB erhält sein Gesprächsangebot an Frau Pechstein aufrecht, da dieser Fall neben der juristischen Komponente auch eine menschliche Dimension hat."

In psychologischer Behandlung

Ob Pechstein nun überhaupt nach ihrer Sperre auf das Eis zurückkehren kann, ist ungewiss. Derzeit befindet sie sich nach einem Mitte September erlittenen Nervenzusammenbruch in psychologischer Behandlung und ist krankgeschrieben.

Das Bundesinnenministerium (BMI) hatte einen Antrag der Polizeihauptmeisterin auf unbezahlten Sonderurlaub abgelehnt und die 38-Jährige zum sofortigen Dienstantritt aufgefordert.

Profi-Sportlerin und Polizeibeamtin zugleich - den Spagat hatte Pechstein schon vor Monaten als unmöglich bezeichnet.

Grundrecht der Unschuldsvermutung verletzt?

Der Heidelberger Sportrechtsexperte Michael Lehner begrüßte Pechsteins Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

"Der Fall bietet viele grundsätzliche Rechtsfragen. Ob es persönlich für sie Sinn macht, muss sie entscheiden, denn die Zeiträume sind sehr lang. Das kann ein bis zwei Jahre dauern."

Pechstein hofft, dass in Straßburg festgestellt wird, dass in ihrem Verfahren "das Grundrecht der Unschuldsvermutung verletzt wurde".

Durch alle gerichtlichen Instanzen

Im Juli 2009 wurde bekannt, dass bei der WM 2009 in Hamar auffällige Blutwerte bei Pechstein festgestellt worden waren.

Daraufhin wurde sie für zwei Jahre gesperrt. Seitdem beteuerte sie immer wieder ihre Unschuld und zog durch alle gerichtlichen Instanzen.

Hämatologen bescheinigten ihr eine genetisch bedingte Blutanomalie, worauf sie im März 2010 den Revisionsantrag in Lausanne stellte.

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