vergrößernverkleinern
Claudia Pechsteins Zwei-Jahres-Sperre läuft im Februar 2011 aus © getty

Claudia Pechstein spricht im Interview über Zweifel an ihrem Bekenntnis, ihren Dopingfall und über ihre Definition von "Mogeln".

Berlin - 500 Seiten lang ist die Abrechnung von Claudia Pechstein.

"Von Gold und Blut. Mein Leben zwischen Olymp und Hölle", heißt die Biografie der Eisschnelllauf-Olympiasiegerin, die in einem Indizienverfahren wegen Blutdopings für zwei Jahre gesperrt wurde.

Zu Unrecht, worauf sie auch nach Bestätigung der Sperre durch den Sportgerichtshof CAS und der fehlgeschlagenen Revision bei einem Schweizer Bundesgericht weiterhin beharrt.

Nun hat die 38-Jährige mit dem Bekenntnis, an Selbstmord gedacht zu haben, hat Pechstein nun weiteren Staub aufgewirbelt.

Im Interview am Rande ihrer Buchvorstellung spricht Pechstein über Zweifel an ihrem Bekenntnis, ihren Dopingfall und über ihre Definition von "Mogeln".

Frage: Sie schreiben in Ihrer Autobiografie, dass Sie sich im Zuge Ihres Dopingfalles selbst das Leben nehmen wollten - und haben genau das Kapitel zuerst zur Veröffentlichung freigegeben. Warum?

Pechstein: Auf ein solches Thema schauen alle Leute, auch diejenigen, die nicht unbedingt mit Sport in Verbindung stehen und mit dem Namen Claudia Pechstein etwas anfangen können. Dieses Thema bewegt jeden, egal, aus welcher Branche er kommt. Außerdem hat es mir weitergeholfen, darüber zu schreiben. Vielleicht kann ich mit diesen Zeilen auch die Leute aufwecken, die so etwas vorhaben.

Frage: Wie blicken Sie nun mit etwas zeitlichem Abstand auf die Situation zurück?

Pechstein: Es ist schon eine ganze Weile her, aber mir ist beim Schreiben des Buches immer noch die eine oder andere Träne gekommen. Wenn ich so etwas von anderen Leuten gelesen habe, fand ich das selbst schockierend. Aber ich habe damals für mich keinen Ausweg mehr gesehen und bin selbst in diese Situation geraten. Ich bin froh, dass mir mein Manager noch schnell genug den Kopf gewaschen hat. Wäre er nicht gewesen, würde ich vielleicht heute nicht hier sitzen. Ich hoffe nicht, dass ich solche Gedanken noch einmal bekomme.

Frage: Nicht alle glauben Ihnen, dass Sie Selbstmordgedanken hatten. Es gibt auch Stimmen, die einen PR-Trick wittern.

Pechstein: Jeder kann das glauben, was er mag. Ich habe auch eigene Meinungen zu verschiedenen Themen. Was den Dopingfall angeht, kann ich nur immer wiederholen, dass ich unschuldig bin. Wer eins und eins zusammenzählt, kann mir auch glauben. Was den Selbstmordgedanken angeht: Ich habe ihn niedergeschrieben, weil es so war. Warum soll ich mir Geschichten ausdenken, es ist schließlich kein Märchenbuch. Wer mir glaubt, der glaubt mir, wer mir nicht glaubt, der soll es bleiben lassen. Ich persönlich wünsche keinem, dass er in so eine Situation kommt.

Frage: Sie kritisieren in Ihrem Buch unter vielen anderen DOSB-Präsident Thomas Bach. Sie werfen ihm vor, dass er Sie nicht genug unterstützt. Denken Sie tatsächlich, dass er sich gegen das komplette Sportrechtssystem stellen könnte?

Pechstein: Er hätte sich auf jeden Fall nicht so zurücklehnen zu brauchen und so tun müssen, als ob ihn das alles nichts angehen würde. Er hat nie die richtigen Worte gefunden, und ich denke, er hätte in der Position, die er auch im CAS bekleidet, mehr Einfluss nehmen können.

Frage: Nun haben Sie aber Bach bzw. den DOSB im Zuge ihres letztlich gescheiterten Versuchs, bei Olympia in Vancouver zu starten, vor dem CAS verklagt...

Pechstein: Ich musste an mich denken und habe alles in Bewegung gesetzt, um meine Unschuld zu beweisen und meine Ziele zu verfolgen. Ich mache es nicht nur Bach nicht leicht, das sieht jeder, der mein Buch liest. Aber das ist halt meine Meinung, und die darf ich äußern. Ich denke, es steht mir auch zu, Leute zu kritisieren.

Frage: Glauben Sie, dass Sie heute weiter wären, wenn Sie in Ihrem Fall weniger offensiv vorgegangen wären?

Pechstein: Wäre, wenn, hätte oder aber gibt es bei mir nicht. Ich glaube, in meinem Fall weiß man nicht einmal hinterher, welcher Weg der richtige war. Ich habe meinen Frust in das Buch geschrieben, und ich habe immer noch jede Menge in mir.

Frage: In einer Buchpassage schreiben Sie: 'Mein (erster) Besuch in Westberlin wurde für mich zur Enttäuschung. Als Erstes stand die Erkenntnis, dass unsere vermeintlich wohlhabende Westverwandtschaft uns in die Geburtstags- und Weihnachtspakete stets die billige Aldi-Schokolade gepackt hatte.' Denken Sie, dass Sie zu hohe Ansprüche an Ihre Mitmenschen stellen?

Pechstein: Nein! Die stellen an mich auch hohe Ansprüche. Wenn ich im Wettkampf einmal Zweite geworden bin, dann hieß es, Du bist nur Zweite geworden.

Frage: Sie geben in dem Buch auch zu, dass Sie in der Schule nur deshalb immer eine Eins in Russisch hatten, weil Ihre Mutter für Sie die Hausaufgaben erledigt hat. Später aber steht da der Satz: 'Es gab (für mich) nur eines, was schlimmer war, als zu verlieren: Mogeln.' Wie passt das zusammen?

Pechstein: Das war aus meiner Sicht kein Mogeln bei den Russisch-Hausaufgaben. Ich habe nur die Lehrer in meiner Familie clever genutzt. Das ist kein Mogeln.

Zum Forum - Jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel