vergrößernverkleinern
Samuel Schwarz gab 2003 im Alter von 20 Jahren sein Debüt im Weltcup © getty

Der Berliner beendet die ewige Durststrecke der DEU-Eisschnellläufer und siegt in Obihiro. "Der Knoten ist geplatzt", sagt er.

Köln/Obihiro - Samuel Schwarz starrte noch ungläubig auf die Anzeigetafel, als er in einer riesigen Jubeltraube verschwand.

Der 27-Jährige Berliner hatte mit einem Traumlauf sensationell die neunjährige Leidenszeit der deutschen Eisschnelllauf-Männer beendet und konnte es selbst nicht glauben.

"Das ist unfassbar, einfach nur geil, das Krasseste überhaupt", sagte der Berliner nach seinem 1000-m-Sieg beim letzten Weltcup des Jahres im japanischen Obihiro, wo er auch Jenny Wolf nach deren 55. Sieg die Schau stahl.

Jahrelang nur Mitläufer

Der Stabsunteroffizier der Bundeswehr riss damit die deutschen Männer aus einem nicht enden wollenden Dornröschenschlaf.

Als letzter Läufer der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) hatte der Chemnitzer Frank Dittrich am 25. November 2001 in Den Haag einen Weltcup gewonnen, damals über 10.000 m.

Zwei Jahre danach lief Schwarz sein erstes Weltcuprennen - und wie alle seine Kollegen jahrelang der Spitze hinterher. Bis zum Sonntag.

Auch der Teamchef aus dem Häuschen

"Dass ich gegen Weltklasseleute wie Shani Davis gewinne, davon habe ich noch nicht einmal zu träumen gewagt. Jetzt ist der Knoten geplatzt", sagte Schwarz.

Auch bei Teamchef Helge Jasch gab es kein Halten mehr. "Das war ein genialer Lauf. Wir sind alle aus dem Häuschen", sagte Jasch, der eine kleine Sektparty organisierte, bevor der Tross um drei Uhr früh über Tokio die Heimreise antrat.

Schwarz, der mit einem vierten Platz in der vergangenen Woche im chinesischen Changchun seinen großen Wurf zumindest angedeutet hatte, ging in Obihiro schon im fünften Paar gegen den Norweger Mikael Flygind-Larsen an den Start und lief 1:09,98 Minuten.

"Da dachte ich nur noch: Wahnsinn!"

"Weil es am Samstag so schwer ging (Schwarz erreichte nur den 13. Platz, d. Red.) und ich eigentlich super enttäuscht war, wollte ich mich nur auf die Technik konzentrieren. Ich habe schnell gemerkt, dass es lief, dass ich Druck auf den Kufen hatte. Im Ziel wusste ich, die Zeit ist gut, dann begann die Warterei", sagte Schwarz.

Fünf weitere Paare folgten. "Der Teamchef hat schon früh gesagt, 'pass auf, Du wirst Dritter', und vor dem letzten Paar war ich es dann wirklich. Ein Podestplatz - unglaublich, dachte ich, aber jetzt kommen Shani Davis und Lee Kyou-Hyuk, die sind auf jeden Fall schneller als ich", beschrieb Schwarz wie in Trance die entscheidenden Minuten.

"Als sie durchs Ziel liefen, sah ich auf der Anzeigetafel bei beiden eine 1:10 aufleuchten und hinter meinem Namen Platz 1. Da dachte ich nur noch: Wahnsinn!"

Fluch der guten Tat?

Nach den Winterspielen in Vancouver, die für Schwarz mit den Plätzen 16, 23 und 32 genauso katastrophal endeten wie für seine Teamkollegen, hatte es mal wieder einen Umbruch im Männerlager gegeben. Chefcoach Bart Schouten ging, Schwarz schloss sich der Gruppe von Jenny Wolfs Trainer Thomas Schubert an.

"Ein paar kleine Änderungen" habe man vorgenommen, mehr Wert auf Ausdauer und Grundlagen gelegt, sagt Schwarz: "Aber der große Schalter wurde nicht umgelegt. Der Knoten ist einfach geplatzt, ich weiß auch nicht, warum gerade jetzt."

Angst vor dem Fluch der guten Tat hat Schwarz nicht. "Ich mache mir keine Gedanken, dass der Druck größer werden könnte. Jetzt genieße ich erst mal."

Wolf entspannt zur Weihnachtsfeier

Genießen will auch Jenny Wolf, die ihre Durststrecke nach drei Siegen ihrer Erzrivalin Lee Sang-Hwa beendete.

Die Berlinerin holte über 500 m in Bahnrekordzeit von 38,03 Sekunden ihren 55. Weltcupsieg. Mit der erleichternden Erkenntnis, dass sie mit abklingenden Rückenproblemen auch wieder die Konkurrenz beherrscht, flog Wolf nach Hause: "Jetzt kann ich hoch zufrieden und entspannt Weihnachten feiern."

Zum Forum - Jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel