vergrößernverkleinern
Claudia Pechstein ist Deutschlands erfolgreichste Winter-Olympionikin © getty

Dem eisigen Empfang folgt die WM-Quali: Gleich nach Ablauf der Dopingsperre läuft die 38-Jährige in die Weltspitze.

Salt Lake City - Sie zeigte die Siegerfaust, lächelte ihren Freund Matthias an und stützte dann völlig ausgepumpt die Hände auf die Knie.

Claudia Pechstein ist zehn Tage nach Ablauf ihrer Dopingsperre mit fast 39 Jahren zurück in die Eisschnelllauf-Weltspitze gestürmt und hat bei ihrem beeindruckenden Weltcup-Comeback das Ticket für die Einzelstrecken-WM in Inzell gelöst.

Als ihr Trainer Achim Franke sie kurz nach ihrem Lauf im Innenraum des Olympic Oval von Salt Lake City herzlich umarmte, konnte die Berlinerin ihr Glück kaum fassen, es allen Kritikern noch einmal gezeigt zu haben.

"Ich bin absolut happy, es ist einfach traumhaft gelaufen", sagte sie mit einem stolzen Lächeln im Gesicht. Bei so viel Freude verblasste später selbst der 5000-m-Weltrekord von Martina Sablikova.

"Einige Holländer werden den Mund nicht zubekommen"

Gleichzeitig wollte Pechstein auch ihre Genugtuung nicht verbergen: "Ich bin nicht nur zurück, sondern ich habe die richtige Antwort auf dem Eis gegeben. Ich glaube, einige Holländer werden den Mund nicht zubekommen.", sagte sie mit Blick auf ihre zahlreichen Kritiker aus dem Oranje-Lager.

Die fünfmalige Olympiasiegerin lieferte bei ihrem Weltcup-Comeback auf dem Blitz-Eis der Olympiabahn von 2002 in 6:51, 63 Minuten über 5000 m eine Vorstellung ab und ist mit dieser Siegerzeit in der B-Gruppe fast zehn Sekunden schneller als die Zweite Marie Hemmer (Norwegen).

Das Ticket für die Einzelstrecken-WM in Inzell (10. bis 13. März) hat sie nach der viertbesten Zeit ihrer Karriere über diese Distanz ebenso sicher wie einen Startplatz beim Weltcup-Finale in Heerenveen eine Woche vorher.

Der Trainer ist sprachlos, der Freund begeistert

"Ich bin sprachlos", sagte ihr Manager Ralf Grengel, der gemeinsam mit Pechsteins Lebensgefährten das Rennen an der Bande verfolgte. Matthias Große rang derweil um Fassung: "Sie ist einfach eine ganz Große."

Coach Franke sprach von einer "herausragenden Leistung", während auch Bundestrainer Markus Eicher den Hut zog: "Das ist eine Wahnsinnszeit. Das schaffen nicht viele."

Zwei Läuferinnen, die diese Zeit noch überboten, waren Sablikova und Stephanie Beckert einige Stunden später in der A-Gruppe.

Sablikova verbessert eigenen Bestmarke

Sablikova lief über 5000 m in der A-Gruppe in 6:42,66 Weltrekord und verbesserte ihre eigene Bestmarke aus dem Jahr 2007 (6:45,61) um knapp drei Sekunden. Auch Beckert zeigte als Zweite in 6:47,04 Minuten ein starkes Rennen. Im Gesamtweltcup übernahm Sablikova (360 Punkte) die Führung vor Beckert (355).

Bei ihrer herausragenden Vorstellung beim ersten Weltcup-Lauf nach Ende ihrer zweijährigen Sperre wegen erhöhter Blutwerte knüpfte Pechstein fast nahtlos an alte Top-Leistungen an.

Sogar ihren deutschen Rekord aus dem Jahre 2002 (6:46,91), den sie ebenfalls in Salt Lake City bei ihrem Olympiasieg aufgestellt hatte, war in Reichweite, bis sie bei einem Bahnwechsel leicht aus dem Rhythmus kam.

Zurückversetzt in die B-Gruppe

Pechstein, die am kommenden Dienstag ihren 39. Geburtag feiert, musste nicht nur in der für sie ungewohnten B-Gruppe antreten, sondern zudem noch gegen drei Gegnerinnen gleichzeitig.

Wie schon bei ihrem ersten Auftritt vor sechs Tagen in Erfurt wirkte Pechstein am Start sehr konzentriert.

Sie fand schnell zu ihrem Rhythmus, die Konkurrentinnen waren schnell abgehängt. Pechstein lief gleichmäßig schnelle Runden und will nun auch am Sonntag über 1500 m das WM-Ticket lösen.

Veldkamp nennt Pechstein ein "Geschwür"

Pechstein hatte bei ihrem Comeback in Salt Lake City mit viel Gegenwind zu kämpfen. Vor allem aus dem niederländischen Lager war Kritik an ihrer Person laut geworden.

Sie habe als Dopingsünderin manipuliert, so etwas könne man nicht vergessen, sagte der niederländische Trainer Bart Veldkamp und verglich sie mit einem "Geschwür".

Sympathiebekundungen gab es für Pechstein indes vom früheren Trainer Peter Mueller, der in Salt Lake City norwegische Athleten betreut:

"Sie ist eine spezielle Dame. Mit ihr ist zu rechnen. Jeder weiß, dass sie in den letzten zwei Jahren nicht auf dem Arsch gesessen hat. Sablikova und Beckert sind vorne, aber dahinter kommt Claudia."

Bange Minuten beim Protest

Nach ihrem starken Auftritt musste Pechstein noch bange Minuten überstehen. Das Schiedsgericht des Weltverbandes ISU erwog im Anschluss an ihren souveränen Sieg in der B-Gruppe eine Disqualifikation Pechsteins.

Bei einem Überholmanöver kurz vor dem Ziel hatte sie gegen eine Konkurrentin die Hand ausgefahren, um einen Sturz zu verhindern.

"Die ISU hat disktuiert, ob es zu einem unerlaubten Körperkontakt kam. Am Ende hat das Schiedsgericht erkannt, dass Claudia Schlimmeres verhindert hat", sagte der deutsche Teamchef

Helge Jasch.

Gut eine Stunde nach dem Lauf war das Bangen im deutschen Lager überstanden.

Zum Forum - Jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel