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Anni Friesinger gilt als erfolgreichste Athletin bei Einzelstreckenweltmeisterschaften © getty

Durch die Disqualifikation einer Kontrahentin gewinnt Anni Friesinger WM-Gold. Doch nach Freude ist ihr gar nicht zumute.

Richmond - Nach Glücks-Gold und einer der kuriosesten Entscheidungen der Eisschnelllauf-Geschichte war Anni Friesinger nicht nach Feiern zumute.

"Dieser Titel sollte eigentlich etwas Besonderes sein, doch ich kann mich nicht so richtig über ihn freuen", sagte die 32-Jährige nach dem geschenkten Sieg (Friesinger macht am Grünen Tisch das Dutzend voll) im 1500-m-Rennen der Einzelstrecken-WM in Richmond.

Friesinger gab gerade der ARD ein Interview, als Moderatorin Franziska Schenk auf die Anzeigetafel deutete. Dort stand plötzlich nicht mehr die Kanadierin Kristina Groves, sondern Friesinger auf Platz eins.

Die neue Siegerin schaute zunächst verdutzt und zeigte keine Gefühlsregung, nachdem sie realisiert hatte, dass sie nun Weltmeisterin ist. ad

Groves, die fast eine Sekunde schneller gelaufen war als Friesinger, hatte eingangs einer Außenkurve die Begrenzung ihrer Laufbahn um wenige Zentimeter überschritten und war einer neuen Regel zufolge disqualifiziert worden.

Die neue Regel greift

"Die Strafe ist zu hart. Kristina war die Beste. Die Regel muss wieder geändert werden", sagte Friesinger fast ein wenig verärgert.

Vor der laufenden Saison war die Bestrafung für das Verlassen der Bahn eingeführt worden. Davor galt ein Übertreten der Begrenzung zwar auch als Regelverstoß, wurde vom Schiedsgericht aber zumeist toleriert.

Kanadier begrüßten die Regeländerung

Noch am Vortag der 1500-m-Entscheidung hatten sich die Trainer aller Teilnehmernationen getroffen und zum wiederholten Mal kontrovers über die Regel diskutiert.

Kurioserweise waren es die Kanadier, die sich am meisten für eine strikte Umsetzung einsetzten.

Einen Tag später wurde Groves ("Es ist bitter, aber ich akzeptiere die Entscheidung") als erster Läuferin der Eisschnelllauf-Geschichte auf diese Art ein Titel aberkannt.

"Anni war nicht die Beste"

"So etwas gab's noch nie. Wir können uns nicht über Gold freuen. Da sagt mein sportives Herz nein. Wir wissen genau, dass Anni nicht die Beste war", sagte ihr Trainer Gianni Romme.

"Genau genommen war ihr Lauf sogar ganz und gar nicht gut", ergänzte er.

Dennoch reichte es nach 1:58,66 Minuten "harter Arbeit" (Friesinger) dank der Kampfrichter zum insgesamt zwölften WM-Gold.

Damit ließ sie in der Bestenliste für Einzelstrecken-Titelkämpfe Gunda Niemann-Stirnemann (elfmal Gold) endgültig hinter sich und heftete sich in der Wertung aller drei Weltmeisterschaften (Einzelstrecke, Mehrkampf, Sprint) mit 16-mal Gold an die Fersen der Rekord-Siegerin aus Erfurt.

Anni greift nach dem WM-Rekord

Niemann-Stirnemanns 19 Triumphe galten eigentlich als bis in alle Ewigkeit uneinholbar. Doch wenn Friesinger am späten Samstagabend über 1000 m und auch am Sonntag im Team-Wettbewerb Gold holt, ist sie nur noch einen Sieg von "Wunder-Gunda" entfernt (Freisinger will den Gold-Rekord).

Derweil wäre es Daniela Anschütz-Thoms bei aller Wertschätzung für ihre Teamkollegin vielleicht sogar lieber gewesen, wenn Groves den Titel behalten hätte.

"Ein Scheiß-Lauf"

Der Erfurterin wäre die Enttäuschung erspart geblieben, hinter der Niederländerin Ireen Wüst und der Kanadierin Christine Nesbitt den undankbaren vierten Platz eingenommen und die Bronzemedaille um ganze vier Hundertstelsekunden verfehlt zu haben.

"Über 3000 m (Platz fünf, d. Red.) hatte ich einen Scheißlauf, diesmal hatte ich Pech", meinte "Schützi" sichtlich frustriert.

Dennoch legte sie ihre Pläne ad acta, auf einen ihrer beiden weiteren geplanten Starts über 5000 Meter und im Team zu verzichten.

Kramer wird Rekord-Weltmeister

Bei den Männern trat derweil eines der größten Talente der vergangenen Jahre endgültig aus dem Schatten.

Der ehemalige Shorttracker Trevor Marsicano, ein erst 19 Jahre Allrounder mit bestechender Kurven-Technik aus den USA, gewann Gold über 1000 m und keine drei Stunden später Bronze über 5000 m (Ergebnisse).

Auf der zweitlängsten Strecke gewann erwartungsgemäß Oranje-Superstar Sven Kramer, der mit seinem zehnten WM-Triumph seinem Landsmann Romme den Titel des Rekord-Weltmeisters wegschnappte.

Die deutschen Läufer schafften in beiden Läufen nicht den Sprung unter die besten Zehn.

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