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Die 30-jährige Jenny Wolf gab 1999 ihr Debüt im Weltcup © getty

Achterbahn der Gefühle für die deutschen Eisschnellläuferinnen: Wolf jubelt über ihren dritten Titel. Angermüller verzählt sich.

Richmond - Jenny Wolf kämpfte nach ihrem Traumlauf zu Gold mit den Freudentränen, Anni Friesinger und das Slapstick-Team hakten derweil ihr unfreiwillig komisches Stolper-Rennen ganz schnell ab.

Auch am turbulenten Schlusstag der Einzelstrecken-WM auf der neuen Olympiabahn in Richmond bei Vancouver erlebten die deutschen Läuferinnen eine Achterbahnfahrt durch alle Gefühlswelten.

"Ich kann's immer noch nicht glauben", sagte Wolf eine halbe Stunde nach ihrer Aufholjagd zum 500-m-Triumph: "Es wird ein Vorteil sein, mit diesen tollen Erinnerungen im nächsten Jahr zu Olympia hierher zurückzukehren."

Eine halbe Ewigkeit

25 Hundertstelsekunden, im Sprint eine halbe Ewigkeit, hatte die Berlinerin vor dem zweiten Lauf hinter ihrer Erzrivalin Wang Beixing gelegen. Dann konterte sie eiskalt. Mit einem nahezu perfekten Rennen in 37,72 Sekunden holte sie den Rückstand auf und gewann als erste Läuferin in der Geschichte der Einzelstrecken-Titelkämpfe zum dritten Mal nacheinander Sprint-Gold.

"Ich bin so froh, dass ich gezeigt habe, auch nach schwächeren Läufen zurückschlagen zu können. Das bestätigt meine Nervenstärke", sagte Wolf.

Zittern im Innenraum

Ausgepumpt hatte sie im Innenraum verfolgt, wie Wang direkt nach ihr zum zweiten Lauf antrat: "Ich habe auf die Anzeigetafel gesehen und gezittert. Als hinter ihrem Namen eine 38er Zeit aufleuchtete, wusste ich: Das ist es!"

Nach dem glücklichen Ende einer erfolgreichen Saison gönnt sich die 30 Jahre alte Berlinerin nun zwei Wochen Urlaub mit ihrem Freund Oliver in den Rocky Mountains. Schon im April beginnt dann in Berlin die Olympiavorbereitung.

Tragische Figur

Direkt nach Wolfs Coup lieferte das deutsche Frauen-Team eine Slapstick-Vorstellung ab. Tragische Figur war Monique Angermüller. Die Ersatzläuferin für die krankheitsbedingt fehlende Claudia Pechstein hielt die ersten vier Runden gut mit, die letzten beiden wird sie wohl ihr Leben lang nicht vergessen.

Angermüller lief plötzlich wie in Zeitlupe. Am Ende ihrer Kräfte rief sie immer wieder "Stop!", das verabredete Zeichen zum langsamer werden. Nach exakt fünf Runden hörte sie ganz auf zu laufen, als sei sie bereits im Ziel. "Es ging einfach nichts mehr", sagte die Berlinerin, "dann rief Anni von hinten: 'Ich schieb dich an!' Damit hab ich gar nicht gerechnet und bin dann auch noch gestolpert."

Friesinger legte der 25-Jährigen tröstend die Hand auf die Schulter: "Ja, ja, Mama hat halt einen starken rechten Arm." Anschütz-Thoms berichtete, sie habe das Drama von der Führungsposition aus auf der Videoleinwand verfolgt, "Zeit genug hatte ich ja".

Keine Vorwürfe

Vorwürfe gegen Angermüller ("Es tut mir so leid für die beiden") gab es nicht. Dass es mit der erfahrenen Lucille Opitz zu mehr als nur Rang fünf gereicht hätte, bezeichnete Anschütz-Thoms als "Spekulation" und hakte die WM nach vier vergebenen Medaillenchancen mit einem einzigen Wort ab: "Scheiße".

Friesinger verwies darauf, dass das kanadische Gold-Trio "diesmal eh zu stark war". Für sie war es bei der WM nach dem geschenkten 1500-m-Sieg mit der Disqualifikation der eigentlichen Gewinnerin Kristina Groves die zweite Situation mit Seltenheitswert.

Kläglicher Schlusspunkt

Das deutsche Männer-Team war dagegen nur tragisch, ohne dabei komisch zu sein. Robert Lehmann durfte mitlaufen, obwohl ihn bis Mitte der Woche ein Magen-Darm-Virus geplagt hatte. Dem Erfurter ging die Luft aus, statt wie erhofft zu Bronze fuhr das Trio auf Rang sieben.

Für die Männer war es der klägliche Schlusspunkt einer peinlichen WM. Rang acht für Marco Weber über 10.000 m war am Ende das beste Ergebnis. Chefcoach Bart Schouten, vor zwei Jahren als "Jürgen Klinsmann des deutschen Eisschnelllaufs" gefeiert, ist mit seinem Latein offensichtlich schon am Ende.

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