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Claudia Pechstein gewann fünfmal olympisches Gold
Claudia Pechstein gewann fünf olympische Goldmedaillen. Die erfolgreichsten Winter-Olympioniken ZUM DURCHKLICKEN © getty

Claudia Pechstein scheitert vor Gericht. Bei SPORT1.fm erklärt ihr Anwalt, warum das Urteil trotzdem weitreichende Bedeutung hat.

München - Niederlage und Sieg zugleich für Claudia Pechstein: Das Landgericht München I sieht sich im millionenschweren Schadenersatzprozess der Eisschnellläuferin zwar nicht zuständig.

Die Schiedsklausel der Athletenvereinbarung zwischen Verbänden und Athleten erklärte es im Fall der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin am Mittwoch jedoch für unwirksam.

Die Autorität des Internationalen Sportgerichtshofs CAS ist damit zumindest stark angekratzt, die deutschen Fachverbände sehen sich mündigeren Athleten gegenüber.

"Das Gericht hat klar gesagt, dass diese Schiedsklauseln null und nichtig sind. In Athletenvereinbarungen werden bestimmte Rechte und Pflichten festgezurrt", sagte Pechsteins Anwalt Dr. Thomas Summerer im Gespräch mit SPORT1.fm:

"Zum Beispiel, dass der Athlet starten muss in einem bestimmten Wettkampf, dass er eine bestimmte Kleidung eines Sponsors tragen muss."

Teilerfolg für Pechstein

Fragwürdig sei bisher gewesen, dass die Sportler sich verpflichten müssten, nicht mehr ein deutsches Gericht anrufen zu dürfen, "sondern nur noch diesen unsäglichen CAS in der Schweiz."

Der Sportler könne gar nicht anders, meinte Summerer: "Wenn er nicht unterschreibt, darf er nicht zum Wettkampf antreten."

Das Landgericht habe die Schiedsklausel in dem Urteil zu seiner Mandantin nun für null und nichtig und sittenwidrig erklärt - für Summerer zumindest ein Teilerfolg.

Gericht bemängelt Monopolstellung der Verbände

Der Athlet müsse wählen können, ob er zu einem staatlichen deutschen Gericht gehe oder sich einem Sport- oder Schiedsgericht wie dem CAS unterwerfe, meinte er: "Dieses Wahlrecht wurde dem Sportler bisher nicht zugestanden. Deswegen hat das Urteil weitreichende Wirkungen auf alle Sportverbände."

Das Gericht begründete die Entscheidung im Fall Pechstein damit, dass die Vereinbarung vonseiten der 42-Jährigen nicht freiwillig getroffen worden sei. Die Beklagten, die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) sowie der Eislauf-Weltverband ISU, hätten eine Monopolstellung inne gehabt.

Urteil hat Signalwirkung

Pechstein habe bei der Unterzeichnung keine Wahl gehabt, denn ohne wäre die Berlinerin nicht zu Wettkämpfen zugelassen worden und dadurch in ihrer Berufsausübung behindert gewesen.

Somit hat das Urteil mit Blick auf die Athletenvereinbarungen Signalwirkung: Sportler könnten mit Berufung auf dieses Urteil eine Unwirksamkeit entsprechender Verträge geltend machen.

Pechstein-Anwalt Dr. Thomas Summerer im SPORT1.fm-Interview

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ISU-Rechtsbeistand Dirk-Reiner Martens, der ebenfalls Mitglied des Internationalen Sportgerichtshofes ist, sieht den CAS "massiv angegriffen".

Freiheit der Athleten gestärkt

Deutlich weiter geht Summerer in seiner Einschätzung: "Der CAS wird an Bedeutung verlieren. Es wird kein deutsches Verfahren mehr vor dem CAS geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich irgendein deutscher Sportler freiwillig dem CAS unterwirft."

Der renommierte Heidelberger Sportrechtler Michael Lehner sieht die Freiheit der Athleten gestärkt. "Es ist sicherlich ein ganz bedeutendes sportrechtliches Urteil", sagte er, es sei ein "Zurechtstutzen der Monopolmacht, die die Sportverbände so ausüben."

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) sieht seine Praxis der Vereinbarungen mit den Sportlern indes nicht betroffen.

"Muss jeden Einzelfall prüfen"

"Die Aussagen des Gerichtes zur Athletenvereinbarung beziehen sich nicht auf die Athletenvereinbarung, die Claudia Pechstein mit dem DOSB vor den Olympischen Spielen in Sotschi geschlossen hat, sondern auf die Athletenvereinbarung mit dem nationalen und internationalen Fachverband", sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper.

Auch einzelne Fachverbände reagierten auf das Urteil. "Es ist schwierig einzuschätzen, welche Auswirkungen das Urteil haben wird. Man müsste in jedem Einzelfall prüfen, ob die Vereinbarung durch Zwang oder auf freiwilliger Basis zustande kam", sagte Präsident Clemens Prokop vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV).

Niederlage im Schadenersatzprozess

Eine Niederlage erlitt Pechstein jedoch im millionenschweren Schadenersatzprozess. Zum Ärger des Pechstein-Lagers prüfte die 37. Zivilkammer des Landgerichts nicht, ob Pechsteins auf Indizien beruhende Dopingsperre rechtswidrig war. Das Gericht sah sich an den Schiedsspruch des CAS gebunden.

Pechstein hatte unter anderem Schadenersatz in Höhe von rund 3,5 Millionen Euro sowie ein Schmerzensgeld in Höhe von 400.000 Euro gefordert.

"Der Schadenersatz wurde zurückgewiesen, weil es diesen unsäglichen Schiedsspruch gibt. Ein krasses Fehlurteil, das die Sperre für rechtens gehalten hat", meinte Summerer:

Genetisch bedingte Anomalie

"Damals hat der CAS entschieden, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sein soll, obwohl Gutachter damals schon auf Zweifel hingewiesen haben, ob das nicht auch eine genetisch bedingte Anomalie sein könnte."

Es gebe mittlerweile eine unbestrittene Diagnose eines Münchner Professors, eines Hämatologen, erklärte der Jurist. Dessen Diagnose besage, dass sie die Anomalie genetisch bedingt von ihrem Vater geerbt habe.

"Wenn diese Schiedsklausel unwirksam war, dann ist es fragwürdig, dass das Gericht sich trotzdem gebunden fühlt an das Schweizer Schiedsgericht", sagte Summerer bei SPORT1.fm.

Berufung am Oberlandesgericht

"Wir hätten es für widerspruchsfreier gehalten, wenn das Gericht gesagt hätte: Wenn schon die Schiedsklausel unwirksam ist, dann ist auch der Schiedsspruch unwirksam." Pechstein und ihr Anwalt werden nun vor dem Oberlandesgericht in München in Berufung gehen.

Einen ersten Erfolg kann die Eisschnellläuferin zumindest verbuchen. Wassersprung-Weltmeister Patrick Hausding begrüßte das Urteil.

"Unsere Initiative hat Wirkung gezeigt", sagte der Berliner, der mit rund 50 Spitzenathleten im vergangenen Oktober eine von Pechstein ins Leben gerufene Petition gegen die Athletenvereinbarung unterschrieben hatte: "Es wird jetzt eine neue Formulierung geben. Aber gut ist, dass man sich mit dem Thema auseinandersetzt."

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