Adler feiern Silber - und wollen Gold
Von der Nordischen Ski-WM berichtet Lars Becker
Cavalese - So richtig glauben konnten die deutschen Skispringer das mit der WM-Silbermedaille erst, als sie die Plaketten bei der Siegerehrung in Cavalese am späten Abend wirklich um den Hals gehängt bekamen.
Es war das Happy End einer Zitterpartie, in der Schlussspringer Richard Freitag zunächst mit dem winzigen Vorsprung von 0,8 Punkten oder etwa 40 Zentimetern vermeintlich die Bronzemedaille im Teamwettbewerb vor Polen gerettet hatte ( Bericht).
Dann jedoch durfte das deutsche Quartett nicht an der sogenannten Flowerzeremonie direkt an der Schanze teilnehmen. Dort wurden entgegen aller Gepflogenheiten nur die Austria-Flieger zum insgesamt fünften Mal in Serie als Team-Weltmeister geehrt.
Der Grund: Deutschland hatte Protest gegen die auf der Anzeigetafel schon als Silbergewinner gefeierten Norweger eingelegt.
Verwirrung um Bardal
Einzel-Weltmeister Anders Bardal waren im ersten Durchgang 6,7 Punkte für die Verkürzung seines Anlaufs gutgeschrieben wurden.
Die Videobilder wiesen jedoch unzweifelhaft nach, dass er sein Startgate gar nicht geändert hatte. So bekam Deutschland statt Bronze am Ende doch noch Silber.
Vollständig glücklich schien das jedoch niemand im deutschen Team zu machen. "Die goldene haben wir uns diesmal noch nicht geholt. Aber das klappt schon noch irgendwann", meinte Severin Freund.
Hannawald übt Kritik
Sven Hannawald, der 2001 beim letzten deutschen Goldgewinn in Lahti noch mit dabei war, hatte ob der trotz toller mannschaftlicher Geschlossenheit in den beiden Einzelspringen verpassten WM-Medaillen ein "kleines Kopfproblem" diagnostiziert.
Und so war es auch in diesem dramatischen Springen, zumindest beim Einzel-Vierten Severin Freund und Michael Neumayer. Glücklicherweise zeigten Andreas Wank und vor allem Freitag im rechten Moment ihre Topleistung.
"Das war trotzdem ein guter Lernprozess, mit diesem Anspruch auf Gold reinzugehen. Wir haben Fehler gemacht, die wir noch abstellen müssen", kommentierte Bundestrainer Werner Schuster.
Er hatte das klare Ziel Gold ausgegeben, nachdem die für Freund und Freitag ebenso klar anvisierte Einzelmedaille zuvor verpasst worden war.
Rückstand verkürzt
Österreich war am Ende wieder einmal besser, wenn auch der früher astronomisch hohe Rückstand auf vergleichsweise minimale 14,1 Punkte geschrumpft ist. Zum "Matchwinner" für die Austria Adler wurde mit Manuel Fettner ausgerechnet der neu ins sieggewohnte Überflieger-Team gekommene Mann.
Er verlor nach der Landung seines Fluges bei einer Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometern den rechten Sprungski, doch er schaffte es auf wundersame Weise auf einem Brett weiter geradeaus zu fahren und erst nach der Sturzlinie zu Fall zu kommen.
Schuster beweist Humor
Freund fand, das das vor allem "Glück gewesen" sei. Doch es war mehr, denn an so ein spektakuläres Kunststück konnte sich bei einem Großereignis niemand erinnern.
"Das ist die gute österreichische Grundausbildung im Skifahren", sagte Schuster: "Manuel Fettner hat lange gewartet, berühmt zu werden und heute ist er es geworden."
Die deutschen Skispringer müssen darauf weiter warten. Zwei Medaillen waren von Schuster als Ziel vor den Titelkämpfen ausgegeben worden, am Ende wurden "nur eineinhalb". Weil am Bronze im Mixed ja auch die beiden deutschen Frauen entscheidenden Anteil hatten.
"Das ist ein Schritt nach vorn, aber keiner ist zumindest in den Einzelspringen so richtig aus dem Schatten gesprungen", kritisierte Schuster. Lediglich Richard Freitag bekam attestiert, dass er im Teamspringen seine "Reifeprüfung" abgelegt habe.
Freitag bleibt cool
Als Schlussspringer hielt der Sachse dem für ihn neuen Nervendruck stand ( DATENCENTER: Der Weltcup).
Als Belohnung gab es nach der insgesamt fünften Medaille für das deutsche Team bei der Nordischen Ski-WM in Italien eine gemeinsame Party mit den wenige Stunden zuvor mit Bronze belohnten deutschen Kombinierern.
Zumindest Richard Freitag konnte da die Aufregung der letzten Stunden runterspülen: "Silber macht mich noch glücklicher als Bronze." Aber Gold wäre natürlich noch besser gewesen...


