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Der "Herminator", der nach den ersten Tests auf dem Gletscher noch optimistisch auf den Olympia-Winter geblickt hatte, gelangte "nach ein paar Tagen Bedenkzeit zu dem Entschluss, einen Schlussstrich zu ziehen und meine Karriere als Skirennfahrer zu beenden?
Hermann Maier ist Zweiter der ewigen alpinen Bestenliste © imago

Der Wintersport verliert eine seiner schillerndsten Figuren. Mit Tränen in den Augen trennt sich Hermann Maier von seinem "Traumberuf".

Wien/München - Als er seinen überraschenden Rücktritt verkündete, kamen selbst dem hartgesottenen Hermann Maier die Tränen.

"Ich habe mich entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen, sagte der 36-Jährige mit stockender und schließlich ganz versagender Stimme.

Damit endete am Dienstag im Dachfoyer der Wiener Hofburg abrupt eine der spektakulärsten Geschichten, die der alpine Ski-Zirkus in den letzten Jahrzehnten zu bieten hatte (DATENCENTER: Die Weltcupergebnisse vom WInter 208/2009).

Spekulationen um Rücktritt

Aufgeschreckt wurde Österreich bereits am Dienstagmorgen um 8.33 Uhr: Hermann Maier lud überraschend zu einer Pressekonferenz ein. Der "Herminator" wollte sprechen?

Schnell machten Gerüchte vom Rücktritt die Runde, Hektik brach aus. Der ORF bewerkstelligte in Windeseile eine Live-Schaltung aus dem Dachfoyer der Hofburg. Um 14.04 Uhr war es dann so weit.

Rücktritt bei bester Gesundheit

Ursprünglich hatte Ski-Rennläufer Maier sogar weiterfahren wollen bis zur alpinen WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen, wo er vor zwölf Jahren sein erstes Rennen im Weltcup gewann. Daraus wird nun nichts, auch nicht aus Olympia 2010 in Vancouver.

"Im Hinblick auf mein künftiges Leben war es mir von bedeutsamer Wichtigkeit, gesund zu sein", sagte Maier, bald 37, und ergänzte: "Die Entscheidung fällt mir schwer, ich trenne mich von meinem Traumberuf."

Spontane Entscheidung

Die Entscheidung, betonte er, sei spontan gefallen. In der vergangenen Woche hatte er in Sölden, wo am 24. Oktober die neue Weltcup-Saison beginnen soll, erstmals seit einer Knieoperation im März trainiert.

Nur eine Woche später kam jetzt der Abschied. "Ich habe schon vor Jahren an einen Rücktritt gedacht, aber es machte zuviel Spaß. Auch heuer verlief die Saison eigentlich optimal. Aber jetzt ist der richtige Augenblick um die Karriere zu beenden", sagte Maier.

Zweifacher Olympiasieger

Österreich verliert damit eine Identifikationsfigur für das gesamte Land. Dem alpinen Ski-Rennsport geht zugleich einer seiner erfolgreichsten Vertreter und vor allem eine seiner schillerndsten Figuren verloren.

Maier hat zweimal Olympia-Gold, dreimal WM-Gold, viermal den Gesamtweltcup und 54 Weltcup-Rennen gewonnen, doch vor allem hat er seinem Sport zu einer enormen Popularität weit über die Grenzen der Wintersport-Nation Österreich hinaus verholfen.

An der Amputation vorbeigeschrammt

Es war abzusehen, dass er irgendwann auf seine Gesundheit würde achten müssen. Am 7. Dezember wird Maier 37 Jahre alt, doch das weit entscheidendere Datum ist der 24. August 2001:

Maier will auf seinem Motorrad das Auto eines deutschen Rentners überholen, dieser jedoch biegt plötzlich ab. Nur knapp entging Maier damals einer Amputation des übel zugerichteten rechten Unterschenkels.

Österreich bewegte in den Wochen danach nur eine Frage: Schafft es der "Hermi" bis Olympia 2002?

Comeback-Sieg in Kitzbühel

In Österreich nennen sie Maier auch den "Heiland", und in der Tat gelang ihm nach dem Unfall eine Wiederauferstehung, die gerade dann unglaublich erscheint, wenn man seinen Unterschenkel anschaut.

Am 14. Januar 2003 kehrte der schier Unverwüstliche in den Weltcup zurück, 13 Tage später, bei einem auf Montag verschobenen Super-G, gewann Maier sein 42. Weltcup-Rennen, Schauplatz: Kitzbühel.

Die Berichterstattung darüber grenzte an Gotteslästerung.

Maier blieb ehrgeizig bis zum Gehtnichtmehr. Bei der WM in Bormio 2005 misslangen ihm Abfahrt und Super-G - dafür gewann er dann zur allgemeinen Überraschung Gold im Riesenslalom.

Querflug in Nagano

Hinfallen, aufstehen: Der "Herminator" hatte daraus schon früh eine Art Kunst gemacht. Bei Olympia 1998 in Nagano wurde er international berühmt: Erst gingen die Bilder vom seinem Querflug mit Horror-Sturz auf der Abfahrt um die Welt, drei Tage später jene vom Olympiasieger Maier.

Unterkriegen lassen hat sich Maier selten. Nach vergeblichen versuchen, als Rennläufer Fuß zu fassen, durfte er am 6. Januar 1996 als Vorläufer beim Weltcup-Riesenslalom seinen Haushang in Flachau runterfahren - die Zeit hätte für Rang zwölf gereicht.

Erster Sieg in Garmisch

Nur zwei Tage später fuhr Maier, der gelernte Maurer und Ski-Lehrer, bereits ein Europacup-Rennen, er wurde Zweiter. Wiederum zwei Tage später folgte der erste Weltcup-Start (26.).

Die WM 1997 verpasste Maier auf Grund eines Handbruchs, kurz danach, am 23. Februar war es dann so weit: Garmisch-Partenkirchen, Super-G, erster Weltcup-Sieg.

Olympia-Bronze in Turin

Der "Herminator", so scheint es, riss hernach alles nieder. Sein Trainingseifer, sein Ehrgeiz, aber auch die üble Laune, wenn es nicht zum Sieg reichte, waren legendär. Erst seit Turin 2006, wo er mit Silber und Bronze überraschte, war bei ihm zunehmend eine Art Altersmilde festzustellen.

Sein Körper, malade seit dem Unfall, darüber hinaus geschunden und malträtiert durch eine zwar durchaus gefühlvolle, vor allem aber auch rücksichtslose Fahrweise im Grenzbereich, versagte Maier immer häufiger den Dienst.

Haarriss in der Bandscheibe, OP am Knie

Schon vor der vergangenen Saison war bei ihm ein Haarriss in der Bandscheibe festgestellt worden - er gewann dennoch im November 2008 sein 54. Weltcup-Rennen (DATENCENTER: Die Ergebnissliste). Im März wurde Maier am Knie operiert.

Körperlich sei alles bestens, sagte Maier zum Abschied. Doch wer mal seinen rechten Unterschenkel gesehen hat, fragt sich allen Ernstes, wie er damit in den vergangenen Jahren überhaupt noch in einen Skischuh gepasst hat.

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