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Daniel Albrecht zeigt sich bei seiner Rückkehr nach Kitzbühel gut gelaunt © imago

Daniel Albrecht kehrt ein Jahr nach seinem Horror-Sturz zurück nach Kitzbühel - nur ohne Ski. An ein Comeback glaubt er noch.

München - 364 Tage später ist Daniel Albrecht zurück. Zurück an dem Ort, an dem er fast sein Leben verloren hatte.

"Ich wollte wissen, wie sich das anfühlt", erklärt der junge Schweizer. Am 22. Januar 2009 war er im Abschlusstraining für die Abfahrt auf der berüchtigten Streif in Kitzbühel furchterregend gestürzt. Bei Tempo 140. Rund 70 Meter flog Albrecht durch die Luft, dann schlug er hart auf der Piste auf. 58160(Diashow: Der Horror-Sturz von Kilian Albrecht)

Schädel-Hirn-Trauma, Gehirnblutungen, drei Wochen im Koma. Er hat noch immer Erinnerungslücken.

Kein Negativ-Gefühl

Daniel Albrecht will wieder Rennen fahren. Irgendwann. Doch erst mal ist er nach Kitzbühel zurückgekehrt, auch, um den Medien, die sich bislang vergeblich um ein Interview mit ihm bemüht haben, einen Gefallen zu tun.

Er bedankt sich fürs Kommen, behauptet, dass er "überrascht" sei, "dass so viele Leute da sind", und er betont, dass dieser Ort nicht negativ auf ihn wirke: "Ich fühle mich wohl, und darüber bin ich froh", sagt der 26-Jährige. (Das Rennen 2010, ab 12.30 Uhr LIVE)

Nur auf die Streif wird er nicht gehen. Vorerst.

Schon im Mai wieder auf Skiern

"Auf die Strecke werde ich erst wieder gehen, wenn ich Rennen fahren kann", sagte Albrecht, "dann kann ich der Piste zeigen, wer der Chef ist."

Herr über die Piste ist er derzeit nicht. Obwohl er es versucht hat.

Am 6. Mai 2009 stand er schon wieder auf Skiern, angetrieben von dem Willen, zurückzukehren in sein altes Leben als Ski-Rennläufer. Er wollte beim Saisonauftakt im Oktober in Sölden dabeisein, später bei den Rennen in Nordamerika. (DATENCENTER: Der Weltcup-Kalender)

Jetzt betont er: "Ich weiß nicht, wann es sein wird. Es ist doch ziemlich egal."

"Brauche noch viel mehr Glück"

Der Schweizer Cheftrainer Martin Rufener sagt respektvoll, es sei "unglaublich", was Daniel Albrecht bislang erreicht hat.

In der Tat hat der Kombinations-Weltmeister von 2007 sein Kampfgewicht von einst (89 kg) wieder erreicht. Doch die Nachwirkungen des schweren Sturzes, sie bremsen ihn in seinem Drang, wieder Rennen fahren zu können.

Der Walliser weiß: "Die Verletzungen waren doch ziemlich an der Grenze. Ich habe Glück, dass ich noch hier bin. Wenn ich es nochmal schaffen will, brauche ich noch viel mehr Glück."

Probleme mit der Orientierung

Albrecht muss sich fast alles neu erkämpfen, seit er am 12. Februar 2009 aus dem künstlichen Koma erwachte und nur zwei Wochen später ankündigte: "Ich will zurück."

Im vergangenen Juli war er zum ersten Mal an die Grenzen gestoßen, die er nun erst wieder suchen und finden muss. Albrecht erlitt einen Handgelenkbruch, als er mit dem Mountain-Bike stürzte, Folge des fehlenden Reaktionsvermögens. (Video: Die Streif vor dem Rennen)

Auch sein Orientierungssinn ist beeinträchtigt, und sein Kopf, der alles neu abspeichern muss, wird schnell müde.

Erinnerung nur bruchstückhaft

Seinen Sturz hat Albrecht gesehen, doch er kann damit nichts anfangen. "Ich weiß, was passiert ist, aber mir fehlt der Bezug", berichtet er.

Die ersten Erinnerungen kamen im März 2009 zurück - ihm fiel ein, dass er in der Tiefgarage des Inselspitals in Bern war. Was davor geschah, das ist zum Teil ausgelöscht.

Albrecht sah einen Schmetterling, aber er fand das Wort dazu nicht. Zu Fleisch sagte er "Audi". Begierig füllt er sein Gehirn mit Informationen, doch längst ist die Festplatte im Kopf nicht wieder voll.

Comeback verschoben

"Ich hatte große Ziele, und ich wollte sie erreichen, obwohl ich wusste, dass es keinen Sinn macht", erzählt Albrecht mit einem Lächeln.

Sein Ziel, noch in diesem Winter wieder Rennen zu fahren, hat er nach hinten verschoben. Im nächsten Winter vielleicht.

Oder im übernächsten. "Es war schwierig, in den Weltcup zu kommen, doch es ist noch schwieriger, dorthin zu kommen, wo ich jetzt hin will", sagt er. Albrecht weiß, dass er sich Zeit nehmen muss. Doch er ist sich sicher, dass er zurückkehrt. Nach Kitzbühel. Als Chef.

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