Im Skizirkus häufen sich die Verletzungen. Für Wolfgang Kleine Anlass, Rainhard Fendrichs Lied ins Gedächtnis zu rufen.

St. Moritz, Weltcup-Super-G: Nadia Fanchini stürzt schwer, liegt im Schnee und schreit vor Schmerzen. Nicht nur in der Nähe hören das die Trainer und Betreuer, auch im Ziel sind Schreie der 23-jährigen Italienerin über Lautsprecher zu hören.

Fahrerinnen und Zuschauer sind entsetzt, Lindsey Vonn schlägt die Hände vors Gesicht. Die Teamkolleginnen von Fanchini blicken entsetzt. Nadia Fanchini wird später in die Klinik gebracht. Dort stellen die Ärzte Kreuzbandrisse an beiden Beinen fest.

Nadia Fanchini ist das letzte Opfer des weißen alpinen Wahnsinns in der Olympia-Saison. Es geht immer schneller, immer risikoreicher und das Material sorgt für seinen Teil. "Vielleicht sind die Anforderungen an uns Sportler zu hoch", sagt Maria Riesch, die in St. Moritz einen schweren Sturz nur knapp vermeiden konnte, im "Focus".

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Dutzende von alpinen Skirennläufern mussten in dieser Saison ihre Olympia-Hoffnungen durch Stürze oder schwere Verletzungen begraben. Die Starterfelder sind in Vancouver schon arg dezimiert.

Ob Fanchini, die Schweizerin Martina Schild (Kreuzbandriss), Fränzi Aufdenblatten, Tobias Stechert (Kreuzbandriss), Nicole Hosp (Kreuzbandriss), Weltmeister John Kucera (Schien- und Wadenbeinbruch), Thomas Lanning, Jean-Baptiste Grange (Brüche und Bänderrisse), Lara Gut kann nach ihrer schweren Hüftverletzung immer noch nicht fahren. Und so weiter, und so weiter?

Da mutet die Behauptung von FIS-Renndirektor Günter Hujara schon seltsam an: "Die Anzahl der Stürze ist nicht ungewöhnlich hoch. Aber, dass jeder Sturz, jeder Fehler, jede außergewöhnliche Reaktion mit einer Verletzung endet, beunruhigt mich."

Aber die Show muss weitergehen. Es lebe der Sport! Experten, Trainer, Funktionäre und Betreuer ändern zwar technische Voraussetzungen und das Material, aber sicherer wird's kaum.

Die Ski wurden breiter, die Maximalhöhe der Bindungsplatten verringert. Doch was man auch tat, es wurde nicht besser. DSV-Alpinchef Wolfgang Maier: "Jetzt weiß man, es war ein Fehler." Der Schweizer Kitzbühel-Sieger Didier Cuche, der sich den Daumen brach: "Je breiter der Ski, desto mehr Masse hat er und ich brauche mehr Kraft, um ihn zu bewegen."

Aber was soll's: Die Fans wollen ein Spektakel haben. Wollen wirklich alle den sicheren Abfahrtslauf sehen? Ex-Rennstar Peter Müller aus der Schweiz: "Wenn wir die Geschwindigkeiten verringern, glauben die Leute, wir seien Angsthasen."

Also: Es lebe der Sport! Und keiner hat es so auf den Punkt gebracht wie der österreichische Sänger Rainhard Fendrich in seinem berühmten Lied:

"Weltcupabfahrtsläufe machen ihn a bisserl müd weil er is abgrebrüht.

Wenn er dabei irgendwas erregt dann nur wenn?s einen ordentlich zerlegt.

Ein Sturz bei 120 km/h, entlockt ihm ein erfreutes "Hoppala?

Und liegt ein Körper regungslos im Schnee schmeckt erst so richtig der Kaffee

Es lebe der Sport

Er ist gesund und macht uns hoart

Er gibt uns Kraft, Er gibt uns Schwung

Er ist beliebt bei Alt und Jung

Wenn einer bei der Zwischenzeit, sich zwanglos von am Ski befreit,

und es ihn in die Landschaft steckt, dass jeder seine Ohrn anlegt,

wenn er es überleben tut, dann wird er nachher interviewt."

Es lebe der Sport!

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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