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Florian Eckert gewann bei der WM 2001 in St. Anton Abfahrts-Bronze © getty

Ex-Fahrer Florian Eckert analysiert Gruggers Sturz. Außerdem äußert sich der Garmisch-Rennleiter zum Risiko der WM-Abfahrt.

Von Andreas Kloo

München - Gerade zwei Jahre ist es her, dass der schwere Sturz von Daniel Albrecht die berühmte Hahnenkamm-Abfahrt auf der Kitzbühler Streif überschattete. Nun hat sich erneut ein schlimmer Unfall im Training ereignet.

Der Österreicher Hans Grugger verlor an der Mausefalle die Kontrolle und zog sich ein Schädel-Hirn-Trauma und schwere Brustverletzungen zu zu (Der Sturz im VIDEO). Mittlerweile ist er außer akuter Lebensgefahr.

Super-G-Sieger Ivica Kostelic übte heftige Kritik an den Organisatoren.

"Fast jedes zweite Jahr gibt es hier einen beinahe tödlichen Unfall", schimpfte der Kroate. Auch nach Gruggers Sturz sei die Mausefalle nicht entschärft worden: "Das geht nicht", sagte Kostelic, "ich sehe darin keinen Sinn."

Die österreichischen Kollegen Hans Gruggers reagierten geschockt auf den Unfall. "Ich hatte während meiner Fahrt richtig Angst", gestand ÖSV-Teamkamerad Mario Scheiber hinterher ein.

Spürbar betroffen

Auch der frühere deutsche Weltklasse-Abfahrer Florian Eckert ist beim Interview mit SPORT1 spürbar betroffen.

Der Bronzemedaillengewinner von St. Anton fuhr einst selbst die wohl gefährlichste Abfahrt der Welt hinunter. Nach seinem frühen Karriereende im Alter von 26 Jahren lernte Eckert dann auch die andere Seite des Skisports kennen. (DATENCENTER: Alle Weltcup-Ergebnisse 2010/11)

Als Rennleiter der WM-Abfahrt in Garmisch weiß er, welche Probleme auf die jeweiligen Organisatoren zukommen.

Im Interview mit SPORT1 äußert er sich zum Grugger-Sturz und zieht Vergleiche zwischen Kitzbühel und der Strecke in Garmisch. Außerdem beurteilt er nach dem WM-Ausfall von Stephan Keppler die missliche Lage der DSV-Abfahrer.

SPORT1: Herr Eckert, zwei Jahre nach Daniel Albrecht gab es nun mit Hans Gruggers Sturz den nächsten schweren Unfall auf der Streif. Gehört so etwas in Kitzbühel mittlerweile dazu?

Florian Eckert: Wir müssen erstmal von der Kitzbühel-Diskussion wegkommen und sehen, dass das eine Katastrophe für den Betroffenen sowie dessen Familie und Umfeld ist. Da kann man ihm nur das Beste wünschen.

SPORT1: Allerdings soll auch der Absprung an der Mausefalle in diesem Jahr leicht angehoben worden sein. Geht es immer darum, dass man den Zuschauern etwas Spektakuläres bietet?

Eckert: Ich denke, dass alle versuchen, es möglichst sicher zu machen. Doch man darf sich da keinen Illusionen hingeben: Der Fahrer kommt schnell an die Stelle und springt weit - da ist jeder Fehler schmerzhaft.

SPORT1: Wie geht es nun den anderen Läufern? Wie werden die am Samstag an den Start gehen?

Eckert: Sicher sehr unterschiedlich, von Typ zu Typ. Wenn man sich gut fühlt, glaubt man, dass man keine Fehler macht und dass einem so etwas nicht passiert. Ich denke, dass man auch nur mit so einer Einstellung Erfolg haben kann. Denn wenn man sich sagt, 'ich kann das nicht', dann würde man es gar nicht erst machen. Man darf gar nicht darüber nachdenken, sondern muss einfach machen.

SPORT1: Würden Sie sagen, dass man in Kitzbühel etwas verändern muss, um solche Stürze zu vermeiden?

Eckert: Dazu kann ich nichts sagen.

SPORT1: Bei der Abfahrt in Garmisch sind Sie als Rennleiter aktiv. Dort gibt es den Freien Fall - ist diese Stelle vergleichbar mit der Mausefalle?

Eckert: Der Kurssetzer kann in Garmisch das Tempo in der Anfahrt sehr gut kontrollieren. Der Auslauf und der Sturzraum sind beim Freien Fall sehr groß.

SPORT1: Verheerend für den DSV ist das WM-Aus von Stephan Keppler nach dessen Sturz in Wengen. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?

Eckert: Das Rennen habe ich mir angeschaut. Das waren sensationelle Bilder in Wengen. Aber der Ausfall für Stephan Keppler ist wirklich schlecht. Vor zwei Wochen habe ich ihn noch gesehen und mit ihm gesprochen. Er meinte, es läuft auf einmal. Wenn man da etwas Positives herausziehen muss, kann man sagen, zur Vorbereitung im August ist er wieder fit. Aber ein Sturz macht einen natürlich auch nicht besser.

SPORT1: Kann es sein, dass ihm der Vorfall einen Knacks versetzt, der ihn auch mental zurückwirft?

Eckert: Das glaube ich nicht. Wenn Stephan wieder fit ist und keine Beschwerden mehr hat, wird er relativ schnell wieder in Fahrt kommen und schnell sein.

SPORT1: Für die Heim-WM ist es allerdings nicht gut, wenn in der Herren-Abfahrt kein Deutscher dabei ist, der vorne mitfahren kann.

Eckert: Ganz klar: Deutschland ist skibegeistert, aber du möchtest dich auch immer mit jemandem identifizieren. Das ist für den Veranstalter vielleicht nicht so gut, aber letztlich geht es nur um ihn persönlich.

SPORT1: Sehen Sie Chancen, dass der DSV demnächst aus dem tiefen Tal in der Abfahrt herauskommen?

Eckert: Um dazu etwas sagen zu können, müsste ich mich im ganzen Nachwuchsbereich besser auskennen. Hier eine Aussage zu machen, wäre Rätselraten.

SPORT1: Können Sie sagen, woran es liegt, dass in der Vergangenheit zu wenig Nachwuchs nach oben kam?

Eckert: Das kann man nicht in zwei Sätzen beantworten. Es gibt schon Tendenzen, wenn man sieht wie dominant Österreich war und nun andere Nationen so stark kommen. Ich denke mir immer, dass relativ wenig Menschen in Deutschland Zugang haben, um regelmäßig Ski zu fahren. Da ist ja eigentlich nur das Alpenvorland - das ist ein ganz schmaler Gürtel.

SPORT1: Sie sind in Garmisch vor Ort. Wie ist denn dort die Stimmung wenige Wochen vor der WM - herrscht Vorfreude?

Eckert: Das fängt jetzt an, denn man sieht viele mit den WM-Jacken herumlaufen. Was man in den Gondeln mitbekommt, sind die Menschen positiv eingestellt. Viele, die sonst zum Skifahren da sind, sagen sich, 'jetzt arbeite ich mit'. Das ist sehr gut.

(Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die SPORT1 News)

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