Bei der WM 1987 in Crans Montana fahren die Schweizer mit den Österreichern Schlitten. Redakteur Wolfgang Kleine erinnert sich.

Man traute seinen Augen kaum: Ich saß am 31. Januar 1987 in Kastelruth (Südtirol) in einer Pension abends vor dem Fernseher und schaute ORF.

Was sah ich da zur besten Sendezeit nach 20 Uhr? Da standen mehrere Männer in einem Raum um ein paar alpine Ski herum, die auf einem Tisch lagen.

Die Lauffläche der Latten nach oben. Und dann wurde geredet, geredet und geredet. Der Moderator, ein Experte und Österreichs Cheftrainer Dieter Bartsch grübelten herum.

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Sie fassten die gewachste Lauffläche der Ski an, strichen über sie hinweg wie über einen Baby-Popo. Dann holte Bartsch zur Überraschung der Herumstehenden ein kleines Döschen aus der Tasche und verstreute weißes Pulver auf die Ski.

Wunderpulver, das aber offensichtlich nicht die österreichischen Rennstars auf den Latten hatten, sondern die Konkurrenz aus der Schweiz. Denn, was sich am Tag auf der Abfahrts-Strecke bei der WM in Crans-Montana getan hatte, stürzte die große Ski-Nation Österreich in tiefe Depression.

Der Chefcoach, die Experten, der Moderator, die Rennfahrer und die Fans waren ratlos. Alles fragte sich: Wie haben die Schweizer das nur gemacht? Ein Land, was nur zufrieden ist, wenn es nach Möglichkeit fünf Fahrer in der Königsdisziplin unter den besten Drei hat, musste eine Abfahrts-Demonstration der Eidgenossen mit ansehen.

Die ersten vier Plätze gingen an die Schweiz: Peter Müller vor Pirmin Zurbriggen, Karl Alpiger und Franz Heinzer. Bester Österreicher: Leonhard Stock auf Rang acht. Unfassbar! Die Schweizer fuhren wie auf Schienen rasend schnell in Richtung Ziel. Und das ausgerechnet unter der Anleitung des Österreichers Karl Frehsner.

"Das kann nur das Wunderpulver sein, was wir nicht haben", lamentierte ÖSV-Coach Dieter Bartsch vor laufender Kamera, als wenn ihm der Gang auf Schaffott drohte. Ratlose Gesichter bei den Umstehenden. Aber des Rätsels Lösung wurde nie gefunden.

Doch nicht nur das: Bei insgesamt zehn Entscheidungen triumphierten die Schweizer acht Mal. Nur Marc Girardelli (Luxemburg) in der Kombination und ein Deutscher durchbrachen diese unglaubliche Serie. Frank Wörndl gewann, als schon alles von den Schweizer Festspielen sprach, am letzten Tag den Slalom.

Er versalzte den Österreichern endgültig die Suppe. Wörndl siegte beim größten Erfolg seiner Laufbahn vor dem Österreicher Günther Mader und DSV-Kollege Armin Bittner. Felix Austria war so unglücklich wie selten zuvor.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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