1994 ereignet sich auf der berüchtigten WM-Strecke in Garmisch eine Katastrophe. Wolfgang Kleine erinnert sich.

Was wird derzeit über die Kandahar-Strecke bei der WM in Garmisch-Partenkirchen diskutiert. Sie ist zu eisig, zu steil, für Frauen-Rennen nicht geeignet. Die Streckenteile "Hölle", "Himmelreich", "Freier Fall" und "FIS-Schneise" haben schon immer für Diskussionen bei Stürzen und Triumphen gesorgt.

Aber irgendwie liegt über der Kandahar ein Fluch. Ich erinnere mich an die WM in Garmisch 1978. Damals gewann ein Österreicher namens Sepp Walcher die Abfahrt vor dem Deutschen Michael Veith und Werner Grissmann (Österreich).

Sepp Walcher wurde in seinem Heimatland gefeiert.

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Er genoss den Ruhm - aber nicht sehr lange. Es war fast auf den Tag genau sechs Jahre später, am 22. Januar 1984. Ich saß mit den Kollegen im Redaktionsraum und nahm die Agentur-Meldungen entgegen. Plötzlich die Eilnachricht: Sepp Walcher tot.

Was war da geschehen?

Mit 29 Jahren war der Skistar aus Schladming bei einer Benefiz-Volksabfahrt gestürzt und hatte einen Genickbruch erlitten. Walcher war auf der Stelle tot. Die Erinnerungen an seinen Triumph auf der Kandahar wurden wach.

Ja, diese Kandahar, birgt sie einen Fluch? Zehn Jahre nach dem Tod von Walcher wird die Skiwelt von einem weiteren Unglück erschüttert.

Ich sitze am Samstag, den 29. Januar 1994, zu Hause vor dem TV-Schirm und verfolge die Damen-Abfahrt auf der Kandahar in Garmisch.

Am Start ist Ulrike Maier. Die Österreicherin und einzige Mutter im Weltcup-Zirkus verliert die Kontrolle über die Ski, verdreht sich und stürzt mit den Kopf auf einen Zeitmess-Pfosten. Danach rutscht die 26-Jährige bewegungslos über die FIS-Schneise und bleibt liegen.

Sie rührt sich nicht mehr. Helfer stürmen herbei. Der Rennarzt macht einen Luftröhrenschnitt. Aber Ulrike Maier ist nicht mehr zu retten.

Die Österreicherin stirbt, wie nachher bekannt wurde, noch auf der Strecke.

Die fürchterliche Diagnose der Ärzte im Unfall-Krankenhaus Murnau: Durch massive Gewalteinwirkung kam es an der Verbindungsstelle zwischen Kopf und Wirbelsäule zum Abriss des Rückenmarks vom Stammhirn, was zu zentraler Lähmung und sofortigem Hirntod führte.

Ganz Österreich trauert nicht nur um eine Skirennläuferin, sondern auch um die Mutter der vierjährigen Tochter Melanie. War es der Fluch der Kandahar?

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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