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Deutsche Doppel-Olympiasieger: Maria Höfl-Riesch und Markus Wasmeier in Vancouver 2010 © getty

Bei SPORT1 spricht Markus Wasmeier über Aussetzer am ersten Tor, den Knacks im Damen-Team und den Schlüssel zum Legenden-Status.

Von Johanna Herdejost und Katharina Blum

München - Markus Wasmeier war schon dort, wo Felix Neureuther noch hinmöchte: Doppel-Olympiasieger, Weltmeister, Gewinner einer kleinen Kugel (Super-G-Weltcup).

Auf eine gemeinsame Erfahrung aber hätte der junge Partenkirchner sicherlich gerne verzichtet.

Keine drei Sekunden war Neureuther zuletzt im Finale von Bansko auf der Slalom-Piste unterwegs, da fädelte er gleich am ersten Tor ein.

Ein derartiges Alpin-Malheur war auch Wasmeier passiert, als der am ersten Super-G-Tor bei Olympia 1988 ausschied.

"Das war eine der bittersten Erfahrungen meines Sportler-Lebens", erinnerte "Wasi" einmal an sein Scheitern.

"Man kann sich nur selbst schlagen"

Heute sagt der 49-Jährige: "Ich habe aus dieser Situation gelernt, dass nicht andere einen schlagen, sondern dass man sich nur selbst schlagen kann."

Im Interview mit SPORT1 spricht die Ski-Legende aus Schliersee über Probleme mit der Linienform, den Knacks im Damen-Team und sein Hobby als Museumsbesitzer.

SPORT1: Herr Wasmeier, Sie haben es mit Ihrem Einfädler am ersten Super-G-Tor bei den Olympischen Spielen 1988 unter anderem in Galerien wie "Die größten Blackouts im Sport" geschafft. Können Sie heute darüber lachen?

Markus Wasmeier: Natürlich wäre es mir lieber gewesen, ich wäre auf einem Ski den Hang hinunter gefahren und hätte so Geschichte geschrieben. Das erste Tor zählt im Grunde genauso viel wie das letzte. Der einzige Unterschied: Man ist noch gar nicht richtig warm und denkt, man muss wie im Training nur kurz an den Start zurückgehen und es nochmal versuchen. Aber das ist Sport, solche Dinge passieren. Ich habe aus dieser Situation gelernt, dass nicht andere einen schlagen, sondern dass man sich nur selbst schlagen kann.

SPORT1: Felix Neureuther ereilte beim Slalom im Bansko ein vergleichbares Missgeschick. Wie kann so etwas passieren?

Wasmeier: Meistens ist es ein Fahrfehler mit der Linienform, die man sich ausgesucht hat, um möglichst viel Zeit zu gewinnen. Bei mir war es so, dass viele Fahrer vor mir Probleme hatten, ich wollte deshalb so schnell wie möglich umsetzen. Im Nachhinein hätte ich es zehn Zentimeter nach dem Tor machen sollen, aber bei einer Geschwindigkeit von 50 bis 60 km/h habe ich schlichtweg zu früh reagiert.

SPORT1: Neureuther hat sein Malheur sehr schnell verdaut und ist zwei Tage später in Moskau nur ganz knapp seinen dritten Weltcupsieg vorbeigeschrammt. Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Wasmeier: Beim Slalom passieren Einfädler natürlich schnell. Deshalb ist es umso wichtiger für Felix, sich jetzt wieder auf den Riesenslalom zu konzentrieren. Dann hat er zwei starke Disziplinen. Nach dem Markenwechsel, der insgesamt sehr positiv für ihn war, hat er den Riesenslalom etwas schleifen lassen, um sich ans neue Material für seine Hauptdisziplin zu gewöhnen. In Bansko hat man aber gesehen, dass Felix auch im Riesentorlauf in die Weltspitze fahren kann.

SPORT1: Geben Sie den aktuellen Skifahrern Tipps für ihre Karrieren?

Wasmeier: Konkrete Tipps gebe ich nicht. Aber wenn Felix oder auch Fritz Dopfer mit Fragen auf mich zukommen, können sie von meiner Erfahrung aus 20 Jahren im Skizirkus profitieren. Am Ende zählt die Psyche - und die hat sich von damals bis heute nicht geändert. Die Technik und die Dichte im Weltcup haben sich verändert, aber alle können Skifahren. Rennen werden deshalb im Kopf entschieden, da kann man einige Hilfestellungen geben.

SPORT1: Wie steht es aus Ihrer Sicht aktuell um den deutschen alpinen Skisport?

Wasmeier: Es gibt immer Schwankungen. Bei den Männern läuft es dieses Jahr positiv, wir haben eine junge Abfahrtsmannschaft, die sich immer mehr aufbaut. Der Verband ringt sich langsam durch, alle Startplätze im Weltcup auszunutzen. Wichtig ist, dass man über Jahre Erfahrung sammeln kann.

SPORT1: Und warum läuft es bei den Damen noch nicht so rund wie in den letzten Jahren?

Wasmeier: Dort hat es einen Knacks gegeben. Maria Höfl-Riesch ist nicht in der Form der letzten zwei Jahre (BERICHT: Höfl-Riesch jubelt bei Olympia-Premiere). Schade, dass Vicky Rebensburg etwas abgebaut hat und die Slalom-Mannschaft allgemein nicht mehr die Weltklasse-Mannschaft ist, wie letztes oder vorletztes Jahr. Ich sehe für die nächsten Jahre aber großes Potenzial. Lena Dürr zum Beispiel hat sich brutal entwickelt. In der Abfahrt selbst ist es ein kleines Team geworden, was man bei den Damen nicht gewohnt ist, momentan fährt Veronique Hronek aber richtig gut (DATENCENTER: Ski Alpin Ergebnisse).

SPORT1: Wird Ihnen bei den Männern in absehbarer Zeit jemand den Titel als "Deutschlands erfolgreichsten Skifahrer" streitig machen?

Wasmeier: Es wäre schön, wenn mich bald einer ablösen würde. Es geht aber nur, wenn einer die schnellen Disziplinen fährt. Abfahrt ist die Königsdisziplin, auch wenn Slalom und Riesenslalom schwere Disziplinen sind. Wenn man Abfahrt, Super-G und Riesenslalom beherrscht, kann man ein ganz Großer werden. Gott sei Dank waren das meine Disziplinen. Bei uns wird der Abfahrt viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

SPORT1: Wo liegt das Problem?

Wasmeier: Es ist eine Einstellungssache. Es geht darum, die Sportler in jungen Jahren langsam heranzutasten. Oft ist es bei uns so, dass junge Sportler erst mit 18 Jahren Abfahrt fahren. Andere Nationen haben uns dann schon vier Jahre Erfahrung voraus. Wenn man diese vier Jahre ohne Druck schnelle Disziplinen fahren lässt, dann ist auch die Gefahr für Verletzungen nicht so groß. Aber wenn man mit 18 Jahren auf die großen Strecken kommt, dann ist das ein Problem.

SPORT1: Wenn man Ihnen einen Job als DSV-Funktionär anbieten würde: Schlagen Sie ein oder bleiben Sie glücklicher Museumsbesitzer?

Wasmeier: Es heißt zwar: "Sag niemals nie", aber in diesem Falle ist der Zug für mich abgefahren, da zu viel andere Arbeit auf mich wartet. Das Museum ist ein Hobby, was mich sehr auslastet. Ich mache das mit genauso großer Leidenschaft, wie ich mich auch für den deutschen Skisport einsetze. Es ist natürlich ganz schwer, als Funktionär im Verband bestimmte Strukturen zu ändern, aber momentan ist das kein Thema für mich.

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