Neues Material: "Das ist ein Teufelskreis"
München - Anfang Oktober war Felix Neureuther noch richtig optimistisch.
Sicher, die Sache mit dem Bandscheibenvorfall sei "blöd" gewesen, berichtete er, "aber ich habe keine Probleme mehr damit. Das ist abgehakt."
Jetzt, einige Trainingseinheiten auf Ski später - und unmittelbar vor dem ersten Saisonrennen am Sonntag in Sölden (ab 9.30 Uhr im LIVE-TICKER) - plagen Neureuther "brutale Schmerzen, so heftig wie noch nie".
In Sölden wird er fehlen ( NEWS: Bandscheibenvorfall - Neureuther verpasst Saisonauftakt).
Der 28-Jährige hat einen schlimmen Verdacht: Schuld an seinen Problemen ist das neue Ski-Material. Mit etwas schmaleren und deutlich längeren Skiern sowie größeren Kurvenradien will der Welt-Skiverband FIS mit Beginn des Winters das Verletzungsrisiko minimieren.
"Langsamer, aber nicht sicherer"
Die Neuerungen, von denen die Disziplin Riesenslalom am stärksten betroffen ist, sind Ergebnis jahrelanger Beobachtungen im Weltcup und wissenschaftlicher Tests.
Doch bereits vor dem ersten Rennen unter veränderten Voraussetzungen steht für viele Athleten fest: Der Schuss ging nach hinten los.
"Bei den Herren haben sich im Frühjahr gleich mal fünf Jungs die Kreuzbänder gerissen mit den neuen Ski", erzählt Maria Höfl-Riesch.
Das neue Material mache "langsamer, sicherer wird es dadurch nicht".
Material verursacht Verletzungen?
Die größeren Radien sorgten zwar für eine Reduzierung des Tempos, "aber man muss jetzt mehr hindrücken".
Der Kraftaufwand steige, vor allem im Männer-Bereich, und dadurch auch der Druck auf Bänder und Gelenke.
"Das ist ein Teufelskreis", sagt Höfl-Riesch.
"Vielleicht", meint Neureuther deshalb, "liegt es am neuen Material", dass er wieder Rückenprobleme hat: "Man muss viel mit dem Oberkörper arbeiten, das geht auf den Körper."
Das Resultat bei ihm: Flüssigkeit in der Bandscheibe, Wettkampfpause für unbestimmte Zeit.
Das Gegenteil erreicht
Dabei hatte er vor einigen Wochen noch gemutmaßt, die Umstellung sei "gut für mich". Er sei schnell unterwegs, habe im Riesenslalom "`einen Schritt gemacht".
Doch schon damals berichtete Neureuther von Problemen mit den neuen Ski.
"Das ist, als würde ein Formel-1-Pilot auf Trockenreifen im Regen nach Grip suchen. Man kann nicht mehr so mit den Fliehkräften spielen", sagte er.
Das Schwungende müsse man "noch extremer fahren".
Also: Mehr Krafteinsatz, größere Kniewinkel - höheres Verletzungsrisiko. Für Neureuther steht fest, "dass sie das, was sie erreichen wollten, nicht erreicht haben".
"Es wird die Hölle"
Auch aus anderen Ländern kommen kritische Stimmen.
"Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Sicherheit nicht erhöht wird", sagt "Mister Riesenslalom" Ted Ligety.
Der Amerikaner gehörte bereits vor Monaten zu den lautesten Bedenkenträgern, monierte ein Skigefühl wie in den 80er Jahren und vor der Carving-Revolution.
"Für die jungen Fahrer", sagt er, "wird es vor allem bei weicher Piste die Hölle."
Österreicher reagieren positiv
Doch es gibt auch andere Stimmen.
Gesamtweltcup-Sieger Marcel Hirscher (Österreich), ein guter Kumpel Neureuthers, meint: "Es fühlt sich besser an, als ich am Anfang geglaubt habe."
Und dessen Teamkollege, Doppel-Olympiasieger Benjamin Raich, sagt sogar: "Ich habe jahrelang Änderungen gefordert und finde die Maßnahmen gut. Es wirken weniger Kräfte, das ist positiv für den Körper und sicherer."
Keinen Spaß mehr?
Auch der Kroate Ivica Kostelic hat "bisher die Erfahrung gemacht, dass der Ski jetzt mehr das tut, was ich möchte".
Das, betont Kostelic, sei jedoch nur "bei optimalen Bedingungen" der Fall. Wenn die Piste eisig ist.
"Wenn es weicher wird, kann es schon ein Gewürge werden", bestätigt Höfl-Riesch. Spaß, meint sie, macht es dann keinen mehr.
Der Spaß ist auch Neureuther vergangen.


