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Tobias Angerer sicherte sich 2005/06 und 2006/07 den Sieg in der Gesamtwertung des Skilanglaufweltcups © imago

Vor dem Weltcup-Auftakt spricht Tobias Angerer bei SPORT1 über die Saisonziele, den Anti-Doping-Kampf und Lance Armstrong.

Von Rainer Nachtwey

München - Er hat den Gesamtweltcup gewonnen, die Tour de Ski. Vier olympische Medaillen und sechs WM-Plaketten zieren seinen Trophäenschrank.

Für Tobias Angerer soll bei den Olympischen Spielen 2014 zum Abschluss seiner Karriere der große Höhepunkt kommen, doch trotzdem spielt Sotschi im anstehenden Winter nur eine untergeordnete Rolle.

Vor dem Weltcup-Auftakt in Gällivare (Sa, 12.30 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Angerer im SPORT1-Interview der Woche über die Saisonziele, die Vorbereitung auf Sotschi, den Sumpf um Lance Armstrong und den Anti-Doping-Kampf (DATENCENTER: Der Langlauf-Weltcup).

SPORT1: Herr Angerer, der Saisonstart steht bevor. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Vorbereitung?

Tobias Angerer: Im Sommer hatte ich ein paar Wehwehchen wegen eines Sturzes auf Skirollern. Danach hatte ich Probleme mit der Hüfte und dem Iliosakralgelenk. Das war sehr schmerzhaft und ich musste in ambulante Reha. Das haben wir aber recht schnell in den Griff bekommen.

SPORT1: Wie hat sich das auf Ihr Trainingsprogramm ausgewirkt?

Angerer: Ich habe vier Stunden am Tag normal trainiert, die zweite Trainingseinheit war dann Radfahren. Das war ein anderer Reiz, was vielleicht auch nicht schlecht war. Aber ich habe schnell mein Programm wieder aufnehmen können.

SPORT1: Der Höhepunkt ist ja die nordische Ski-WM in Val die Fiemme. Wie sehen Ihre Planungen für die Saison aus?

Angerer: Es geht erst einmal darum, gut in den Weltcup zu starten und sich für die WM zu qualifizieren. Die Tour de Ski ist auch ein großes Ziel. Da muss man natürlich schauen, wie es läuft, ob man die Tour dann auch beendet oder eben gerade im Hinblick auf die WM vorzeitig aussteigt.

SPORT1: Es heißt ja immer so schön "vorolympischer Winter". Probiert man da schon etwas aus in der Vorbereitung und in der Saison im Hinblick auf Sotschi 2014? Setzt man andere Reize?

Angerer: Wir setzen seit letztem Jahr auf das Höhentraining und gehen zweimal oder dreimal in der Vorbereitung in die Höhe. Gerade im Hinblick auf Sotschi, wo ja auch in 1500 Metern Höhe die Wettkämpfe stattfinden werden, wollen wir Rückschlüsse bekommen.

SPORT1: Und was sind die Rückschlüsse?

Angerer: Wir haben uns Notizen gemacht: Wann sind die guten Tage in der Höhe? Wie lange dauert es mit der Anpassung? Wann fühle ich mich gut? Das ist für jeden Athleten unterschiedlich. Deshalb ist es wichtig, da individuell ranzugehen. Und das machen wir jetzt, um gewappnet zu sein, wenn es nach Sotschi geht.

SPORT1: Wie sehen Ihre Ziele für die Saison aus?

Angerer: Wichtig ist für mich, dass ich den Weg mit eigenem Heimtrainer, den ich letztes Jahr eingeschlagen habe, fortsetze, dass ich Stabilität in den Ergebnissen bekomme, dass ich auf diese Stabilität aufbauen kann. Ich weiß auch - und da bin ich selbstkritisch genug -, dass letztes Jahr die absoluten Topergebnisse gefehlt haben. Ich war nur zweimal auf dem Podium. Nach meinem Anspruchsdenken muss da mehr gehen.

SPORT1: Was ist für dieses Anspruchsdenken erforderlich?

Angerer: Ich bin zwei Jahre gesund und verletzungsfrei geblieben und konnte bis auf das kleine Malheur mit der Verletzung alles machen. Das ist ein wichtiger Schlüssel, um dann bei so einem Highlight wie WM oder Olympia in Topform zu sein.

SPORT1: Vor einem Monat wurden Lance Armstrong die Tour-Titel aberkannt. Wie nehmen Sie als Leistungssportler so etwas auf?

Angerer: Das ist schon brutal, was da passiert ist. Es ist wichtig, dass alles aufgedeckt wurde, man sieht jetzt erst einmal, was das für ein Sumpf über die vielen, vielen Jahre war. Und dass das jetzt erst auftaucht, weil sich die Leute trauen, gegen ihn auszusagen. Ich weiß aber nicht, ob das jetzt einen Neuanfang im Radsport gibt, weil du einen Neuanfang nur mit ganz neuen Gesichtern bekommst. Da müssten jetzt alle mit einer Dopingvergangenheit raus, ob technischer Leiter oder sonst wer. Aber es ist wichtig, dass aufgeräumt wurde. Und für mich ist es schon sehr enttäuschend zu sehen, auf was diese Leistung aufgebaut war.

SPORT1: Der Blick geht dann recht schnell auf andere Ausdauersportarten wie zum Beispiel den Langlauf.

Angerer: Der Langlauf hatte seinen großen Skandal 2001/2002 mit Johann Mühlegg, den Finnen und den Russinnen bei Olympia in Salt Lake. Wir haben sehr viele Kontrollen, es wird sehr viel getan für einen sauberen Sport, aber du wirst immer schwarze Schafe haben - in jeder Sportart.

SPORT1: Kann sich der Radsport etwas vom Langlauf abschauen?

Angerer: Ich bin dagegen, dass man sagt, man muss sich jetzt von der Sportart oder der etwas abschauen. Allgemein, ob das im Biathlon, im Langlauf oder den anderen Wintersportarten ist, hat die FIS einen guten und konsequenten Weg eingeschlagen. Der Radsport hat mit Sicherheit auch daraus gelernt. Eine Sportart, die den Kampf gegen Doping will, muss das auch zeigen. Das ist im Wintersport vielleicht besser als in manch anderen Sportarten.

SPORT1: Zum Anti-Doping-Kampf gehört das Meldesystem ADAMS. Sie müssen weiterhin tagtäglich ihre Aufenthaltsorte eingeben.

Angerer: Ja, ich muss mich darüber abmelden. Ich muss von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends zur Verfügung stehen. Und es gibt diese eine Stunde, wo ich definitiv an dem einen Ort sein muss.

SPORT1: Und wenn man jetzt einmal was beim Einkaufen vergessen hat und noch mal schnell weggeht?

Angerer: Es kommt natürlich drauf an, wie lange man weg ist. Dafür gibt es diese eine Stunde. Man kann in der anderen Zeit genauso kontrolliert werden, aber in dieser einen Stunde musst du definitiv an dem Ort sein. Ich gebe da immer einen Zeitpunkt an, zu dem ich dann auch sicher anzutreffen bin. Im Endeffekt bis du gläsern und musst alles angeben, wo du dich aufhältst.

SPORT1: Zu Beginn gab es viele Beschwerden über ADAMS.

Angerer: Mittlerweile hat doch jeder einen Computer und ist im Internet. Da ist es doch kein Problem, so ein paar Daten einzugeben. Es gehört dazu und ist auch wichtig, wenn man im Kampf gegen Doping etwas erreichen will. Anders wird es nicht funktionieren.