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Martin Schmitt gewann 2002 in Salt Lake City Olympisches Gold im Team © getty

Der völlig außer Form springende DSV-Adler erklärt, jahrelanges Abnehmen sei der Grund für sein Erschöpfungssyndrom.

München - Ausgehungert, abgemagert, völlig entkräftet: Der einstige Überflieger Martin Schmitt liegt gut vier Wochen vor den Olympischen Spielen körperlich am Boden.

Der in der Skispringerszene weitverbreitete Magerwahn und jahrelange Mangelernährung haben den 31-Jährigen über die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit geführt - und krank gemacht.

"Dass ich jetzt nicht voll leistungsfähig bin, liegt auch daran, dass ich mich seit Jahren in einem Grenzbereich bei meinem Gewicht bewege", sagte Schmitt der "Bild".

Als Athlet sei man zu einer Gratwanderung gezwungen, "wenn man keinen Nachteil beim Springen haben will", sagte Schmitt, der wegen eines "schleichenden Erschöpfungssyndroms" derzeit pausiert.

Schmitt fordert Umdenken

Während Bundestrainer Werner Schuster noch immer auf den Star setzt und auf dessen Rückkehr in den Weltcup zum Monatsende hofft, forderte Schmitt selbst die Szene zum Umdenken auf: Rauf mit dem Gewicht!

"Um mich wohl zu fühlen, müsste ich vier Kilo mehr wiegen, so wie im Sommer. Das wäre ein Gewicht, bei dem ich auch gut trainieren kann, ohne mich jedes Mal gleich schlapp zu fühlen", sagte Schmitt.

Die unterste im Wettkampf erlaubte Grenze für den Body-Mass-Index (BMI), der das Verhältnis zwischen Größe und Gewicht angibt, müsste deshalb erhöht werden, forderte Schmitt. (DATENCENTER: Der Skisprung-Weltcup)

Auch Schuster hat Bedenken

Mit Sprung-Kleidung ist bisher ein Wert von 20 erlaubt, den der internationale Skiverband FIS für den kommenden Winter auf 20,5 anheben will. Schmitt wünscht sich einen Wert von 21: "Dann sind wir Skispringer immer noch richtig schlank."

Auch Schuster gab unlängst zu bedenken, dass der aktuelle BMI für 80 Prozent der Skispringer nur sehr schwer zu erreichen sei: "Die müssen einen Wahnsinnsaufwand treiben, bis sie dort hinkommen, runterkommen."

Wohin das führen kann, beschrieb jetzt Schmitt. "Ich war schon die ganze Saison müde und schlapp. Selbst Testsprünge vor einem Wettkampf auf die Arme meines Trainers machten mir Probleme."

"Große Schlafprobleme"

Und weiter: "Das Training vor Wettkämpfen auf der Schanze machte mir zu schaffen: Ich hätte eigentlich meine ganze Energie für den Wettkampf aufsparen müssen".

Schmitt hatte bei der Vierschanzentournee, die er auf dem für ihn enttäuschenden 21. Platz beendete, laut eigener Aussage "große Schlafprobleme" und ernährte sich bisweilen von gerade mal 1300 Kilokalorien am Tag.

Sein finnischer Konkurrent Janne Ahonen wartete bei der Tournee mit der Horrorgeschichte einer 200-Kalorien-Diät auf, mit der sich der fünfmalige Tourneesieger nach einjähriger Wettkampfpause wieder "fit" für die Schanzen dieser Welt gemacht haben will.

Top-Springer nicht betroffen

Schmitt wiegt bei einer Größe von 1,82 derzeit angeblich 63 kg. Dieses Wettkampfgewicht erlaubt ihm, die maximale Skilänge - erlaubt sind 146 Prozent der Körpergröße - zu springen, und ermöglicht damit größere Weiten.

Deshalb führt für ihn am Magerwahn kein Weg vorbei. "Wenn ich dieses Gewicht nicht habe, dann springe ich nicht so weit. Wenn ich beispielsweise zwei, drei Kilo mehr wiegen würde, verliere ich fünf bis sechs Meter an Weite", sagte Schmitt.

Vom Kampf gegen die Kilos sind indes nicht alle Skispringer in gleichem Maße betroffen. Die beiden derzeit im Weltcup dominierenden Athleten, der Österreicher Gregor Schlierenzauer und Simon Ammann aus der Schweiz, bringen von Natur aus optimale Voraussetzungen mit.

Neuaufbau in Hinterzarten

Bei Schmitt, aber auch bei den meisten anderen deutschen Springern, ist das anders. "Ich denke, es würde uns allen guttun, wenn wir ein bisschen schwerer sein könnten", sagte Schmitt dazu kürzlich.

Der Schwarzwälder versucht derzeit in Hinterzarten unter seinem Heimtrainer Rolf Schilli einen Neuaufbau. Schuster braucht Schmitt, um die Chance auf die bei Olympia erhoffte Team-Medaille zu wahren.

Der Chefcoach plant mit ihm bei der Team-Tour vom 29. Januar bis 7. Februar in Oberstdorf, Klingenthal und Willingen, obwohl Schuster Schmitts Situation noch am Montag als "unbefriedigend" bezeichnete.

Teamarzt hat Zweifel

Teamarzt Mark Dorfmüller hat da aber so seine Zweifel: "Martin wieder hinzubringen, wird schwierig, er ist übertrainiert."

Schmitts ehemaliger Teamkollege Sven Hannawald sagte im "BR":

"Wir sollten Martin die Ruhe geben, die er braucht. Richtung Olympiade kann er es vielleicht wieder schaffen, das ist Motivation hoch 17."

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