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In Salt Lake City holte Martin Schmitt 2002 mit dem Team die Goldmedaille © imago

Ausrüster-Zoff und eine Rückzugs-Drohung versetzen die Skisprungszene in Aufregung. Die Erwartungen der Deutschen sind gering.

Von Andreas Kloo und Martin Hoffmann

München/Ingolstadt - Kurz vor dem Auftakt der Skisprung-Saison erschüttert ein Ausrüster-Streit die Sportart.

Der Weltverband FIS hat einen Tag vor dem Saisonbeginn im finnischen Kuusamo (Sa., ab 15 Uhr im LIVE-TICKER) die Ski, die von drei deutschen Skispringern getragen werden sollten, aus dem Verkehr gezogen.

Als Konsequenz droht der Ausrüster, der die meisten Athleten versorgt, mit Rückzug.

Streitpunkt sind die in einer Kooperation zwischem dem Skihersteller Fischer und der Sportartikelkette "Sport 2000" hergestellten Ski. Die seien laut FIS nicht regelkonform, da nur Firmen anerkannt werden, die ihre Ski selbst herstellen.

"Aktivitäten überdenken"

Die DSV-Adler Michael Neumayer, Severin Freund und Pascal Bodmer wollten diese neuen Ski nutzen.

"Das beunruhigt uns nicht. Wir haben im Training ohnehin beide Modelle genutzt, sodass uns das Verbot nicht beeinflussen wird", meinte Bundestrainer Werner Schuster gelassen.

Die Firma Fischer reagiert alles andere als das: "Bei diesem Projekt werden alle aktuell gültigen Regulative der FIS eingehalten", hieß es in einer Mitteilung: "Fischer wird mit Nachdruck versuchen, sein Engagement im Sprunglauf auf eine breitere Basis zu stellen. Sollte das nicht gelingen, sieht sich Fischer gezwungen, seine Aktivitäten in dieser Disziplin zu überdenken."

Die Firma, die nach eigenen Angaben 90 Prozent der Skispringer ausrüstet, wittert Willkür der Funktionäre. Sie verweist auf einen ähnlichen Fall um die Ski einer anderen Marke, deren Produzent von der FIS eigenständiger Produzent anerkannt worden wäre - was Fischer "sehr zweifelhaft" findet.

Gewachsenes Interesse

Ein Streit mit Folgen, die noch unabsehbar sind - und die ungelegen kommen in einer Zeit, in der hierzulande das Interesse an der Sportart wieder wächst.

"Die Nachfrage ist insgesamt bei weitem höher als in den Vorjahren. Und da war sie schon sehr gut", hat Alfons Schranz, Chef der Vierschanzentournee eben erst erklärt.

Das Interesse nimmt wieder zu, obwohl fraglich ist, ob die deutschen Skispringer den wieder steigenden Erwartungen nachkommen können.

Oder gar wollen.

Druck von außen perlt ab

"Ich nehme mir die Freiheit, mich mit dem Druck von außen nicht zu befassen. In erster Linie will ich mit mir selbst zufrieden sein", sagt Ex-Weltmeister Martin Schmitt vor dem Start in die Weltcup-Saison im finnischen Kuusamo.

Die Karriere des 32-Jährigen neigt sich langsam dem Ende zu. Er sieht alles etwas entspannter. Große Ziele für diesen Winter setzt sich Schmitt nicht mehr.

"Vom Träumen alleine springt man nicht besser. Toller Erfolg bei der WM oder bei der Vierschanzentournee, schön und gut, aber man muss erst einmal in Form kommen und gut springen", beantwortet der Furtwanger die Frage von SPORT1 nach den Saisonzielen.

"Ich setze mich weniger mit dem Ziel als solchen auseinander als vielmehr mit dem Weg, wie ich dorthin komme", erklärt er.

Konzentration auf Kraft und Bindung

Schmitt will sich noch einmal voll auf die Details seiner Sportart konzentrieren: "Viel wichtiger ist für mich, dass ich möglichst alles aus mir raushole und versuche, alle Bereiche zu optimieren."

Deshalb arbeitet er seit dieser Saison mit dem österreichischen Trainingswissenschaftler Harald Pernitsch zusammen, der seine Kraftwerte verbessern soll.

Auch am Bindungssystem hat Schmitt viel getüftelt, um den Spuren Simon Ammanns zu folgen.

Der Schweizer hatte mit seiner Wunderbindung, die ihm in Vancouver zwei olympische Goldmedaillen einbrachte, eine kleine Skisprung-Revolution ausgelöst.

Uhrmann denkt an Rücktritt

Neben Schmitt befindet sich mit Michael Uhrmann ein weiterer DSV-Adler im Herbst seiner Karriere. "Kann sein, dass es meine letzte Saison ist", verrät der 32-Jährige dem "kicker".

Immerhin hegt er im Gegensatz zu Schmitt noch Träume von konkreten Erfolgen. "Im Teamspringen standen wir im vergangenen Winter jedes Mal auf dem Podium, bis auf ein Skifliegen in Oberstdorf. Das ist schön zu erleben. Ich liebe das immer noch", gibt der Mannschafts-Olympiasieger von 2002 Einblick in seine Gefühlswelt.

Größter Team-Erfolg war in der letzten Saison die Silbermedaille in Vancouver. Am Samstag können die DSV-Springer gleich wieder an diesen Erfolg anknüpfen. Denn die Saison beginnt in Kuusamo passenderweise mit einem Teamspringen.

Mechler ersetzt Wank

Einer aus dem olympischen Erfolgsquartett wird dann allerdings fehlen. Der Oberstdorfer Andreas Wank kam in der Saisonvorbereitung nich an die Leistungen der letzten Saison heran und wurde von Bundestrainer Werner Schuster nicht nominiert.

Für ihn rückte Maximiliam Mechler nach. Der 26-Jährige galt vor Jahren einst als größtes deutsches Skisprung-Talent, kam aber mit dem Druck nicht zurecht.

Seine Lebensweise genügte nicht immer professionellen Ansprüchen.

Schließlich schob ihn der DSV in den B-Kader ab. Durch starke Leistungen im Sommer kämpfte er sich ins Team zurück.

Bodmer abgestürzt

Die Personalien Wank und Mechler zeigen aber auch, dass der deutsche Skisprung noch nicht darauf vorbereitet ist, dass die "alten Hasen" Schmitt, Uhrmann und Neumayer die Ski an den Nagel hängen.

Der nachfolgenden Generation fehlt die Konstanz. Der 19-jährige Pascal Bodmer ließ zu Beginn des vergangenen Winters mit Podestplätzen aufhorchen.

"Das war ein Raketenstart, aber leider kam danach nicht mehr viel", blickt Cheftrainer Schuster missmutig zurück.

Die DSV-Adler hängen also - was die Zukunftsperspektiven angeht in der Luft - und drohen in ein Loch abzustürzen.

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