vergrößernverkleinern
Bei Larintos Sturz in Garmisch löste sich der Ski nicht vom Fuß. Die Folge: Kreuzbandriss © imago

Die neue Bindung sorgt für Zündstoff: Trainer und Experten sorgen sich um die Gesundheit der Sportler. Manche fürchten einen Magerwahn.

Bischofshofen - Jens Weißflog sieht "dringenden Handlungsbedarf", Dieter Thoma fordert eine Umkehr.

Das neue Bindungssystem, mit dem der Schweizer Simon Ammann das Skispringen revolutionierte, ist bei den Weitenjägern noch immer ein großes Thema.(Gesamtwertung der Vierschanzen-Tournee)

Bei den Diskussionen steht jedoch nicht mehr der Weitengewinn im Mittelpunkt.

Trainer und Experten sorgen sich vielmehr um die Gesundheit der Athleten.

Mancher fürchtet gar einen neuen Magerwahn.

Body-Mass-Index vor der Saison erhöht

Der Internationale Skiverband FIS will keine "Papierflieger" mehr und hat den BMI vor der Saison eigens um 0,5 auf 20,5 erhöht.

Bei einer Körpergröße von 180 Zentimeter muss ein Springer mit Helm, Anzug und Schuhen mindestens 66,5 Kilogramm wiegen, um die maximale Skilänge (143 Prozent des Gewichts) springen zu dürfen. (Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die SPORT1 News)

Doch die neue Bindung führt die gute Absicht ad absurdum.

"Das Problem ist, dass die Ski zu wenig verkürzt werden, wenn man unter der Grenze liegt", erklärt Weißflog. Durch die neue Bindung könne man trotz kürzerer Ski weit fliegen. "Die BMI-Regel greift nicht."

"Der Athlet springt trotz kürzerer Ski weiter"

Alexander Pointner, Cheftrainer der Österreicher, sagt, mit Hilfe der neuen Bindung werde die Regel umgangen: "Der Springer nimmt einfach mehr ab - und springt trotz kürzerer Ski weiter."

Auch der frühere Bundestrainer Wolfgang Steiert warnt vor einem Magerwahn: "Es ist gut möglich, dass da manche mit einem BMI von 16 herumrennen."

Erwachsene gelten schon bei einem Body-Mass-Index (BMI), Gewicht geteilt durch Größe im Quadrat, von unter 17,5 als magersüchtig.

Ammann: Mit neuer Bindung zu Olympia-Gold

Bei der im Weltcup erstmals von Ammann eingesetzten neue Bindung ist der Ski mit einem Stab anstelle des früheren Sicherungsbandes mit dem Schuh verbunden.

Ammann flog mit einem gekrümmten Stab in Vancouver zu zwei Goldmedaillen, weil ihm die Biegung erlaubte, seine Ski flacher in die Luft zu stellen und so mehr Tragfläche bot.

Mittlerweile springen fast alle Athleten mit Stab - allerdings nicht alle mit einem gekrümmten. Denn der ist auch sehr schwierig zu springen.

Höhere Verletzungsgefahr durch neue Bindung

"Es ist wie in der Formel 1. Wenn man am Limit in eine Kurve fährt, fliegt man leichter ab", sagt Bundestrainer Werner Schuster.

Viele Springer gehen mit den Stäbchen höheres Risiko. "Fersenfreiheit, Reibungskräfte, Andrehverhalten - alles ist extrem sensibel", sagt Schuster. Man müsse mit ganz neuen Kräften und Drehmomenten umgehen können.

Einige seiner Athleten springen deshalb nicht mehr die extremste Form der neuen Bindung.

Auch Gregor Schlierenzauer hat sich zu einer Rückkehr zu einem älteren Modell entschlossen, die Verletzungsgefahr war ihm zu groß.

Skispringer verzichten auf Auslöse-Mechanismus

Die, das gibt sogar FIS-Renndirektor Walter Hofer zu, besteht vor allem beim Aufsprung. "Das Fliegen als solches ist sicherer geworden, aber mit diesem Setup besteht eine extreme Sturzgefahr", sagt er.

Und wenn die Springer stürzen, wie der Finne Ville Larinto in Partenkirchen, löst immer häufiger der Ski nicht aus - weil die Adler auf einen entsprechenden Mechanismus verzichten, um Gewicht zu sparen.

Verletzungen sind die Folge.

"Die FIS wird erst etwas tun, wenn etwas Schreckliches passiert"

Richtig gefährlich könnte es am Wochenende beim Skifliegen in Harrachov werden. "Da müssen wir mit diesem sensiblen System aufpassen", sagt Schuster.

Eingreifen will der Weltverband nicht. "Die FIS wird erst etwas tun, wenn etwas Schreckliches passiert", fürchtet Gerhard Hofer. Er baute Ammanns Bindung.

Der frühere Tournee-Sieger Dieter Thoma fordert die Einführung der alten Bindungen mit Sicherheitsband, sein einstiger Kollege Weißflog schlägt vor, "die Ski schmaler zu machen oder die Luftdurchlässigkeit der Anzüge zu erhöhen".

Auch Schuster sagt: "Wir sind im Grenzbereich und dürfen nicht überziehen."

Die Gewichtsproblematik sieht er indes nicht. Tournee-Leader Thomas Morgenstern mache es vor: Athletik schlägt (Unter-)Gewicht. (DATENCENTER: Die Vierschanzen-Tournee)

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel