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Severin Freund landete bei der Vierschanzen-Tournee 2010/2011 auf Platz 12 © getty

Freund spricht über den Sapporo-Sieg, die Erwartungslast, das, was Schmitt und Co. ihm mitgeben, und sein Unwohlsein ohne Wikipedia.

Von Martin Hoffmann

München - Deutschland hat einen neuen Vorzeigespringer: Severin Freund. Seit drei Jahren springt der 22-Jährige im Weltcup mit, in dieser Saison gelang ihm der Durchbruch.

Er springt konstant unter die besten 15, liegt im Gesamtweltcup auf Rang acht und feierte in Sapporo seinen ersten Weltcupsieg. Es war der erste deutsche Sieg seit vier Jahren.

Im SPORT1-Interview spricht der 22-jährige Bayer über seinen ersten Weltcup-Sieg, die öffentliche Erwartungshaltung und die neue "Wunderbindung". Außerdem erklärt er, warum er sich ohne Wikipedia unwohl fühlt.

SPORT1: Herr Freund, sind Sie überhaupt dazu gekommen, Ihren überraschenden Sieg in Sapporo zu feiern?

Severin Freund: Relativ wenig, weil ich nach dem Wettkampf und der Siegerehrung dann doch ziemlich spät im Hotel angekommen bin. Wir haben uns aber im Zimmer zusammengesetzt und im Kreis der Mannschaft mit einem Bier auf den Erfolg angestoßen.

SPORT1: Wie ordnen Sie Ihren überraschenden Sieg in Sapporo ein?

Freund: Einen Weltcup zu gewinnen ist meiner Meinung nach nahezu immer gleich schwer. Und da die besten vier Skispringer im Gesamtweltcup anwesend waren, ist der Sieg für mich natürlich ein Riesenerfolg. Ich wusste auch schon vorher, dass mehr Potential in meinen Sprüngen liegt, als ich es bis dahin zeigen konnte. Es muss eben alles aufgehen. Allerdings ist für mich auch in Zukunft ein Top-Ten-Ergebnis ein Erfolg.Um sich dort zu platzieren, brauche ich gute Sprünge. Und um das geht es mir: Sprünge auf hohem Niveau zeigen zu können!

SPORT1: Welche Ziele haben Sie sich für diesen Weltcup-Winter noch gesteckt? Und welche langfristig?

Freund: Meine Ziele haben sich seit dem Beginn der Saison nicht verändert: Mein langfristiges Ziel war immer eine konstante Entwicklung nach oben zu schaffen und da bin ich sicherlich auf einem guten Weg. Und die WM in Oslo, an einem der traditionsreichsten Orte für Skispringen überhaupt, wird sicherlich ein besonderes Erlebnis. Wenn ich dort in den Wettkämpfen gute Sprünge zeigen kann, bin ich sehr zufrieden.

SPORT1: Sie waren in der Saisonvorbereitung der "Testpilot" der neuen Stabbindung - als "Wunderbindung" bekannt geworden. Inwiefern haben Sie davon profitiert?

Freund: Ich habe sicherlich davon profitiert, weil ich mich so über einen längeren Zeitraum an die Eigenheiten gewöhnen konnte. Allerdings bin ich auch schon vor dem Umstieg auf die neue Bindung richtig gut Ski gesprungen.

SPORT1: Fürchten Sie, dass Sie Probleme bekommen, wenn andere den Erfahrungsvorsprung aufholen?

Freund: Meine Entwicklung ausschließlich an der Bindung festzumachen, würde meinen Leistungen nicht gerecht. Deswegen mache ich mir auch keine Gedanken darüber wenn andere ebenfalls mehr Erfahrung mit der Bindung sammeln. Ich möchte mich ja auch kontinuierlich weiterentwickeln.

SPORT1: Den vergangenen Weltcup hatten Sie als 42. abgeschlossen. Wie erklären Sie sich den großen Entwicklungssprung?

Freund: Wie schon öfter gesagt, habe ich im Sommer besser angefangen, als ich im Winter davor aufgehört habe. Woran das genau gelegen hat, lässt sich sicher nicht auf Einzelfaktoren zurückführen. Ich habe über den ganzen Sommer ohne große Probleme gut trainieren können und dabei sind mir viele gute Sprünge gelungen. Gute Sprünge geben immer Sicherheit und wenn eine Sache mal ins Rollen kommt, kann es natürlich auch mal schneller gehen.

SPORT1: Fürchten Sie die öffentliche Erwartungslast, die sich aus dem Erfolg in Sapporo ergibt? Wie wollen Sie mit ihr umgehen?

Freund: Sicherlich steht Skispringen nach wie vor sehr im öffentlichen Interesse und darüber bin ich, und ich glaube auch alle Springer, sehr froh. Wenn sich jetzt niemand dafür interessieren würde, dass ich in Sapporo gewonnen habe, wäre die Situation deutlich schlechter.

Und ob ich mit meiner Leistung zufrieden bin, wird sicher nie von den Erwartungen anderer abhängen, sondern davon welche Ziele ich mir selbst stecke.

SPORT1: Die Erwartungen der Öffentlichkeit beruhen auf den goldenen Zeiten mit Leuten wie Weißflog und Thoma, Schmitt und Hannawald. Finden Sie das fair?

Freund: Wenn eine Nation einmal so erfolgreich war wie Deutschland zu dieser Zeit, dann werden die Leistungen eben noch lange danach daran gemessen. Das wäre in Österreich, wenn es dort mal wieder schlechter laufen würde, sicher auch nicht anders. Und ob man das als Sportler fair findet oder nicht, ist meiner Meinung nach auch unwichtig. Es würde ja jeder im Team gerne wieder an die Ergebnisse von damals anschließen, dafür trainieren wir schließlich.

SPORT1: Martin Schmitt ist eine umstrittene Figur. Viele fragen sich, warum er noch springt, beim DSV wird der Wert seiner Erfahrung betont. Inwiefern profitieren Sie aus Ihrer Sicht von der Zusammenarbeit mit Schmitt?

Freund: Ich und jeder jüngere Springer profitiert ganz sicher davon, wenn Leute in der Mannschaft sind, die schon Großes erreicht und über eine Menge Erfahrung verfügen. Namen sind dabei eher unwichtig. Es ist die Erfahrung, die in vielen Situationen dazu beitragen kann, dass in der ganzen Mannschaft etwas voran geht.

SPORT1: Bei der Vierschanzentournee waren Ihre Leistungen schwankend, nach Innsbruck sagte Werner Schuster, Sie hätten das Podest erreichen können, wären dem aber "nervlich" nicht gewachsen gewesen. Wie versuchen Sie, so etwas künftig zu vermeiden?

Freund: Ich bin sicher jemand, der dazu neigt, ab und zu etwas zu "verkopfen" und dann zu viele Dinge auf einmal im Sprung verbessern zu wollen. Aber es ist gut, das zu wissen und daher werde ich in Zukunft genauso vorgehen wie bisher. Nämlich im richtigen Moment die Kontrolle durch den Kopf abgeben, um die Automatismen, die sowieso da sind, wirken lassen zu können.

SPORT1: Sie beschreiben sich selbst als "nicht so extrovertiert". Was ist denn aber das Ungewöhnlichste an Ihnen?

Freund: Schwierig. Das ist wohl eher eine Frage, die man meinen Teamkollegen stellen sollte. Was ich schon gerne mache, ist, den Dingen auf den Grund zu gehen. Wenn ich etwas nicht weiß und dann dazu nicht mal auf Wikipedia und Co. recherchieren kann, um es herauszufinden, dann fühle ich mich nicht wirklich wohl.

(Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die SPORT1 News)

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