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Werner Schuster (l.) belegte in seiner Zeit als Aktiver einen zweiten Platz in Sapporo 1987 © getty

Bei SPORT1 spricht Werner Schuster über Severin Freunds Aufstieg und die neue Rolle von Oldie Martin Schmitt.

Von Rainer Nachtwey

München - Drei Jahre ist Werner Schuster nun schon beim DSV als Cheftrainer der Skispringer verantwortlich.

Nach der überraschenden und etwas glücklichen Silbermedaille Martin Schmitts bei der Nordischen Ski-WM 2009 in Liberec, ist Schuster mit der Entwicklung von Severin Freund zum Siegspringer sein Meisterstück gelungen.

"Als ich angefangen habe, hatte er Schwierigkeiten sich im Weltcup-Team zu etablieren", erinnert sich der Österreicher bei SPORT1.

Im Interview der Woche spricht Schuster vor dem Auftakt in Kuusamo am Samstag (ab 15 Uhr im LIVE-TICKER) über Freunds Vorbildfunktion, die Rolle von Martin Schmitt und die Überflieger aus Österreich. (DATENCENTER: Ergebnisse Skispringen)

SPORT1: Herr Schuster, Michael Uhrmann ist nach der letzten Saison zurückgetreten. Wie sehr hat dieser Schritt das Team verändert?

Werner Schuster: Michael war ein Jahrzehnt Leistungsträger der Mannschaft und hat speziell auch in der letzten Saison Top-Ergebnisse erzielt. Sein Rücktritt verändert Einiges. Wir sind jetzt in einer sehr interessanten Phase, in der auch junge Springer wie Severin Freund Verantwortung übernehmen können. Gleichzeitig haben wir noch zwei "alte" Leistungsträger mit Martin Schmitt und Michael Neumayer. Aber das ist der Lauf der Zeit. Wenn einer geht, dann wird Platz für einen jungen Sportler. Richard Freitag hat seinen Platz hier gut eingenommen. Er konnte im Sommer an seine Leistungen der letzten Saison sehr gut anschließen.

SPORT1: Severin Freund hat letzte Saison zwei Weltcupspringen gewonnen, war bester Deutscher im Gesamtweltcup. Hat er jetzt die Führungsrolle übernommen?

Schuster: Führungsrolle ist immer eine Frage der Interpretation und wie Einstellung und Zugang zu ihr sind. Severin ist ja nicht wie Phönix aus der Asche gekommen, er war schon im Team als ich vor drei Jahren angefangen habe. Da hatte er Schwierigkeiten sich im Weltcup-Team zu etablieren. Ihn zeichnet eine Beharrlichkeit und Konsequenz aus, die Spitzensportler wirklich brauchen. Durch seinen Leistungssprung im letzten Jahr, ist er Vorbild für viele andere, die eben auch genau dieses Problem haben.

SPORT1: Was bedeutet seine Rolle für ihn und das Team?

Schuster: Bei Severin ist es nicht wie bei den Überflieger-Talenten. Die marschieren durch, die schauen nicht nach links und rechts. Severin ist einer, der sich seine Geschicke selbst erarbeitet, deswegen ist er aber auch stabiler. Er ist keiner, der eine Führungsrolle fordert, er ist ein sehr ruhiger Typ. Aber vom sportlichen Maßstab kann man es so interpretieren, dass er eine Führungsrolle inne hat. Wichtig ist, dass im Team eine Dynamik herrscht. Richard Freitag hat leistungsmäßig weiter aufgeschlossen, das hat auch Severin sehr geholfen. Es ist gut, wenn Severin die ganze Last des Winters nicht alleine tragen muss.

SPORT1: Welche Entwicklung erwarten sie noch von Severin Freund?

Schuster: Das zweite Jahr ist nicht leichter. Letztes Jahr wurde ein 15. Platz noch als Erfolg gefeiert, bis zu seinem Sieg. Jetzt liegt die Latte natürlich höher. Gleichzeitig verfügt er aber auch über die Gewissheit, dass er es kann. Wenn er sein Paket schnürt, kann er einer der besten, an speziellen Tagen sogar der beste Springer der Welt sein.

SPORT1: Was braucht er, um der beste Springer zu werden?

Schuster: Es ist wichtig, dass er gut startet und sich gleich in diesem erlesenen Kreis präsentiert. Aber er braucht natürlich Unterstützung. Mir wäre wohler, wenn wir fünf Junge hätten. Gut ist, dass Richard Freitag im Training schon aufgeschlossen hat. Für uns wäre es optimal, wenn beide gut in den Winter starten. Und dann hoffe ich noch auf die Unterstützung der Arrivierten.

SPORT1: Martin Schmitt ist angeschlagen.

Schuster: Für Martin wird es nicht leichter. Er hat im April, Mai, Juni ganz gut trainiert, aber dann kamen die Knieprobleme. Das hat an seiner Substanz gezehrt. Auch mental. Wenn du bei jedem Sprung die Schmerzen spürst, dann leidet die Qualität. Jetzt hat er noch keine herausragenden Leistungen geboten, aber er hat in den letzten Jahren gezeigt, wenn es in die Schneespur geht, kann er sich noch mal steigern. Aber er muss jetzt seine Sprünge stabilisieren. Wenn Martin das gelingt, sollte er Anfang Dezember in Lillehammer in den Weltcup einsteigen können.

SPORT1: Was erwarten Sie dieses Jahr von Martin Schmitt?

Schuster: Ich traue ihm zu, dass er punktuell noch was richtig Großes vor sich hat. Aber eine ganze Saison, einen alten Martin Schmitt, der den Gesamtweltcup gewinnt, den wird es nie wieder geben. Aber die soziale Funktion, die er eingenommen hat, die Vorbildwirkung und seine Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem empfinde ich als sehr, sehr wertvoll. Wenn Deutschland wieder die Nummer eins wird, hat er maßgeblichen Anteil. Ich hoffe, dass er im Schnee jetzt dann die Kurve kriegt, dass er konstant in den Punkten ist, und dann traue ich ihm bei ausgewählten Springen zu, sich punktuell ganz nach vorne pushen zu können. Da reicht auch die Energie bei so arrivierten Athleten. Über eine ganze Saison mit konstanten Spitzenleistungen rechne ich nicht.

SPORT1: Und bei Severin Freund? Kann er dieses Jahr schon in den Kampf gegen die Österreicher eingreifen?

Schuster: Die Österreicher muss man in zwei Kategorien sehen. Morgenstern und Schlierenzauer sind Ausnahmeerscheinungen, auf die kann man sich verlassen. Die Tendenzen zeigen, dass Schlierenzauer stärker ist als im vergangenen Jahr, obwohl er da am Ende Weltmeister wurde. Wenn diese beiden Ausnahmesportler in Form sind, wird es für jeden Springer schwer sie zu schlagen. Aber Severin hat es letztes Jahr in einem hochklassigen Wettkampf in Willingen bewiesen. Alle anderen kochen auch nur mit Wasser.

SPORT1: Wann wird Deutschland Österreich als die Nummer eins im Skispringen ablösen?

Schuster: Unser Ziel ist es, nicht mehr Nummer drei oder Nummer vier zu sein. Aber für uns ist es jetzt schon sehr schwer, Nummer zwei zu werden. Wir sollten erst mal schauen, dass wir die Norweger einholen, die ja immer erster Verfolger der Österreicher waren, dass wir die nächsten Jahre die Nummer zwei sind. Wenn nicht ein Wunder passiert, ist es schwer die Österreicher bis 2015 abzulösen. Wenn du zwei Sportler hast wie Schlierenzauer und Morgenstern, die 20 und 25 Jahre alt sind, wenn die fit bleiben, wird es brutal schwer die abzulösen. Für uns heißt es sich als Nummer zwei zu etablieren und den Abstand zu verringern.

SPORT1: Wen erwarten sie noch im Kampf um die Nummer 1 hinter Österreich?

Schuster: Die Polen schätze ich trotz des Rücktritts von Adam Malysz heuer sehr stark ein. Die haben viele junge Topathleten. Die profitieren von der verbesserten Infrastruktur mit den Schanzen in Szczyrk, Wisla und Zakopane. Da sieht man auch, wie sehr Leistungsentwicklung und Infrastruktur gekoppelt sind.

SPORT1: Es gibt dieses Jahr nur zwei Höhepunkte mit Vierschanzen-Tournee und Skiflug-WM. Wie gehen Sie die Saison an?

Schuster: Wichtig ist, gut zu starten, damit man früh vorqualifiziert ist. Das hilft enorm, auch, um eine gute Tournee zu springen. Das hat uns das letzte Jahr gezeigt, da haben wir davor zu wenige Ergebnisse gebracht. Wenn wir einen Top-Ten-Mann haben, der nicht Quali springen muss, dann kann auch ein deutscher Springer wieder um den Tournee-Sieg eingreifen oder auf einen Podestplatz springen.

SPORT1: Die letzten beiden Jahre stand beim Skispringen die Diskussion um die Bindung im Mittelpunkt. Wird wieder mehr über das Sportliche gesprochen statt über das Material?

Schuster: Das ist schwer abzuschätzen. Die Situation mit der Bindung hat sich entschärft, das hat sich soweit angeglichen, dass jeder die Skier flach stellt. Das Material wird immer eine Rolle spielen. Vielleicht finden wir eine Idee und überraschen alle anderen.

SPORT1: Wo sehen Sie beim Material Entwicklungspotenzial?

Schuster: Das gibt es überall. Man muss auf der Hut sein, was die Anzüge betrifft. Die Schnitte haben sich soweit stabilisiert, das Regelwerk ist klar, aber beim Anzugstoff wird immer geforscht. Der Bindungsbereich ist auch noch nicht ganz ausgereizt. Der Schuhbereich steckt noch in den Kinderschuhen - im wahrsten Sinne des Wortes. Aber hier gibt es eine Monopolstellung, von daher ist nicht einfach an den anderen etwas vorbeizuziehen. Wir werden an der Materialdiskussion nie vorbeikommen. Es ist immer ein Zusammenspiel zwischen Technik und Sportler, eine Interaktion. Einschnitte im Material hat wieder eine Rückkoppelung auf die Technik des Sportlers. Das ist das Spannende beim Skispringen.

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