"Freche Sau" Wellinger: Der neue Morgenstern
Von Rainer Nachtwey
München - Eigentlich hatte Bundestrainer Werner Schuster eine andere Aufgabe für ihn vorgesehen.
Ein bisschen kitzeln sollte er die Etablierten, die Großen im deutschen Skisprungteam.
Doch Andreas Wellinger hat bereits in den ersten zwei Monaten seiner Weltcup-Karriere mehr daraus gemacht.
Wellinger ist zusammen mit Severin Freund zum deutschen Hoffnungsträger bei der 61. Vierschanzentournee aufgestiegen, die am Samstag mit der Qualifikation in Oberstdorf (ab 15.45 Uhr im LIVE-TELEGRAMM) beginnt.
"Das Ziel war schon immer, dass ich irgendwann einmal vorne mitspringen kann. Dass es so schnell geht, habe ich aber nicht geglaubt - das hat wahrscheinlich keiner geglaubt", sagt das 17-jährige DSV-Küken.
Nur Top-20-Ergebnisse
Gleich mit seinem allerersten Sprung im Weltcup setzte er sich vor die internationale Konkurrenz, führte nach dem ersten Durchgang in Lillehammer das Feld um die deutschen Asse Freund und Richard Freitag sowie den österreichischen Superstar Gregor Schlierenzauer oder Weltcup-Gesamtsieger Anders Bardal an.
Dass der spätere fünfte Platz kein Ausreißer war, bestätigte er in den folgenden Springen.
In der norwegischen Olympiastätte von 1994 erreichte er Rang 17, war ein Sieggarant für die Mannschaft in Kuusamo und wurde im Einzel Fünfter, erreichte die Ränge elf und drei in Sotschi, wurde Zwölfter und Zweiter in Engelberg.
Neumayer schwärmt
Als Vierter der Weltcup-Gesamtwertung ist er für die Springen bei der Tournee vorqualifiziert.
"Es ist eine tolle Geschichte, was er bisher geleistet hat. Er ist ein Instinktspringer, das macht ihn sehr stark", lobt Bundestrainer Werner Schuster und führt weiter aus: "Er hat schon eine tolle Konstanz und wirklich sehr gute Anlagen."
Nicht nur sein Trainer schwärmt von ihm.
"Das ist einfach nur grandios, wie er allen um die Ohren fliegt. Das ist schon fast frech, was der Andi macht", sagt Teamkollege Michael Neumayer, mit 33 Jahren der Oldie im deutschen Team.
"Das hat man oder eben nicht"
Und auch der ehemalige Tourneesieger Dieter Thoma hat großen Gefallen an Wellinger gefunden.
"Der ist eine richtige Sau - das sagt man im Skispringen so gerne. Er zeigt keine Nerven, er springt unten rein und setzt auch im hohen Weitenbereich einen tollen Telemark", analysiert der Gewinner von 1990.
Mit seiner Lockerheit, dem frechen Auftreten und einem überragenden Skigefühl weckt der Ruhpoldinger Erinnerungen an zwei Große der Zunft: Gregor Schlierenzauer und Thomas Morgenstern.
Vor allem sein aggressiver Sprungstil ähnelt dem Morgensterns.
"Er findet immer ein Luftpolster, das ihn trägt. So was kann man nicht lernen, das hat man oder eben nicht", zeigt sich Schuster begeistert.
Großes Lob vom Erzrivalen
Auch die Konkurrenz aus Österreich hat Wellinger auf der Rechnung und schaut bei Sprüngen des Schülers vom Skigymnasium Berchtesgaden genauer hin ( GER vs AUT: Renaissance des ewig jungen Duells).
Tournee-Titelverteidiger Schlierenzauer hatte bereits in Lillehammer bemerkt: "Man muss ihn jetzt auf alle Fälle beobachten. Wenn er führt, muss er ja was können."
Und Österreichs Chefcoach Alexander Pointner sieht in Wellinger nicht nur einen Konkurrenten, sondern prognostiziert ihm eine große Karriere.
"Er ist im Nachwuchsbereich sehr gut ausgebildet worden und hat auch von seinem Charakter das, was die Journalisten gerne sehen: Ein junges, frisches Gesicht, bei dem man weiß, wenn die sportliche Leistung passt, dann kann man ihn auf mehreren Ebenen herzeigen."
Wellinger mit Humor
Doch soweit will Wellinger erst gar nicht denken. Für ihn zählt erst einmal die Tournee.
"Es ist meine erste Tournee und entsprechend groß ist die Vorfreude darauf. Bisher habe ich sie am Fernseher verfolgt, jetzt bin ich selbst dabei. Das ist großartig", sagt er.
Mit dem gestiegenen Medieninteresse kommt der Jugend-Olympiasieger mit der Mannschaft bestens zurecht. "Pro Sprung ist es mindestens ein Interview", sagt Wellinger und lacht dabei freundlich in die Kameras und Mikrofone.
"Alles, was jetzt kommt, ist die Krönung"
Angst, dass bei der Tournee aufgrund des enormen Programms von vier Springen in neun Tagen die Müdigkeit einsetzt, hat er aber nicht.
"Wir hatten über Weihnachten eine Pause. Ich fühle mich extrem fit und hoffe, dass das so auch weitergeht."
Und so nimmt er die Mammut-Aufgabe Tournee gewohnt locker und will sich auf Ziele erst gar nicht festlegen. "Ich habe schon viel mehr erreicht, als ich mir in der Vorbereitung vorgenommen hatte. Alles, was jetzt kommt, ist die Krönung."
Nächstes Ziel in Sicht
Ein Ziel hat er dann doch.
"Einen Weltcupsieg", sagt Wellinger und fügt lachend hinzu: "Der wird hoffentlich irgendwann kommen."
Zieht man seine bisherigen Sprünge in Betracht, dürfte der sogar bald kommen.


